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Samstag, 18. Februar 2012
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Schweiz Der Berg grollt, der Mensch schaudert

18.10.2009 ·  Schmelzendes Eis und abstürzende Felswände sind auch Attraktionen: Im Jungfraugebiet hat die touristische Vermarktung des Klimawandels begonnen.

Von Gerhard Fitzthum
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Das Chalet Milchbach ist ein verwunschener Ort inmitten bemooster Steine, hoher Farne und jungem Mischwald. Fast scheint es, als sei es in die Bergwelt eingewachsen, in der es sich versteckt. Um mehr zu sehen als die steilen Felswände, die im Rücken des alten Gasthauses in den Himmel ragen, muss man die Treppe zur Aussichtsterrasse hinaufsteigen. Jetzt sieht man den oberen Teil des Grindelwalder Talkessels mit Faulhorngipfel, Großer Scheidegg und Wetterhorn. Zur Linken blitzt die schneebedeckte Spitze des Eigers durch die Baumwipfel, zur Rechten, nur einige hundert Meter entfernt, dämmert der Hehli-Schopf im Sonnenlicht. Wer genau hinsieht, erkennt die Touristen, die den von Gletschern geschliffenen Felsenkegel auf verwegenen Holzstiegen erklimmen.

Dass das schlichte Ausflugslokal auf eine große Geschichte zurückblickt, dürfte den wenigsten Gästen bekannt sein. Sichtbar wird sie erst, wenn Wirt Peter Bohren einen Packen Fotos aus dem Schankraum holt. Es ist kaum zu glauben, dass die Aufnahmen den Ort zeigen, an dem man sich gerade befindet: Vor hundert Jahren stand der Fachwerkbau direkt am Oberen Grindelwaldgletscher, der seine Zunge bis fast ins Dorf hinunter streckte. Haushoch türmten sich damals die Eismassen, vom gegenüberliegenden Kalksteinfelsen ragte nur eine kleine Spitze heraus. "Das alles war einmal", sagt Bohren wehmütig. "Als Kind konnte ich noch über den Gletscher auf die andere Talseite gehen, denselben Weg, den auch die Alpinisten nahmen, wenn sie über die Glecksteinhütte zum Wetterhorn aufstiegen."

Leiternweg zum Gletscher

Jetzt hat sich der Gletscher zurückgezogen und den Hehli-Schopf zu einem nacktem Felshügel werden lassen. Damit die Touristen dort drüben überhaupt noch etwas zu sehen bekommen, hat man ihnen eine sechzig Meter lange Hängebrücke gebaut. "Doch auch von da aus ist längst kein Eis mehr zu entdecken", sagt Bohren und schüttelt den Kopf. Das Verschwinden des Gletschers hat den Wirt auch wirtschaftlich schwer getroffen. Vier Fünftel seines Umsatzes sind dahin. Um nicht Konkurs zu machen, musste er Personal entlassen und mit kleinster Besetzung weiterarbeiten. Statt des gewohnten Service gibt es heute nur noch Selbstbedienung.

Wer sich den Gletscher aus der Nähe ansehen will, braucht heute Mut. An der Rückseite des Chalets beginnt sich der Leiternweg in steilen Kehren aufwärtszuwinden. Er führt über immer schmaler werdende Felsbänder, die mit schlottrigen Holzleitern miteinander verbunden sind. Wer Höhenangst hat, macht hier irgendwann keinen Schritt mehr weiter - besonders wenn ihm klar wird, dass er auf genau demselben Weg zurückmuss. Irgendwann taucht die höhlenartige Felsspalte auf, die noch vor zwanzig Jahren direkt auf den Gletscher führte. Eine verrostete Kette schützt heute allzu sorglose Bergwanderer vor dem Sturz ins Nichts. Ein paar Meter entfernt baumelt ein vergessenes Seil in der fast senkrechten Wand. Achtzig Meter tiefer ahnt man den von Staub bedeckten Gletscherfuß. So viel Höhe hat der Eisstrom allein in zwei Jahrzehnten verloren!

