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Kreativ in Kopenhagen Angst, Schweiß und Dänen

14.12.2009 ·  Die Rettung der Welt wird in Kopenhagen nicht nur von Politikern und PR-Abteilungen betrieben. Auch die Kreativen greifen ein auf der Weltklimakonferenz. Künstler protestieren, und Peter Sloterdijk predigt einen „ökologischen Calvinismus“.

Von Matthias Hannemann
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Die Polizisten werden nichts mehr ausrichten können. Der Eisberg, den die Grönländer in den Hafen von Kopenhagen gezogen haben, schmilzt trotz kalter Winde dahin. Das Knacken und Knistern ist unaufhaltsamer als jeder schwarze Block. Und selbst der Mann, der die Verantwortung für das Szenario übernommen hat, ist im Dunkel der nordischen Tage nicht zu fassen - er versteckt sich im Obergeschoss des Nordatlantik-Hauses, zusammen mit Dänemarks Kronprinz und bewacht von einem Eisbär. Er heißt Inuk Silis-Høegh. Es ist noch nicht lange her, seit der junge Künstler aus Grönland mit einem Panzer Kopenhagen als Hauptstadt der Kolonialherren besetzte, Flugblätter verteilte und seinen Sieg mit martialischen Reden feierte: verkehrte Welt.

Silis-Høeghs Aktion machte damals darauf aufmerksam, dass es auf Grönland neben Robbenfängern und Rohstoffjägern eine Handvoll ernsthafter Künstler gibt. In Kopenhagen, zur Weltklimakonferenz, die hier oben nur „COP15“ heißt, stören sie seit dem Wochenende die kleine Gipfelausstellung der grönländischen Selbstverwaltung, und das sogar programmgemäß: Die Kunst wird als Gegengewicht zu den vielen Schaubildern begriffen, die das große Tauwetter als Aufbruch zum Wohlstand deuten.

Der Angstschweiß adoleszenter Herren

Draußen schimmert der Eisberg von Silis-Høegh, eine Fassaden und Dach füllende Fotomontage mit akustischer Untermalung in bester Hafenlage. Drinnen wartet eine grönländische Gartenidylle anno 2072, so wie sie Inuks Schwester Bolatta voraussagt: mit Tulpen, Palmen, Kokosnüssen und einem ausgedienten Schlitten als Sonnenliege für die Bikini-Schönheit, der das synthetisch imitierte Seehund-Fell passt. „Kunst“, sagen die beiden, „muss ja nicht unbedingt eine Botschaft haben. Aber sie hilft dort beim Nachdenken, wo Zahlen und Statistiken nicht weiterkommen.“ Wenn das mal nicht nur die Spitze des Eisberges ist.

Die Rettung der Welt jedenfalls wird dieser Tage nicht nur von Politikern und PR-Abteilungen betrieben. Überall in Kopenhagen sind Künstler unterwegs, selbsternannte ebenso wie tatsächliche. In „Hopenhagen“, unweit der fahrradbetriebenen Christbaum-Beleuchtung, richten sie Buß- und Bet-Ecken ein. An einem Schrotthaufen verlesen sie Schwermütiges zu Double-Bass-Improvisationen. In der Freistadt Christinia, der Utopisten-Siedlung, veranstalten sie zum „Top Meeting“ der Politiker ein „Bottom Meeting“ der Anarchisten, Aktivisten und Schamanen - wobei die Grenzen zwischen Performance- und Überlebenskunst durchaus fließend sind. Dass zugleich etwa Nationalgalerie, Freies Ausstellungshaus und Kunsthalle Nicolaj Werke renommierter Künstler ausstellen, die in die Nähe des Klimawandels gerückt werden können („Rethink“), versteht sich von selbst.

Auch im Louisiana, dem Museum für zeitgenössische Kunst in Humlebæk, laufen zwei Ausstellungen, die sich explizit mit Zustand und Zukunft der Menschheit beschäftigen: einmal die wunderbar konkrete Ausstellung „Green architecture for the future“, die anhand von Modellen und Schautafeln nach der „guten“, ebenso effizient wie problembewusst die vorhandenen Ressourcen nutzenden Stadt sucht (sie findet sie, wie es in Zeiten der Erwärmung sein muss, in der brennend heißen Wüste Abu Dhabis, in der die windgekühlte Universitätsstadt Madar City entsteht). Und dann „The World is yours“, eine Schau zeitgenössischer Kunst, zu der etwa BMW als Sponsor noch einmal Olafur Eliassons Auto mit Eishaut und die Norwegerin Sissel Tolaas die Geruchsstation „Fear 1/16“ beigesteuert hat, in der sie mit nachhaltiger Wirkung den Angstschweiß adoleszenter Herren verarbeitet.

