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Pannenserie IPCC kommt auf den Prüfstand

10.02.2010 ·  Die Häufung von Fehlern des Weltklimarates hat Folgen: Die Arbeit des Rates soll von „unabhängigen Beratern“ überprüft werden. Die Bilanz eines Führungsmitglieds nach einem IPCC-Treffen in Washington.

Von Ottmar Edenhofer
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Der Weltklimarat (IPCC) hat Fehler gemacht. Aussagen zur zukünftigen Gletscherschmelze im Himalaya wurden nachlässig recherchiert; das mögliche Ausmaß klimabedingter Ernteeinbußen in Afrika wurde durch das Fehlen ergänzender Informationen dramatisiert, und der Anteil Landfläche in den Niederlanden, der unterhalb des Meeresspiegels liegt, wurde falsch ausgewiesen. Der Weltklimarat hat zu lange gebraucht, um diese Fehler offen einzuräumen und nach Wegen zu suchen, wie sie künftig vermieden werden können. Dieses Zaudern hat eine Debatte um seine Zukunft entfacht, die schmerzhaft, aber dennoch notwendig und nützlich ist.

Die Debatte dreht sich um zwei einfache Fragen: Bearbeitet der Weltklimarat die richtigen Aufgaben? Und: Bearbeitet der Weltklimarat seine Aufgaben richtig? Dass diese Debatte so vehement, so leidenschaftlich und manchmal auch so unsachlich geführt wird, zeugt zunächst einmal vom Erfolg des IPCC. Denn ohne den Weltklimarat gäbe es keine interdisziplinäre Klimaforschung, und der Klimawandel wäre nicht eine der Hauptprioritäten auf der internationalen Tagesordnung. Ohne den IPCC wäre Kopenhagen gar nicht erst zustande gekommen.

Obwohl man Kopenhagen mit guten Gründen als einen politischen Fehlschlag werten kann, sollte dieses vordergründig politische Scheitern doch nicht den Blick darauf verstellen, dass die Staats- und Regierungschefs zum ersten Mal auf Basis einer gemeinsamen Problemwahrnehmung verhandelten. Ohne diese gemeinsame Problemwahrnehmung würde es den Staaten auch schwerfallen, ihr nationales Interesse angesichts globaler Risiken neu zu definieren. Gerade darum sind die Fehler so ärgerlich und gerade darum wird jetzt so heftig über die Zukunft des IPCC gestritten. Denn weder die Öffentlichkeit noch die Politiker wollen Rat von Experten, die im Verdacht stehen, eigene politische Zwecke zu verfolgen oder deren wissenschaftliche Qualifikation zweifelhaft ist.

Bearbeitet der Weltklimarat also die richtigen Aufgaben?

Der Weltklimarat ist ein Gremium für wissenschaftliche Politikberatung. In Form von Sachstands- und Sonderberichten soll er entscheidungs- und handlungsrelevantes Wissen bereitstellen, das nach den üblichen Regeln der Wissenschaft geprüft und bewertet wurde. Der Weltklimarat darf, so schreiben es seine Statuten vor, politische Entscheidungen nicht präjudizieren, indem er bestimmte politische Maßnahmen empfiehlt. „Policy relevant, but not policy prescriptive“ heißt das, was man übersetzen könnte mit: Wir machen politikrelevante Forschung, aber machen keine Politik. Eine Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Politik.

Was ist denn nun entscheidungsrelevantes Wissen? Zum einen die Kenntnis der alternativen Entwicklungspfade, die zur Auswahl stehen, und zum anderen Kosten, Nutzen und Risiken, die mit diesen Alternativen verbunden sind. Wer sich mit diesen Fragen beschäftigt, wird schnell feststellen, dass eine umfassende Darstellung der alternativen Entwicklungspfade, ihrer Kosten und Risiken mit großen Schwierigkeiten behaftet ist. Es gibt noch große Wissenslücken, die in den nächsten Jahren geschlossen werden müssen.

Die Vorsitzenden des Weltklimarates arbeiten intensiv daran, diese Lücken im Gespräch mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu schließen: So ist es zwar unstrittig, dass der Mensch hauptsächlich für den Klimawandel verantwortlich ist. Weniger klar ist jedoch, welche globalen und regionalen Risiken die Menschheit in Kauf nimmt, wenn die globale Mitteltemperatur um zwei oder drei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zunimmt. Daher wird gerade ein eigener Sonderbericht erstellt, der sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, in welchem Maße die Extremereignisse zunehmen könnten, wenn die globale Mitteltemperatur steigt. Heftig umstritten war noch im vierten Sachstandsbericht, der 2007 veröffentlicht wurde, welche Rolle die erneuerbaren Energieträger bei der Emissionsminderung spielen können. Auch hierzu bereitet der Weltklimarat einen Sonderbericht vor. Die zunehmende Urbanisierung als eine der treibenden Kräfte für den starken Anstieg der weltweiten Emissionen wurde bislang ebenfalls vernachlässigt. Alle diese Fragen werden im nächsten Sachstandsbericht des Klimarates ausführlich behandelt werden.