Brodelnde Wassermassen

Trotzdem macht sich der Gletscher talabwärts immer wieder bemerkbar. Am 26. August dieses Jahres wehte plötzlich ein Eishauch ins Tal. Sekunden später schossen Wassermassen durch die Schlucht, große Eisbrocken tosten durch den Auwald und rissen Äste und Stämme mit sich. Irgendwo im Inneren des Gletschers hatte sich das Schmelzwasser so lange gestaut, bis die immer labiler werdenden Eiswände zerbarsten.

Einen leichteren Zugang zur Grindelwalder Gletscherwelt bietet der gemütliche Wanderweg, der von Milchbach aus um den ganzen Mettenberg herum ins Tal der Weißen Lütschine führt. Nach einer Stunde erreicht man die Pfingstegg, ein rustikales Berggasthaus in einer beeindruckenden Panoramaposition. Das ganze Hochtal des weltberühmten "Gletscherdorfes" Grindelwald liegt einem nun zu Füßen - eine Bilderbuchschweiz mit herrlich grünen Wiesen, auf denen schwarzweiße Kühe zwischen pittoresken Holzscheunen stehen, eingerahmt von einer atemraubenden Bergwelt. Auf der Terrasse herrscht der Andrang, nach dem man sich im Chalet Milchbach vergeblich zurücksehnt. Nicht nur ist hier die Aussicht besser, die Gäste müssen auch keinen Meter zu Fuß laufen. In nur fünf Minuten fliegen sie mit der Seilbahn von Grindelwald direkt vor das Lokal.

Sensationstouristen in Sandalen

Von einer Krise ist hier auch deshalb nichts zu spüren, weil in den vergangenen Jahren eine ganz neue Gästegruppe hinzugekommen ist: die Katastrophentouristen. Im Sommer 2006 war etwas weiter hinten im Tal eine ganze Felswand instabil geworden. Täglich wurde der Riss größer, der sich an der Eiger-Ostflanke gebildet hatte. Die Sensationspresse kündigte schon den Zusammenbruch des Gipfels an als ersten Vorboten des kommenden Klimawandels. Und die Massen strömten ins Reich des Unteren Grindelwaldgletschers. Gewinner der allgemeinen Aufregung war auch die Pfingsteggbahn, die die Schaulustigen ins Gebirge brachte. Sie bot ein preisgünstiges "Bergsturzticket" an, das sich bestens verkaufte. Als Dreingabe gab es ein Päckchen mit Papiertaschentüchern, die man sich zum Schutz der Atemwege vor den Mund halten konnte. Wer ängstlich nachfragte, bekam auch noch eine der Feinstaubmasken, die der Schweizer Zivilschutz gestiftet hatte.

Die Sensationstouristen, von denen viele noch eineinhalb Stunden zur Bäregghütte aufstiegen, manche sogar in Halbschuhen und Sandalen, riskierten damals Kopf und Kragen. Das wird einem schon nach wenigen Gehminuten klar. Gerade einmal einen Meter breit, führt der Bergweg durch steilste Grashänge, an deren unterem Ende der Abgrund gähnt. Das Szenario könnte nicht menschenfeindlicher sein - das gegenüberliegende, fast dreitausend Meter hohe Hörnli lässt an eine gigantische Kathedrale denken, die Wind und Wetter in Jahrmillionen in ein zerzaustes Fossil verwandelt haben. Weiter oben geht es unter einer Felswand hindurch, von der Wasser tropft, dann ergießt sich sogar ein Wasserfall auf den Weg. Inzwischen ist die Sonne hinter dem alles beherrschenden Eiger-Massiv verschwunden. Doch es ist nicht die zunehmende Düsternis, die den Adrenalinspiegel steigen lässt. Viel schlimmer ist die Ungewissheit, wo genau der Berg seine Stabilität verloren hat. Könnte nicht jeder der unzähligen Felsentürme sogleich in sich zusammenstürzen? Wie haltbar sind die Alpen noch unter diesen Bedingungen? Muss man nicht lebensmüde sein, um in der 1775 Meter hoch gelegenen Bäregg-hütte übernachten zu wollen?

