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Neue Ökolabel Der Mensch als CO2-Emittent

11.06.2007 ·  Jeder kann sich jetzt seine individuelle Klimabilanz erstellen. Der Handel klebt CO2-Plaketten auf seine Waren. Tim Höfinghoff ist der Frage nachgegangen, wieso Kunden beim Shoppen immer mehr aufs Klima achten.

Von Tim Höfinghoff
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Es prangt nur klein und unscheinbar auf der Verpackung. Doch das Logo auf der Kartoffelchipstüte gilt als Revolution im Supermarktregal. Wer beim Einkaufen in Großbritannien zur Packung Walkers Crisps mit der Geschmacksrichtung Käse und Zwiebel greift, der bekommt die Umweltbilanz gleich mitgeliefert. 75 Gramm CO2 steht auf dem Label. Diese Menge Kohlendioxid soll die würzige Portion ausgestoßen haben: von der Ernte der Kartoffel, der Verarbeitung, bis hin zum Transport der Chipstüte ins Supermarktregal - das Recycling ist auch schon eingerechnet.

Welche Mengen Fett, Kalorien und andere Inhaltsstoffe ein Chipsesser verspeist, das steht schon lange auf den Packungen. Aber genaue Informationen zum Treibhausgas? Auf einer Chipstüte? Das ist neu.

Keiner will den neuen Ökotrend verpassen

Nun sind auch Industrie und Handel in Deutschland aufgeschreckt. Zwar gibt es selbst in England das CO2-Label erst für die Walkers Crisps, Smoothie-Getränke und von Juli an auch für ein Haarshampoo. Doch nachdem der britische Supermarktgigant Tesco angekündigt hat, diese Info-Label auf bis zu 70.000 Produkte zu kleben, ist die Aufmerksamkeit bei den Händlern in ganz Europa besonders groß: „Was Tesco macht, da gucken alle hin“, heißt es bei der Edeka-Gruppe, die mit mehr als 10.000 Filialen die Nummer eins im deutschen Lebensmitteleinzelhandel ist. Schließlich ist Tesco alles andere als eine kleine Nummer in der Branche. Das Unternehmen ist einer der Trendsetter mit weltweit 100.000 Mitarbeitern und 15 Millionen Kunden.

Keiner will den neuen Ökotrend verpassen. Die Idee des sogenannten Carbon-Labels kommt von der britischen Organisation Carbon Trust. Mit finanzieller Unterstützung der Regierung hilft die Organisation nicht nur Unternehmen, ihren Energieverbrauch zu drosseln. Von ihr stammen auch die komplizierten Berechnungen der CO2-Emission.

Mit Ökothemen lässt sich gut werben

Produkte mit einem CO2-Label wird es wohl auch bald in deutschen Supermärkten geben. Schließlich ist der Kampf gegen den Klimakiller Kohlendioxid längst schick und hat hektisches Treiben ausgelöst: 41 Unternehmen, darunter Bayer, Eon, SAP und Vattenfall, haben sich zur 3-C-Initiative zusammengeschlossen. Das Kürzel steht für „Combat Climate Change“, Kampf dem Klimawandel. Und die Lufthansa wirbt in großflächigen Anzeigen für „mehr Öko-Rationalismus“ und dem Bekenntnis, seit dem Jahr 1991 die „CO2-Effizienz um rund 30 Prozent gesteigert“ zu haben.

Die Offensive zeigt: Mit Themen wie Klimaschutz und CO2-Senkung lässt sich gut werben. Nicht nur Konzernen, auch Verbrauchern wird dabei immer deutlicher: Der Kunde selbst ist ein CO2-Emittent, je nachdem, welche Produkte er nutzt. Klar macht es einen großen Unterschied, ob einer einen dicken Geländewagen fährt oder ein Fahrrad. Doch auch die kleinen Unterschiede beim Kauf von Kartoffelchips zählen für die individuelle Klimabilanz. Marktforscher wissen längst, dass Spaß und Genuss beim Shoppen gefragt sind. Doch inzwischen verlangen immer mehr Kunden auch Nachhaltigkeit und klimawandlerisches Wohlverhalten von der Industrie.

Das Verantwortungsbewusstsein wächst

„Es findet ein Wertewandel statt“, sagt Klaus-Peter Schulz, Vorstandschef der Werbeagentur BBDO Germany. „Das Bewusstsein für Umwelt und CO2-Senkung hat einen immer höheren Stellenwert.“ Dazu gehöre auch, dass Kunden genau wissen wollen, wo Produkte herkommen. Gerade bei Rohwaren „müssen Unternehmen transparent und glaubwürdig sein“. Das heißt: Händler kontrollieren immer stärker auch die Umweltbilanz ihrer Lieferanten.

Der Carbon Trust ermittelte, dass 66 Prozent der Verbraucher wissen wollen, wie es um die Klimabilanz von Produkten bestellt ist. Das Marktforschungsunternehmen GfK meldet, dass sich die Mehrheit der Deutschen auch beim Einkaufen für Klimaschutz engagieren will. Und Rainer Grießhammer vom Öko-Institut berichtet: „Immer öfter melden sich Verbraucher bei uns und fragen, welche Produkte klimafreundlich sind.“

„Bio läuft super“

So könnte ein CO2-Label wohl auch hierzulande das Interesse vieler Kunden wecken. Schließlich wurde auch das Biosiegel anfangs eher belächelt. Doch nun will niemand mehr darauf verzichten. Es bietet fast eine Verkaufsgarantie: „Bio läuft super“, heißt es nicht nur bei Edeka. Auch Discounter wie Aldi und Lidl räumen der Bioware die Regale frei. Biobauern kommen kaum nach, ihre Waren zu produzieren. Einkaufen mit gutem Gewissen ist eben gefragt. Und die Hersteller nutzen den Mentalitätswandel für ihr Marketing.

Doch bislang fehlt der Branche noch ein Gesamtkonzept dafür, wie sie ihre Waren CO2-freundlich vermarkten will. Eigenes CO2-Siegel? Bisher Fehlanzeige. Natürlich ist Energiesparen und Umweltschutz für deutsche Händler keine Neuigkeit. Doch sie wissen, dass sie künftig mehr tun müssen. „Von diesen Themen kommen wir nicht mehr los“, so die Aussage von Edeka.

Kunden können schnell den Durchblick verlieren

Auch bei der Metro-Group, einem der weltweit größten Handelskonzerne, ist man mit dem CO2-Label bestens vertraut: „Wir prüfen das.“ Aber bei Metro herrscht Skepsis: Die Waren wie bei Tesco mit einem CO2-Label ausstatten? Bestimmt nicht. Überhaupt: Wie soll der CO2-Wert genau berechnet werden? Auch Öko-Experte Grießhammer sagt: „Ich bin skeptisch, wenn jemand einen Snack mit einem CO2-Ausstoß von 70 Gramm kauft und sich gut fühlt, aber beim Tanken 120.000 Gramm CO2 verursacht.“

Zudem könnten Kunden schnell den Durchblick im Öko-Siegelwirrwarr verlieren. Ein CO2-Label müsste mit vielen Etiketten um Aufmerksamkeit konkurrieren: Es gibt nicht nur den Grünen Recycling-Punkt, den blauen Umweltengel und das PET-Logo für Mehrwertflaschen. Auf Kühlschränken kleben schon Etiketten zur Energieeffizienz. Und bald kommt noch der Klimapass für Autos: Neben dem Preisschild baumelt dann eine Rot-Grün-Skala, die über die Umweltrisiken informiert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.06.2007, Nr. 23 / Seite 35
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Jahrgang 1975, Redakteur in der Wirtschaft.

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