11.10.2007 · Gibt es einen Ausweg aus der Weltklimakrise? Die klügsten wissenschaftlichen Köpfe suchen nach einer Antwort auf diese Frage. Die Idee einer Installation von thermischen Solarpanel-Parks hat die Hoffnung auf eine saubere Großlösung beflügelt.
Von Joachim Müller-JungMit Nobelpreisträgern und zumal, wenn sie in Mehrzahl auftreten, lässt sich gut Staat machen. Wer wollte uns in diesen Tagen vom Gegenteil überzeugen? Wenn dann noch diese klügsten aller wissenschaftlichen Köpfe wie nun in Potsdam gleich im Dutzend zusammensitzen und sich ein paar Tage Zeit nehmen, zusammen mit den ökologischen Vordenkern unserer Zeit einen Ausweg aus der sich zuspitzenden Weltklimakrise zu entwickeln, dann gewinnt die Hoffnung auf eine bessere planetare Zukunft plötzlich ganz neue Dimensionen.
In Potsdam hat man für diesen Übertritt in die Sphäre einer globalen „Kohlenstoff-Gerechtigkeit“ (internationaler Code: Carbon Justice) einen durchaus anspruchsvollen Begriff gefunden: Er heißt Globale Transformation – groß geschrieben. Der Begriff steht über dem „Potsdam-Memorandum“, und er steht ganz offenkundig für weit mehr als nur Klimaschutz.
„Mut zur utopischen Spekulation“
Der Klimaberater der Kanzlerin, Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der sowohl das Papier als auch das bemerkenswerte Nobeltreffen im Neuen Palais zu Potsdam initiiert und glücklich auf dem Höhepunkt der wiedererwachten klimapolitischen Debatte in der Welt positioniert hat, sah sich damit nach Abschluss der Tagung auf mehrfache Weise bestätigt: Zum Beispiel, dass man nicht so tun darf, als sei der zu erzwingende Übergang in eine klimaverträgliche und gerechtere Weltgesellschaft eine anspruchslose Aufgabe.
Murray Gell-Mann, der immer hellwache und gelegentlich zu Sarkasmus neigende achtundsiebzigjährige Elementarteilchen-Entdecker aus Kalifornien, sprach in diesem Zusammenhang vom „Mut zur utopischen Spekulation“, derer es nun dringend bedürfe – bei den jungen wissenschaftlichen ebenso wie den politischen und wirtschaftlichen Eliten: „Solange aber die Macht auf der nationalen Ebene liegt, die Probleme hingegen global sind, wird es mit der Verwirklichung schwierig“, mahnte der Mann, dessen besondere Beziehung zu deutschen Nobelpreisträgern er gerne mit dem Hinweis schmückt, gegen den großen Werner Heisenberg zur Elementarteilchenphysik einige Wetten gewonnen – aber nie ausgezahlt – bekommen zu haben.
Marshallplan für Klimawandelgeplagte
Die große Transformation steht letztlich für Vieles, was das menschliche Treiben auf dem Globus verträglicher gestalten soll. Für die utopische Dimension der neuen Klimapolitik, vor allem aber auch für ihre konkrete, nämlich großtechnische Dimension. In der Abschlusserklärung, die alle Teilnehmer des Potsdamer Nachhaltigkeitssymposions ohne großartige Debatten zu unterschreiben bereit waren, findet sich der hohe Anspruch an die Innovationskraft des menschlichen Geistes an vielen Stellen wieder.
Zum Beispiel in dem Wunsch, die „Neuerfindung unseres industriellen Metabolismus“ zu erreichen. Und zwar mittels eines globalen Marshallplans für die Nöte der klimawandelgepeinigten Ärmsten, der am Ende mit einem „multinationalen Innovationsprogramm zur Deckung der menschlichen Grundbedürfnisse“ zu verknüpfen sei. Was das heißen soll, machen ein paar der gebrauchten Schlagworte deutlich: Manhattan-Projekt, Sputnik- und Apolloprogramm, Grüne Revolution – all das werde von dem notwendigen, weltumspannenden Vorhaben, wie man sich das in Potsdam ausgedacht hat, weit übertroffen.
Sonnenenergie stellt alles in den Schatten
Ganz konkret und damit durchaus verschieden von vergleichbaren Manifesten wurde man im Potsdam-Memorandum an der Stelle, wo es um die technischen Optionen geht. Die Sonnenenergie stellte hierbei alles in den Schatten. Zu dieser Überzeugung dürften vor allem Physik-Laureat Carlo Rubbia und Chemie-Nobelpreisträger Alan Heeger mit seinen Billig-Kunststoffsolarzellen beigetragen haben.
Insbesondere Rubbia, der ehemalige Leiter der Genfer Elementarteilchenschmiede Cern, hat mit den Bildern und Zahlen zur Installation riesiger thermischer Solarpanel-Parks in sonnenreichen Weltgegenden die Hoffnung auf eine saubere Großlösung beflügelt. Wahrhaftig: Das solare Technikzeitalter scheint die Herzen der klugen Männer im Sturm erobert zu haben.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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