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Report des Weltklimarats : Vernebelter Klimawandel

Gletscher schmelzen und brechen: Der Klimawandel findet statt Bild: dpa

Der beschleunigte Klimawandel ist empirisch hinreichend belegt. Wer ihn dennoch infrage stellt oder meint, die ganze Sache habe sich als Hokuspokus entpuppt und müsse ad acta gelegt werden, der vernebelt und verrät vor allem eines: eigene Interessen.

          Wenn Wissenschaft der Versuch ist, Ordnung in unsere Erfahrungen zu bringen, dann haben die Klimaforscher einen Orden verdient. Sie sind die wahren Helden der Empirie. Seit dem Fall der Berliner Mauer liefern sie, organisiert als weltumspannendes Netz von Dateninterpreten, Gutachtern und Obergutachtern, regelmäßig und ehrenamtlich alle fünf Jahre ein paar tausend Berichtsseiten ab, auf denen die ökologischen Wirkungen unseres zivilisatorischen Treibens aufgelistet werden. Für den anstehenden Report des Weltklimarats IPCC allein sind mehr als fünfzigtausend Fachkommentare eingegangen. Nicht zu vergessen der ganz normale Publikationsbetrieb mit Tausenden Studienergebnissen.

          Zuletzt haben die Klimatologen Indizien präsentiert, die erklären sollen, warum die globale Erwärmung seit ein paar Jahren eine Pause eingelegt hat. Eine natürliche Schwankung der riesigen Wärmepumpe im Pazifischen Ozean hat offenkundig den steilen Anstieg der Temperaturwerte, der in den neunziger Jahren noch unvermeidlich zu sein schien, mehr oder weniger neutralisiert - vorübergehend aber nur, wie die Wissenschaft mitteilt, denn jede Phase eines natürlichen Zyklus kommt irgendwann auch zu einem Ende. Der von Menschen angetriebene Klimawandel aber nicht, vorerst jedenfalls nicht.

          Überflüssige Fragen

          Die Wissenschaft kann das freilich nicht hieb- und stichfest beweisen. Sie sammelt Erfahrungen, aber kein Experiment der Welt kann die Zusammenhänge zweifelsfrei belegen - wie so vieles, was sich zwischen Himmel und Erde abspielt. Absolut sicher ist nichts. Mehr noch: Da sie die lange Klimawandelpause nicht schon in den neunziger Jahren vorhergesagt hatte, wie viele das offenbar von einer naturwissenschaftlichen Disziplin erwarten, die mit Supercomputern ausgestattet ist und damit komplexe „Erdsystem“-Modelle bis weit ins dritte Jahrtausend hinein betreibt, nützt der Klimaforschung natürlich alles Erfahrungswissen nichts. Die Geier, die auf solche Lücken nur gewartet haben und über ihren Köpfen kreisen, lassen kein gutes Haar an den Empirikern. Und so kommt es, dass in Alltagsgesprächen, Vorträgen, Blogs und Zeitungsartikeln oft weniger der Stand der Erkenntnisse interessiert als die persönliche Meinung.

          Glauben Sie noch an den Klimawandel? Die Frage, die eigentlich heißen müsste: Glauben Sie noch den Klimaforschern?, ist vollkommen überflüssig. Der beschleunigte Klimawandel, ob groß oder klein, ob mit oder ohne Pausen, ist empirisch hinreichend belegt. Wer die Frage dennoch stellt oder gar die These damit verbindet, die ganze Sache habe sich als Hokuspokus entpuppt und müsse ad acta gelegt werden, der vernebelt und verrät vor allem eines: eigene Interessen. Ob Lobbyisten, Besserwisser oder Verschwörungstheoretiker - was sie produzieren ist so ziemlich das Gegenteil von Erfahrungswissen.

          Klimapolitik ist keine Farce

          Dass die Meere durch den Kohlendioxideintrag schleichend versauern; dass die Gletscher immer schneller schmelzen; dass viele Tier- und Pflanzenpopulationen schrumpfen oder Zuflucht in klimatisch zuträglicheren Gegenden suchen; dass auch Menschen unter den rapiden Veränderungen leiden, das sind unleugbare Beobachtungen, die der Steuerzahler sich hat einiges kosten lassen. Die richtige, die vorausblickende Frage kann deshalb nur eine moralische sein: Was ist zu tun, wer trägt Verantwortung? Die Repräsentanten der beiden größten Klimasünderstaaten, der amerikanische und der chinesische Präsident, Obama und Xi Jingping, haben auf dem G-20-Gipfel eine vage Antwort gegeben. Sie haben vereinbart, gemeinsam für ein weltweites Verbot fluorierter Treibhausgase, sogenannter HFC, einzutreten. Diese industriellen Gase hatte man einst als Ersatz für die verbotenen FCKWs eingeführt, ihre Klimaschädlichkeit wurde aber unterschätzt. Ihre Wirkung entspricht insgesamt etwa der von zwei Jahren globaler Kohlendioxidemission. Klimapolitisch ist das nicht mehr als ein Lebenszeichen. Aber es ist, nach einer Phase, in der nicht nur die Welttemperaturen stagnierten, sondern auch die Luft für multilaterale Klimapolitik immer dünner wurde, zumindest ein Hinweis: Klimapolitik ist keine Farce, so wenig wie der Klimawandel als Auslöser.

          Der Richtungswechsel in eine nachhaltigere Zukunft soll also weiter gelten. Nur: Nüchtern betrachtet, ist der ökologische Umbau weiterhin vor allem eine Absicht. Die Emissionsbilanzen sind, global gesehen, miserabel. Daran hat sich nichts geändert. Und die Forschung? Sie ist zwar zu einer empirischen Großmacht geworden, sie hat gesellschaftliches Gewicht, aber sie setzt auch einiges aufs Spiel. Sie steigt regelmäßig im Weltklimarat mit der Politik ins Bett, lässt sich von Regierungsvertretern ihren Schlussbericht absegnen; sie hat durch Schlamperei Skandale produziert, ihr Wahrheitsanspruch hat durch bloßgestellte Wissenslücken gelitten. Zu guter Letzt wird sie nun mitten in den Vorbereitungen auf den fünften Klimabericht auch noch wegen Heimlichtuerei verspottet. Mit wissenschaftlichen Idealen hat das alles nicht mehr viel zu tun. Vielleicht hat der IPCC den Friedensnobelpreis verdient, als Stimme der Wissenschaft und im Sinne des Klimaschutzes braucht er mehr Unabhängigkeit. Mindestens.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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