Zerborstene Steilwand

Wer die Abbruchstelle von 2006 entdeckt, ist freilich erst einmal beruhigt. Sie liegt am Gegenhang etwa auf selber Höhe. Was immer hier noch abstürzt, kann einem ganz sicher nicht auf den Kopf fallen. Außerdem ist das meiste längst auf den Gletscherfuß gekracht. Der ist nun zu einer einzigen Geröllhalde geworden, in der die noch verbliebenen Reste der Felswand langsam versinken. Ob unter der schwarzen Masse wirklich noch Eis liegt, ist nicht zu erkennen.

Mit der Bäreggterrasse erreicht man den Aussichtspunkt, auf dem sich im Sommer 2006 tagtäglich Hunderte von Journalisten und Schaulustigen versammelt hatten. Am heutigen Abend ist sie menschenleer. In der zerborstenen Steilwand rieselt es ein bisschen, aus der Ferne rauschen die Wasserfälle, ansonsten herrscht gespenstische Stille. Auch Hansruedi Burgener, der Bäreggwirt, scheint dem in Bewegung gekommenen Berg keine Aufmerksamkeit mehr zu widmen. "Wir sind hier im Hochgebirge, da rutscht und stürzt immer was, das ist seit Urzeiten so und wird auch in Zukunft so sein", sagt er trocken. Bedrohlich findet er einzig den rätselhaften Gletschersee, der sich in den vergangenen Jahren gebildet hat. Ohne dass die Geologen wissen, woher genau das Wasser kommt und auf welchem Wege es abfließt, schwankt der Wasserspiegel von einem Tag zum nächsten. Im Mai 2008 passierte dann, was schon lange befürchtet worden war: Der See leerte sich schlagartig, ein immenser Wasserschwall schoss durch die enge Gletscherschlucht, riss dort das Plateau der Bungee-Springer-Anlage weg und überschwemmte den Grindelwalder Golfplatz. Die regionalen Behörden zögerten nicht lange: Fünfundzwanzig Millionen Franken haben Gemeinde und Kanton investiert, um einen Abflussstollen durch die Felsen zu sprengen. Die Arbeiten sind nahezu beendet. In wenigen Wochen wird der Gletschersee unterirdisch angebohrt, um einen regelmäßigen Abfluss zu gewährleisten.

Gigantische Steinmure

Die Tourismusverantwortlichen haben die Ereignisse im Lütschinental lange Zeit mit gemischten Gefühlen beobachtet. Sie befürchteten das Negativimage eines Risikozieles und hielten die Klimawandeldiskussion für touristisch kontraproduktiv. Erst jetzt, nachdem sich die erste Aufregung wieder gelegt hat und die Überschwemmungsgefahr gebannt zu sein scheint, beginnt man die Marketing-Chance zu nutzen, die in diesem unerfreulichen Thema liegt. In Zusammenarbeit mit der Universität Bern wurde ein Outdoor-Audioguide entwickelt, der geologisch interessierte Gäste entlang von sieben ausgewiesenen Wanderungen über die Schlüsselstellen der alpinen Klimaerwärmung informiert. Gespeichert sind die Hörstücke auf GPS-gestützten iPhone-Geräten, die man für zwanzig Franken in den Tourismusbüros des Jungfraugebiets ausleihen kann.

