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Leitartikel Angst essen Daten auf

02.02.2007 ·  Der neue Weltklimabericht lässt genügend Raum für düstere Prognosen. Doch die Vereinten Nationen schlagen weder plötzlich Alarm noch sagen sie eine Apokalypse voraus. In dieser Sachlichkeit liegt gerade die Überzeugungskraft des Berichts.

Von Joachim Müller-Jung
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Es ist wahr: Der neue Bericht des zwischenstaatlichen Klimabeirates IPCC, dem seit zwanzig Jahren die Deutungshoheit über den weltweiten Klimawandel obliegt, lässt für düstere Spekulationen genügend Raum. Aber weder schlagen die Vereinten Nationen plötzlich Alarm, noch sagen sie eine Klimaapokalypse voraus.

Angst essen Daten auf, kann man da nur sagen. Es ist genau andersherum: Gerade die Nüchternheit ihrer Empirie, ja die Eiseskälte, mit der die Arbeit von mehr als zweieinhalbtausend Wissenschaftlern und die Endredaktion seitens einiger hundert Delegierter allen politischen Einflüssen zum Trotz auf den Punkt gebracht wird, begründet die Überzeugungskraft des Weltklimaberichts. Entscheidend dabei ist, dass diese Überzeugungskraft von Jahr zu Jahr zunimmt.

Unsicherheiten sind kleiner geworden

Nicht wenige dürften sogar von den Klimaprognosen enttäuscht sein. Die Zahlen jedenfalls bleiben klar im Rahmen der Vorhersagen des Vorgängerberichts. Was den Meeresspiegelanstieg angeht, liegt man sogar einiges unter den pessimistischsten Angaben von vor sechs Jahren - das bedeutet allerdings nicht, dass man mit einem geringeren Meeresspiegelanstieg rechnet. Würde man nur die vergangenen zehn Jahre betrachten, müsste man sogar das Gegenteil annehmen.

Interaktive Grafik: Szenarien des Klimawandels

Die Verringerung der Spannbreite ist vielmehr eine technische Korrektur: Die Unsicherheiten in einigen Prozessen, die den Wasserzufluss der Meere bestimmen, sind kleiner geworden und damit auch die Unsicherheitsmargen. Es ist paradoxerweise das Los derer, die immer nur mit dem Schlimmsten rechnen und deshalb stets die extremen Werte anführen, dass sie von solchen Fortschritten eher enttäuscht als erfreut werden. Sie wollen die Unterscheidung von deterministischen und probabilistischen Aussagen - von Wahrscheinlichkeitsaussagen - immer noch nicht wahrhaben. Die Wahrheit liegt mit der größten Wahrscheinlichkeit stets irgendwo zwischen und nicht bei den Extremen.

Urteil ist sicherer geworden

Die Suche nach der richtigen Mitte - darin liegt auch der Fortschritt dieses neuen Berichts. Das Urteil ist sicherer geworden, das Vertrauen in die Aussagen der Klimaforschung ist gewachsen. Das gilt jedenfalls für die Ermittlung der Gründe. Mit raffinierten statistischen Studien ist jetzt hinreichend klar geworden, dass die globale Erwärmung der jüngsten Zeit nicht ohne den stetig wachsenden Ausstoß an Treibhausgasen aus Schornsteinen und Auspuffrohren zu erklären ist. Das muss Konsequenzen haben. Der Mensch kann das Klima verändern, er tut es zusehends zu seinen Ungunsten. Soll allerdings auch keiner glauben, er könne das Klima beliebig stabilisieren oder nach seinem Gutdünken kontrollieren. Determinismus ist hier wie in der Natur unangebracht.

Quelle: F.A.Z., 03.02.2007, Nr. 29 / Seite 1
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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