Nur wenn die Lücken geschlossen werden, wird deutlich, welche Alternativen es gibt, sich an den Klimawandel anzupassen. Nur wenn diese Alternativen klar sind, kann der Eindruck vermieden werden, es gäbe nur einen Weg zu einer kohlenstoffarmen Weltwirtschaft; Denn gefährlich wird wissenschaftliche Politikberatung immer dann, wenn nur ein Weg exploriert und damit präjudiziert wird. Gerade dann besteht die Gefahr, dass im Namen der Wissenschaft eine Politik legitimiert wird, für die es keine oder eine zu schmale Wissensbasis gibt.

Der politischen Versuchung widerstehen

Wissenschaftler sind keine Ersatzpolitiker. Oft genug wird aber die Wissenschaft durch die Politik in diese Rolle gedrängt. Denn gerade Politiker pflegen ihre Entscheidungen gerne mit Sachzwängen zu legitimieren. Diese Nachfrage nach Sachzwängen darf die Wissenschaft nicht befriedigen, will sie glaubwürdig bleiben. Das neue Arbeitsprogramm des Weltklimarats zeigt, dass er gewillt ist, die Entscheidungsrelevanz seiner Berichte zu erhöhen, aber der Versuchung widerstehen will, das Geschäft der Politik zu erledigen.

Warum aber, so könnte man fragen, braucht man hierzu ein „Intergovernmental Panel“? Die Regierungen müssen der „Zusammenfassung für die Entscheidungsträger“ zustimmen; diese wird gemeinsam von Regierungen und Wissenschaft erarbeitet. Auf den Gesamtbericht haben die Regierungen zwar keinerlei Einfluss, müssen aber den gesamten Bericht zur Kenntnis nehmen. Das hat zur Folge, dass sich die Regierungen mit dem Sachstand vertraut machen und zugleich den zentralen Schlussfolgerungen für die Politik zustimmen müssen. Darüber hinaus erarbeiten Regierungen und Wissenschaft gemeinsam das Arbeitsprogramm für einen Sachstandsbericht. Dadurch wird sichergestellt, dass die Fragestellungen der Berichte entscheidungsrelevant sind. Die Antworten obliegen jedoch allein den Wissenschaftlern.

Bearbeitet der Weltklimarat seine Aufgaben richtig?

Die jüngsten Fehler haben Zweifel daran aufkommen lassen, ob die Verfahren des Weltklimarates effizient sind. Die Antwort kann deshalb nur lauten: Sie sind verbesserungswürdig. Daher soll ein unabhängiges Beratungsgremium die Verfahren des Weltklimarates auf den Prüfstand stellen.

So wurde besonders die Verwendung der sogenannten grauen Literatur kritisiert. Graue Literatur ist darum problematisch, weil sie nicht durch unabhängige Experten begutachtet wurde, wie dies bei wissenschaftlichen Zeitschriften üblich ist. Deshalb wurde die Forderung laut, den Sumpf der grauen Literatur auszutrocknen und nur noch begutachtete Literatur zu verwenden. Nun sind aber viele für den Weltklimarat relevante Daten nur als graue Literatur verfügbar: die Daten der Weltbank, der Internationalen Energieagentur oder des Internationalen Währungsfonds, um nur einige wichtige Beispiele zu nennen. Aber auch technische Daten zu Pilotprojekten, beispielsweise zur Ozeanenergie, werden nur von Unternehmen bereitgestellt und sind oftmals so neu und aktuell, dass sie noch keinen Eingang in die begutachtete Literatur gefunden haben. Will der Weltklimarat relevant sein, so muss er - auch aus Gründen der Aktualität - auf diese Daten zurückgreifen können. Allerdings sollte in Zukunft die graue Literatur als solche ausgewiesen werden, und die Autoren müssen die darin bereitgestellten Daten und Sachverhalte kritisch überprüfen und bewerten. Diese Bewertung muss in den Berichten des Weltklimarates explizit ausgewiesen sein. Wenn Daten einer genaueren Prüfung nicht standhalten, dürfen sie auch nicht verwendet werden.

Auch kann das Begutachtungsverfahren für die einzelnen Versionen der Berichte effizienter gestaltet werden. Anstatt wie bisher jeden Gutachter zu bitten, alle Teile eines Berichtes zu lesen, kann man die Gutachter bitten, sich einzelne Teile genau anzusehen. Auch sollten die Autoren in den verschiedenen Arbeitsgruppen sich gegenseitig bewerten. Hätte man Glaziologen gebeten, sich die relevanten Abschnitte über die Gletscher im Himalaya anzuschauen, hätte der Fehler vermieden werden können.

Viele Verbesserungsvorschläge

Es werden in den nächsten Wochen viele Vorschläge erarbeitet werden, wie die Arbeit des Weltklimarates verbessert werden kann. Diese Diskussion wird den Weltklimarat stärken. Bei aller Kritik hat er sich immer als lernfähig erwiesen. Er wird sich auch als lernfähig erweisen müssen, denn die Herausforderungen sind beträchtlich. Der Weltklimarat soll Politik und Gesellschaft ermächtigen, sich Klarheit darüber zu verschaffen, wie vernünftige Antworten auf den Klimawandel gefunden werden können. Es lohnt sich, die Arbeit des Weltklimarates zu verbessern und seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen.

Ottmar Edenhofer ist Mitvorsitzender der Arbeitsgruppe III im Weltklimarat sowie Chefökonom und stellvertretender Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

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