Meteorologisch gesehen ist Hurrikan "Irene" fast schon Geschichte. Und tatsächlich wäre er um ein Haar auch wirklich in die Geschichtsbücher eingegangen. Womöglich als Klimaphänomen. Denn "Irene" sollte der mächtigste tropische Wirbelsturm seit einem Vierteljahrhundert so hoch im Norden werden. Vom "Jahrhundertwirbelsturm" war wenige Tage vor dem Auftreffen an den Küsten North Carolinas und New Yorks zu lesen und zu hören.
Mit tausend Kilometern Durchmesser und Windgeschwindigkeiten von mehr als 150 Stundenkilometern kündigte sich der Wirbelsturm über dem Atlantik sogar als jener Gigant an, der auch die lahmende Klimapolitik hätte aus den Angeln heben können. Zumindest in den Vereinigten Staaten. Dort ist das Interesse am Klimawandel zuletzt derart in den Keller gerutscht, dass sich sogar Ex-Präsidentschaftsbewerber und Klimaschutz-Aktivist Al Gore um die Breitenwirkung seiner neuen, am 14. September beginnenden, Kampagne sorgen musste.
Der Wachrüttler-Effekt bleibt aus
Für Al Gore hätte "Irene" der klimapolitische Wachrüttler schlechthin werden können. Er hätte die Gelegenheit sicher genutzt, die düsteren Aussichten, die sein Projekt "24 Stunden Realität" über die lokalen Auswirkungen der globalen Erwärmung aufzeigen soll, handfest an einer aktuellen Katastrophe zu demonstrieren und seine ökologische Mobilmachung zu forcieren.
Nur ist eben alles ganz anders gekommen. "Irene" ist zwar katastrophal verlaufen, hat fast vierzig Menschenleben und zig Milliarden Dollar an Sachschäden in elf Bundesstaaten gekostet. Aber als Menetekel taugt der Hurrikan nicht. Genau genommen hat sich der klimapolitische Wind sogar in die Gegenrichtung gedreht. Statt als "Vorbote des Klimawandels", wie die "New York Times" am Samstag schrieb, wird der Tropensturm plötzlich massiv gegen die Hurrikan- und Klimaforschung in Anschlag gebracht. Dilettantisch, überflüssig, schädlich - mit solchen Attacken müssen sich die Wissenschaftler jetzt auseinandersetzen, weil sie mit ihren Prognosen zwar den zeitlichen Verlauf, aber keineswegs die Stärke korrekt vorhergesagt hatten. Um mindestens ein Zehntel, hieß es aus dem Hurrikanzentrum, habe man die Intensität der Windböen beim Auftreffen an der Küste überschätzt. Ähnlich wie "Katrina" vor sechs Jahren, einer der kostspieligsten Wirbelstürme der letzten 160 Jahre, begann "Irene" als Kategorie-3-Sturm. An der Küste angekommen, wurde er allerdings entgegen den Prognosen rasch auf Kategorie eins und zum Tropensturm herabgestuft.
Fehlprognosen der Hurrikanforscher
Es war nicht die erste Fehlprognose. Die Hurrikan-Vorhersage hat in Jahrzehnten nur mühsam dazugelernt. Wie sich ein Hurrikan von der Größe "Irenes" entwickelt, hängt nicht nur von der Größe und der Temperatur der Meeresoberfläche ab, wo der Zyklon seine enorme Energie gewinnt. Die Entwicklung ist auch abhängig von vielen Details der Wirbelstruktur und -strömungen, von Temperaturgefällen zwischen Meeresoberfläche und seiner Oberseite oder vom Auftreten störender Scherwinde. Mehrfach sind Forscher auch diesmal wieder in ihren mit Radar ausgerüsteten Spezialflugzeugen über und in den Sturm geflogen, um die Feinstruktur zu ermitteln - die Vorhersagemodelle spukten dennoch falsche Ergebnisse aus.
Die Republikaner im Kongress strebt schon länger an, die Mittel für die Nationale Atmosphären- und Ozeanforschungsbehörde NOAA um mindestens 1,2 Milliarden oder dreißig Prozent zu kürzen. Nach "Irene" ist von den Klimaschutzgegnern jetzt noch eins draufgesetzt und im Fernsehsender Fox gar die Abschaffung des Nationalen Hurrikanzentrums und des Nationalen Wetterdienstes gleich mit gefordert worden. Und weil die Klimawandel-These, der zufolge zumindest die Intensität - weniger die Häufigkeit - von Hurrikans künftig zunehmen werde, im Zusammenhang mit "Irene" wieder stärker ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt war, steht jetzt auch sie wieder massiv unter Beschuss. Am Samstag berichtete Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in seinem Klima-Blog vom International Hurricane Summit im Juni. Pro ein Grad globaler Erwärmung steige die Zahl der Wirbelstürme der höchsten Kategorien 4 und 5 um 31 Prozent. Auf dem Hurrikan-Gipfel habe nun der führende amerikanische Experte, Kerry Emanuel, für den Atlantik gezeigt, dass "die Korrelation von Meerestemperatur und "Hurrikan-Energie" in den vergangenen fünf Jahren noch stärker geworden sei.
Die Desillusionierung der Klimapolitik bleibt von solchen Erkenntnissen unbeeindruckt. Schlagzeilen wie "Die Leugner des Klimawandel gewinnen" zeigen nun den Klimaschutz-Advokaten nach "Irene", wie extreme Wetterphänomene, die man im Kampf gegen das Klimaphänomen Erderwärmung immer wieder in Stellung zu bringen wusste, plötzlich ganz schnell zu einer extremen Belastungsprobe werden können.
@Klaus Ermenecke
Anton Paschke (Anton_Paschke)
- 01.09.2011, 23:23 Uhr
Galileo reloaded!
Mohammad Pahlavi (Pahlavi)
- 01.09.2011, 01:51 Uhr
Klarstellung
Uwe Schrader (uschrad58)
- 01.09.2011, 01:38 Uhr
wann wird denn die Presse endlich etwas vorsichtiger, wenn es um das Wetter geht
Wolfgang P. Bayerl Dr. (Dr.Bayerl)
- 01.09.2011, 00:31 Uhr
Galvestone 1900
Anton Paschke (Anton_Paschke)
- 31.08.2011, 19:55 Uhr
