20.02.2009 · Als Forschungsnation hat unser Land gestern am Südpol einen historischen Moment erlebt: Die Eröffnung der deutschen Station Neumayer III in der Antarktis ist ein ingenieurtechnisches Meisterstück - und zeugt vom Willen, in der Polarforschung zu neuen Ufern aufzubrechen.
Von Joachim Müller-JungAls Forschungsnation hat unser Land am Freitag am Südpol einen historischen Moment erlebt. Gedanklich aber dürften sich die Gratulanten in der ersten Reihe, allen voran Bundesforschungsministerin Schavan per Videozuschaltung aus Berlin, etwas unsicher gefühlt haben. Wenn ringsherum Drohkulissen des Untergangs aufgebaut werden, ist es sicher nicht leicht, die Einweihung einer vierzig Millionen Euro teuren und fast vierzehntausend Kilometer entfernten Polarstation in Sektlaune zu würdigen. Aber warum eigentlich nicht? Warum sollte die Inbetriebnahme eines ingenieurtechnischen Meisterstücks, wie es die Neumayer-III-Station ist, nicht der richtige Zeitpunkt sein, Optimismus zu tanken?
Gewiss sind zweitausenddreihundert Tonnen auf Eis und Schnee verbauter Stahl noch kein Grund, die eigene Zukunft rosiger zu sehen. Nimmt man aber in den Blick, welche Entwicklung die Antarktisforschung in nicht einmal vier Generationen auf dem sechsten Kontinent genommen hat, sieht die Sache schon anders aus. Lange war die Antarktis Terra incognita, bis vor fast sieben Dekaden die ersten polaren Außenposten eine kontinuierliche Besiedlung und Erschließung der Eiswüsten eingeleitet haben.
Wertvolles Forschungsterritorium
Ein Wissenschafts- und Abenteurerphänomen gewiss, und bis heute keine Völkerwanderung. Viertausend Menschen im Sommer und tausend im antarktischen Winter sind für den Kontinent, der unter seinen kilometerdicken Eispanzern fast ein Zehntel der irdischen Landmasse einnimmt, verschwindend wenig. Und doch entwickelte sich der weiße Mythos, von dem noch ehrfurchtsvoll der Norweger Fridtjof Nansen sprechen konnte, unwiderstehlich zu einem hochinteressanten und für die Zukunft des Planeten unschätzbar wertvollen Forschungsterritorium. Nicht zuletzt für die heute so wichtige Klimaforschung.
Der deutsche Beitrag zu diesem internationalen Forschungsverbund ist inzwischen herausragend. Als Symbol dieses Erfolgs taugen allein schon die dreißig Jahre, in denen aus den ersten aus Blechröhren aufgebauten und mit Holzkisten zugestellten Neumayer-Stationen im ewigen Eis diese nun geradezu komfortable Hightech-Forschungszentrale am Südpol geworden ist. Die Station zeugt vom Willen zum Aufbruch. Schon das allein ist heute viel wert.
Ich denke mal ...
Frank Geiser (geiser123)
- 23.02.2009, 02:52 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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