Auf der Hütte sehen wir abends ein Amateurvideo, das Pablo Kaufmann, der Sohn eines Schafhirten, im Jahr 2002 gedreht hat. Es zeigt, wie sich eine gigantische Steinmure durch den Tobel wälzt, etwas oberhalb der Stieregghütte, die Hansruedi Burgener damals gerade übernommen hatte. "Das war aber erst der Anfang," sagt der Grindelwalder im ruhigen Ton des Bergbewohners. Fast im Jahresrhythmus seien nun Wasser und Steine durch den immer größer werdenden Tobel geschossen. Im Frühjahr 2005 entdeckte seine Frau dann unweit der Hütte einige Risse im Boden, und es dauerte nur noch ein paar Tage, bis das Gebäude zur Hälfte über dem Abgrund stand. Der größte Teil des Moränenplateaus war über Nacht in der Gletscherschlucht verschwunden. So musste die Hütte aufgegeben und abgerissen werden. Als Nachfolgebau wurde dann die Bäregghütte errichtet - auf einem stabilen Felsgrat. "Nach menschlichem Ermessen ist das hier einigermaßen sicher", sagt Ruedi Burgener und zuckt die Achseln. Hundertprozentige Sicherheit gebe es im Hochgebirge nun einmal nicht. "Wenn eine Hütte hier oben fünfzig Jahre alt wird, ist das viel."

Abgerutschte Hütte

Warum die Stieregghütte ins Rutschen geriet, ist dagegen absolut sicher: Es ist die Folge des abschmelzenden Gletschers. Dort, wo dieser über Jahrhunderte den Moränenhang stabilisierte, fehlte nun der Gegendruck - der Untergrund kollabierte. Der große Felssturz von 2006 hatte keine andere Ursache: Nach dem Rückzug des Gletschers entluden sich die Spannungen im Fels. Dazu kam, dass Schmelzwasser den Weg in Risse und Spalten gefunden hatte. Nicht erst der Frost, sondern allein der Wasserdruck sprengte nun die vordem kompakte Gesteinsmasse auseinander. Deshalb passierte in den Wintermonaten auch kaum etwas. Jeweils im Frühjahr, wenn das gefrorene Wasser wieder aufzutauen begann, setzte der Prozess von neuem ein. Steigen die Temperaturen im alpinen Hochgebirge weiterhin so überproportional wie zuletzt, werden die nächsten Felsabbrüche nicht lange auf sich warten lassen. Der "Bergsturzkafi", den Ruedi Burgener seinen Gästen anbietet, ist ganz sicher kein Auslaufmodell.

Wer sich die Folgen des Klimawandels noch deutlicher vor Augen führen will, muss weiter in Richtung Schreckhornhütte aufsteigen. Nach einer Stunde, in der man sich den schmalen Bergsteig mit freilaufenden Schafen teilen muss, weitet er sich zu einem Logenplatz: einer grasbewachsenen Bergschulter, von der aus man Eiger, Schreckhorn und Fiescher Horn zugleich sieht. Das wilde Eismeer des Fiescher Gletschers liegt nun genau gegenüber, zum Greifen nah. Hier spielt sich das eigentliche Klimadrama ab: Im steilsten Teil brechen fast im Halbstundentakt mächtige Eispakete ab und stürzen mit großem Getöse auf den Gletscherrücken des Unteren Grindelwaldgletschers - ein Naturschauspiel ersten Ranges, das umso eindrücklicher wirkt, als man hier oben ganz alleine ist.

Unkalkulierbare Gefahr

Womöglich sind es die Warnschilder des Schweizer Alpenclubs, die die Touristen von diesem einmaligen Aussichtspunkt fernhalten. Sie weisen schon kurz hinter der Bäregg auf Deutsch, Englisch, Französisch und Japanisch darauf hin, dass man sich auf eine alpine Route begibt, sich also den unkalkulierbaren Gefahren des Hochgebirges aussetzt. Am gefährlichsten ist die Durchquerung des Tobels, aus dem sich der Sohn des Schafhirten damals gerade noch retten konnte. Entsprechend warnt die Tafel davor, beim Durchqueren der steilen Rinne zu trödeln oder hier am Ende gar ein Picknick zu machen.

Information: Grindelwald-Tourismus, Postfach 124, CH-3818 Grindelwald, Telefon: 0041/33/8541212, E-Mail: touristcenter@grindelwald.ch, Internet: www.grindelwald.com.

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