14.05.2010 · Ein Anliegen, ein Bild, eine neue Affäre: „Photogate“. Weil die „Science“-Redaktion eine Fotomontage zur Illustration eines Klimamanifests verwendete, durften sich die Kritiker wieder die Hände reiben.
Von Joachim Müller-JungEin Eisbär treibt einsam auf einer Scholle im Meer. Eine Szene, wie sie so einnehmend wohl noch nie ein Fotograf je abgelichtet hat und die es dennoch gibt - als grandiose Fotomontage. Für Verschwörungstheoretiker und Kritiker der Theorie vom menschengemachten Klimawandel ist sie zu einer weiteren Ikone in ihrem Kampf gegen das Establishment der Klimaforschung geworden. Von "Photogate" ist die Rede, seitdem das Bild kürzlich in der amerikanischen Zeitschrift "Science" erschienen ist.
Anlass war Manifest von 255 Klimaforschern
Die Redaktion der angesehenen Zeitschrift hatte das Bild - fatalerweise ohne Hinweis auf die Manipulation - ausgerechnet zur Illustration eines Briefes benutzt, in dem sich 255 Forscher von Wissenschaftsakademien gegen "die McCarthy-artigen Verfolgungen von Klimaforschern" und gegen die "unverblümten Lügen von Politikern und Klimaleugnern" zur Wehr setzten (http://www.faz.net/-00lyzs).
Es sollte ein Manifest und eine Ehrenrettung für den Weltklimarat IPCC werden, dessen Ansehen seit dem Bekanntwerden von Schludereien beim Abfassen des jüngsten Weltklimaberichts ernsthaft auf dem Spiel steht. Unter anderem war dem von weltweit Tausenden Forschern unterstützten und mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Rat vorgeworfen worden, Klimagefahren absichtlich übertrieben und unsichere Daten verwendet zu haben.
Erster „Prüfungstermin“ für den IPCC
Am heutigen Freitag wird ein von den Vereinten Nationen berufener Kreis von Prüfern in öffentlicher Sitzung über die Vorwürfe beraten. Das Eisbärenbild ist von der "Science"-Redaktion inzwischen mit einem Hinweis und der Notiz versehen worden: "Es war ein Fehler, diese Fotomontage benutzt zu haben."
(Update: Inzwischen ist die fotografische Eisbärencollage von der Science-Redaktion mit einem National-Geographic-Foto zweier Eisbären auf einer Scholle ausgetauscht worden, das zwar weniger rührselig ist, aber „unmanipuliert“.)
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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