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Kopenhagener Gipfel : Tauchen und klettern für das Klima

Aufmerksamkeit garantiert: Kabinettssitzung auf 5500 Metern Bild: dpa

Das Vorspiel des Kopenhagener Klimagipfels wird zur bizarren Selbstinszenierung: Das nepalesische Kabinett tagt auf 5500 Meter Höhe, indische Studenten bauen Menschenpyramiden und in Singapur wird im Zeichen des Klimas getanzt und gefeiert.

          Madhav Kumar wagte sich in ganz dünne Luft: Der Ministerpräsident von Nepal und seine Minister hielten ihre „Kabinettssitzung“ im Basislager des Mount Everest ab. Hubschrauber, Sauerstoffmasken und sechs Ärzte gehörten zur Grundausstattung, um den 20 Minuten währenden Klamauk auf dem Kalapatthar-Plateau zu überleben. Kameraleute und Fotografen waren genauso wichtig - denn die Welt sollte vom Wagemut der nepalischen Regierung erfahren. Der Sinn: Auch der Kleinstaat im Himalaja warnt vor drohenden Folgen des Klimawandels.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Sie kraxeln auf die höchsten Berge, sie tauchen unter See: Keine Mühen und Anstrengungen scheuen diejenigen, die vor dem Klimagipfel in Kopenhagen auf ihr Anliegen aufmerksam machen wollen. Gerade in Asien, das vom dauerhaften Wetterwandel wohl am stärksten getroffen werden dürfte, kommt es dabei zu bizarrem Heischen um Sendeminuten und Zeitungszeilen.

          Unter Wasser

          Vor Kumar wurde schon sein Amtskollege Mohamed Nasheed für die Dauer eines Fotos weltberühmt. Der Präsident der Malediven und seine versammelten Minister tauchten unter. Nicht etwa zum Spaß, wie die Touristen. Sondern um die Welt vor dem Versinken ihrer Inseln zu warnen. Versehen mit Sauerstoff, Brille und Schreibpult, unterzeichneten sie während ihrer ersten Unterwasserkabinettssitzung eine Erklärung zur Begrenzung des Ausstoßes von Treibhausgas. Ganz nebenbei bekamen die Minister so auch noch einen Tauchschein. Wandelt sich das Klima wirklich, werden sie den noch gut gebrauchen können.

          Unterwasser-Kabinettssitzung vor den Malediven
          Unterwasser-Kabinettssitzung vor den Malediven : Bild: dpa

          Ihre Mitstreiter am australischen Barrier-Reef hatten den Schein schon: Dort hielten Taucher ein Transparent mit der für Klimaschützer magischen Zahl 350 hoch - genauso wie Studenten am Strand im südindischen Chennai, die sich zu einer menschlichen Pyramide auftürmten. Die drei Ziffern stehen für den Wunsch, den Ausstoß auf nur noch 350 Teile Treibhausgas je eine Million Teile Luft herunterzufahren. Das soll noch gerade erträglich sein. Und die Malediven über Wasser halten.

          Auf frische Abendluft mochten Hunderte wohlsituierter Gäste im gehobenen Kampf gegen den Klimawandel in Singapur nicht verzichten: Sie tanzten und speisten auf Einladung des führenden Gastwirts Singapurs unter dem Titel „Hopenhagen“. Niemand mokierte sich darüber, dass die Veranstalter einen guten Teil ihres Geldes mit der Formel 1 verdienen, die kurz zuvor durch die Stadt brauste - und den Wunschwert „350“ nur im Rückspiegel sieht.

          In der Luft

          Überhaupt, die Transportmittel. Wer jetzt kein passendes hat, hat es im Kampf ums Klima besonders schwer: Deshalb lieh sich Greenpeace jüngst ausgerechnet den Hubschrauber des Plantagenkonzerns April, um den amerikanischen Botschafter in Jakarta über den indonesischen Regenwald zu fliegen. Dort bauten die Aktivisten an einem Hüttendorf, um die Rodung des Waldes durch - eben - April zu verhindern. Der Konzern willigte liebend gerne ein, versuchte noch vergeblich, seinen Umweltbeauftragten als „Bordmechaniker“ mit in die Kabine zu schleusen, und steckte die Nachricht genüsslich den Journalisten.

          Tage später, der Hubschrauber stand längst wieder in Diensten von April, ließen April und die indonesische Polizei die Greenpeace-Leute dann aus dem Dschungel schleifen. Diesmal zu Fuß.

          Zu Fuß machte sich auch ein Fernsehteam eines britischen Senders auf den Weg in den Himalaja. Sechs Wochen waren sie in Höhen um die 5000 Meter unterwegs, um eineinhalb Minuten von den Quellen der großen Flüsse Indiens zu berichten. Der Aufwand könnte historische Bilder liefern - schmelzen die Gletscher weiter, drohen die Quellen zu versiegen.

          Mit der Bahn

          Apa Sherpa hingegen hat den Himalaja hinter sich und fährt nun Eisenbahn. Der Halter von Weltrekorden im Besteigen des Mount Everest zuckelt mit dem Tierfotografen Luo Hong, einigen selbstlosen Vorstandschefs von Eisenbahnkonzernen und Achim Steiner, dem Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, per Bahn gen Kopenhagen: im „Klima-Express“.

          Unterwegs könnten sie noch 10.000 Dollar verdienen, wenn sie sich im Abteil mit ihren Mobiltelefonen filmen: Denn die Asiatische Entwicklungsbank hat den „Asiatisch-pazifischen Klimawandel-Video-Wettbewerb“ ausgeschrieben: „Zur Teilnahme brauchen Sie keine teure Ausrüstung; Sie können Ihr Handy für die Aufnahmen nutzen. Sie brauchen nur eine Vision“, wirbt eine Sprecherin der Bank um Teilnehmer aus den 67 Mitgliedsländern.

          Andere sind da allerdings großzügiger, zum Beispiel die Japaner. Die erhoffen sich über den Klimawandel weitere Geschäftsmöglichkeiten in einem mehr und mehr chinesisch bestimmten Südostasien. Also spendieren sie Indonesien 400 Millionen Dollar Kredit unter der „Hatoyama Initiative“. Das Geld solle eingesetzt werden, „um den Klimawandel zu messen, hoffentlich in einer verlässlichen und nachvollziehbaren Art und Weise“, sagte der japanische Ministerpräsident Yukio Hatoyama. Er sagte nicht, dass zufällig Japan die richtige Messtechnik dafür gerne verkauft.

          Allemal sei die besser als das, was Amerika oder Europa so auf Lager hat. Sagen die Inder. „Viele der Daten, die uns Quellen aus den westlichen Ländern liefern, erwiesen sich als verzerrt und unausgewogen“, beschwerte sich der dortige Umweltminister Jairam Ramesh. Und will deshalb ab sofort selbst messen: Nun soll das Nationale Institut für Klima und Umwelt ran. Die indischen Forscher forschen ab jetzt so lange, bis sie einen Erfolg landen, wie einst ihr Landsmann A. P. Mitra: „Er ermittelte, dass unsere Reisfelder jährlich bis zu 6 Millionen Tonnen Methan abgeben. Die Amerikaner hatten 1990 veröffentlicht, der Wert läge bei 38 Millionen Tonnen“, sagte Ramesh. Welchen Wert er erwarte, wenn indische Forscher erst mit Hatoyama-finanzierten Messinstrumenten messen würden, sagte er nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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