Wir brauchen nichts vom Müllmann

Im Louisiana war am Wochenende, als Künstler, Designer und Ingenieure hier die Frage „Where do we go from here?“ diskutierten, viel von Richard Buckminster Fuller die Rede, dem amerikanischen Architekten und Denker. Olafur Eliasson sprach von der Verankerung der Kunst in der Gesellschaft. Shilpa Gupta zeigte eine Schattenspielarbeit, die als Reaktion auf Naturkatastrophen und Terror in Indien entstand. Sissel Tolaas rief zur Befreiung des manipulierten Körpers, zur Entfesselung der Sinne auf. Von der kanadischen Unternehmerin Kresse Wesling gar nicht erst zu reden, die ausgemusterte Feuerwehrschläuche zu Handtaschen recycelt - die unternehmerische Antwort auf den Ausspruch von Groucho Marx: „Der Müllmann ist da. Sag ihm, wir brauchen nichts.“

Nur, sagte Peter Sloterdijk, kaum dass die Sektkorken knallten: Nicht die Künstler und Designer, sondern die Meteorologen sind an die Macht gekommen. Und da wurde es im Louisiana zunächst mal so still, dass man die Frachter zu hören meinte, die sich zwischen Dänemark und Schweden hindurchschieben. Das, was Sloterdijk tänzelnd am Pult erklärte, schien beim ersten Hören nicht unbedingt dem „Hopenhagener“ Zeitgeist zu entsprechen.

Oder gerade doch? Die Meteorologen, sagte Sloterdijk, seien längst „in die Rolle von Reformatoren“ geraten. Sie rufen zur Umkehr auf. Sie fordern Verzicht. Sie fordern ein Umdenken, das weiter reiche „als die Reformationen des sechzehnten Jahrhunderts, in denen immerhin die Regeln des Verkehrs zwischen Himmel und Erde revidiert“ wurden. Verminderung statt Vermehrung, Zurückhaltung statt Explosion, Sparsamkeit statt Verschwendung, Selbstbeschränkung statt Selbstfreisetzung - das soll die „Umkehrung der bisherigen Zivilisationsrichtung“ sein.

„Triebkräfte der höheren Kulturen“

Alle diese Postulate nach einer „globalen Ethik der Mäßigung“, einem „klimatischen Sozialismus“ gar, seien aber illusorisch: „Sie haben nicht nur die ganze Schubkraft der expressionistischen Zivilisation gegen sich, sie widersprechen auch den Einsichten in die Triebkräfte der höheren Kulturen.“ Sicher sei nur, „dass die meteorologische Reformation, deren Anfänge wir erleben, die Aussicht auf ein Zeitalter größter Konflikte eröffnet“, ja dass unser Jahrhundert „als ein Jahrmarkt der Erlösereitelkeiten in die Geschichte eingehen wird, an dessen Ende sich die Menschen nach Erlösung von der Erlösung und Rettung von den Rettern sehnen werden“. Hoffnung, meint Sloterdijk, Spinozas Etenim, quod corpus possit, nemo hucusque determinavit, vor Augen, könne allenfalls von der technischen Entwicklung kommen, die „ihr letztes Wort noch nicht gesprochen“ habe - vom Heer der Kreativen.

Also doch! Im Louisiana glaubte man an dieser Stelle durchatmen und dänischen Wein trinken zu dürfen (das sind die Verlockungen der neuen Zeit: dänischer Wein!). Spät am Abend, die Shuttle-Flotte am Museum war per Aktivistenbotschaft zum Abstellen der Motoren aufgefordert worden, ohne dass ihnen der Wasserstoff-Antrieb aufgefallen wäre, erhielt Sloterdijk auch einen Platz in der „Future List“, die der Schweizer Kurator Hans-Ulrich Obrist fortlaufend erstellt. Obrist bittet darum, den Satz „The future will be . . .“ zu vervollständigen. „The future is a disease“, hatte Peter Weibel mittags geschrieben. Sloterdijk ließ sich da nicht lumpen. Auf seinen Zettel schrieb er: „What the future is, you only know next morning.“ Niemand schaute auf die Uhr. Man hätte womöglich nur gesehen, dass es schon fünf nach zwölf ist.

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