12.08.2007 · Wissenschaftler rechnen mit einem neuen absoluten Minusrekord: Nie zuvor seit Beginn der Satellitenmessungen ist das Meereis in der Arktis in so kurzer Zeit so stark geschmolzen wie in den Sommermonaten Juni und Juli.
Von Joachim Müller-JungSchon einen Monat vor dem kritischen Moment, an dem die Polarforscher normalerweise die geringste Ausdehnung des Packeises im Nordpolarmeer messen, rechnen Wissenschaftler mit einem neuen absoluten Minusrekord. Noch nie zuvor seit Beginn der regelmäßigen Satellitenmessungen Ende der siebziger Jahre ist das Meereis in der Arktis in so kurzer Zeit so massiv geschmolzen wie in den Sommermonaten Juni und Juli.
Mittlerweile umfasst die von Eis bedeckte Fläche um den Nordpol weniger als 5,8 Millionen Quadratkilometer. Das sind knapp 700.000 Quadratkilometer weniger als bei dem zu dieser Zeit herrschenden Minusrekord im Jahr 2005 und fast zwei Millionen Quadratkilometer weniger, als man im Durchschnitt der vergangenen zweieinhalb Dekaden ermittelt hat. Das teilte das amerikanische National Snow and Ice Data Center (NSIDC) an der Universität von Colorado in Boulder mit.
Forscher Chapman: ganze Arktis betroffen
Von einem „historischen Meereis-Minimum“ spricht auch der Atmosphärenforscher William Chapman. An der Universität von Illinois in Urbana-Champaign führt er seit vielen Jahren eine Art Tagebuch der Polareisveränderungen und ein Eisdatenarchiv, das bis ins Jahr 1870 zurück reicht. In den vergangenen sechs Jahren hatte Chapman fast ausschließlich Minusrekorde gemeldet. Im Unterschied zu den vorausgegangenen Sommerschmelzen, in denen massive Eisverluste vor allem in einzelnen Polarregionen wie der Beaufortsee und dem Behringmeer oder dem Grönlandmeer und den nördlichen Ausläufern des Nordatlantiks vor Nordeuropas Küsten registriert worden waren, sieht Chapman dieses Jahr die ganze Arktis an ihren Rändern betroffen.
Den Daten des NSIDC zufolge gibt es trotzdem einen geographischen Scherpunkt der Sommerschmelze: Demnach hat die Eisausdehnung hauptsächlich in der Beaufortsee vor Nordalaska sowie im Chuckchimeer und vor den Küsten Ostsibiriens stärker als üblich abgenommen.
Dabei begann die Sommersaison meteorologisch durchaus nicht rekordverdächtig: Bis Mitte Juni ging das Meereis merklich langsamer zurück als vor zwei Jahren. Das hat sich danach allerdings fast schlagartig geändert. In den folgenden Wochen soll es nach Auskunft der amerikanischen Polarforscher „tageweise“ zu Rekordschmelzschüben gekommen sein.
Packeis konnte sich nicht nach Süden dehnen
Mittlerweile hat sich die Schmelzrate zwar offensichtlich wieder einigermaßen normalisiert, aber alles deutet nach Angaben der Polarforscher darauf hin, dass die Polareisfläche wie in den vergangenen Jahren bis in die zweite Septemberwoche hinein weiter zurückgeht und das absolute Rekordminus von knapp 5,3 Millionen Quadratkilometer aus dem Jahr 2005 unterschritten wird.
Was die Ursachen angeht, wollen die Wissenschaftler die gesammelten Daten und die Aufzeichnungen der zahlreichen Forschungsschiffe, die sich wie die deutsche „Polarstern“ derzeit im Nordpolarmeer aufhalten, abwarten. Vieles deutet allerdings darauf hin, dass ungewöhnlich stabile atmosphärische Bedingungen im Juni und Juli über der Arktis sowie milde Temperaturen verhindert haben, dass sich das ohnehin schon nicht sehr üppige Winterpackeis rund um den Nordpol wie gewohnt durch Strömungen südwärts ausdehnen konnte.
Maß und Ziel
Erhard Grund (ErhGrund)
- 12.08.2007, 20:26 Uhr
Nicht überraschend
Edgar Gärtner (Edsches)
- 12.08.2007, 20:31 Uhr
Beispiellos?
Heinz Thieme (HeinzThieme)
- 13.08.2007, 14:30 Uhr
Thema verfehlt
Christian Erb (schukow)
- 13.08.2007, 16:22 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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