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Kommentar Atempause für die Arktis

22.08.2007 ·  Dass die Wissenschaft entscheiden kann, wo die Politik versagt, ist eine Illusion. Moskaus Ansprüche verschärfen den Streit um die Arktis. Jetzt sollen Forscher helfen. Doch es gibt nur eine Lösung, weiß Tilman Spreckelsen.

Von Tilman Spreckelsen
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Oft ist es gerade ein symbolischer Akt, der die größten Folgen nach sich zieht. Vor drei Wochen hatten russische Taucher ihre Landesflagge in vier Kilometer Tiefe auf dem arktischen Meeresgrund deponiert. Nun kommen die Anrainerstaaten gar nicht mehr aus dem bekannten Spiel von Wortmeldungen und demonstrativen Handlungen heraus: „Die Arktis ist russisch“, tönt es aus Moskau, die kanadische Regierung betont dagegen, sie hätte eine „aggressive Agenda in der Arktis“, auch Dänemark meldet via Grönland seine Ansprüche an, während sich die Vereinigten Staaten zwar verbal zurückhalten, eine geplante Kartierungsfahrt in den Norden aber rasch um einige Wochen vorverlegten.

Ein Forschungsschiff schickt nun auch Dänemark auf den Weg, und Kanadas Premierminister flog gleich selbst in den Norden seines Landes, um nach dem Rechten zu sehen.

Entdeckerselige Zeitgenossen

Es ist schon eine ganze Weile her, dass man zuletzt so heftig um den Nordpol stritt. Vielleicht muss man sogar knapp hundert Jahre zurückgehen, um eine ähnlich erregte Debatte um das Recht am Pol zu finden: Damals, in der Zeit kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, beanspruchten die Amerikaner Cook und Peary jeweils, als Erster den nördlichsten Punkt der Erde erreicht zu haben, und überzogen einander, unterstützt von zahlreichen Anhängern, mit Sachargumenten und mit wüsten Unterstellungen. Cook wurde dabei zum Verhängnis, dass er für seine vermeintliche Pioniertat keine Beweise erbringen konnte und dass er überdies in einem weniger spektakulären Fall als Schwindler entlarvt wurde. Aber auch an Pearys Anspruch gibt es nach wie vor Zweifel.

Immerhin, beide Forscher kamen heil zurück und teilten also nicht das Schicksal zahlreicher Abenteurer, die wie 1897 die Mitglieder der Andrée-Expedition auf dem Weg zum Pol umkamen. Was sie antrieb, war den entdeckerseligen Zeitgenossen nur zu verständlich: Es gilt, den Pol zu erreichen, einfach weil es ihn gibt, weil es ein Skandalon darstellt, dass irgendein Punkt der Erde dem Menschen unzugänglich sei. Und dann gibt es ja noch das All.

Nicht nur Bodenschätze sind interessant

Die Motive derer, die heute zum Pol aufbrechen, sind weniger von Expeditionsfreude als vom Hunger nach Rohstoffen geprägt. Ein Viertel der globalen Öl- und Gasvorräte vermuten Forscher in der Arktis, dazu hofft man auf Diamanten, auf Erze und Edelmetalle. Wie man diese Schatzkammer jemals auf betriebswirtschaftlich einleuchtende Weise plündern soll, bleibt das Geheimnis der Fachleute; ob man das angesichts der fragilen Ökologie der Region überhaupt darf, ist eine weitere Frage, die man kaum allein den Anrainerstaaten überlassen kann. Und wenigstens Kanada nimmt diesen Aspekt so ernst, dass sich der Bau einer seit den siebziger Jahren geplanten Gasleitung im Gebiet des Mackenzie River, die irgendwann einmal das im Norden geförderte Gas in den Süden bringen soll, bis heute immer weiter verzögert - nicht zuletzt wegen der Einwände von Naturschutzorganisationen.

Es sind nicht die vermuteten Bodenschätze allein, die das Polargebiet so attraktiv erscheinen lassen. Hinzu kommen geostrategische Aspekte und die Hoffnung, dass der erwartete Klimawandel wenigstens die bislang schwer zugängliche Nordwestpassage für den Güterverkehr öffnen könne. So hat die kanadische Regierung den Bau eines arktischen Marinehafens angekündigt, wo sie auch gleich Soldaten speziell für Kampfeinsätze in dieser Region ausbilden will.

In doppelter Mission unterwegs

Neben solchen Erwägungen haben die gegenwärtigen Expeditionen aber auch das Ziel, die Eigentumsrechte am Nordmeer auf der Basis völkerrechtlich bindender Verträge zu klären. Grundlage ist das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen von 1982, das den Zugriff auch auf die vom Festland entfernteren Regionen erlaubt, sofern sie nur mit ihm eine geologische Einheit bilden. Russland müsste also nachweisen, dass der Lomonossow-Rücken, auf dem sich der Nordpol befindet, geologisch zu Sibirien gehört, während Dänemark denselben Nachweis für die Verbindung des Rückens mit Grönland führen müsste - oder zur Not eben mit Dänemarks Trumpfkarte, der kleinen Insel Hans zwischen Grönland und Ellesmere Island, die allerdings auch von Kanada beansprucht wird.

So sind denn die Forscher, die gegenwärtig in die Arktis geschickt werden, in doppelter Mission unterwegs: Sie vermessen den Meeresgrund, sie bohren und nehmen Gesteinsproben im Dienste der Wissenschaft - und ihrer jeweiligen Nation. Was dabei schwerer wiegt, wird sich zeigen, und auf die Ergebnisse dieser Untersuchungen, so sie denn trotz der daran geknüpften politischen Erwartungen transparent und nachvollziehbar geführt werden, darf man gespannt sein. Wer immer sich für arktische Geologie erwärmen kann, wird den Streit der Regierungen aus diesem Grund sogar begrüßen.

Nordpolfrage auf Eis legen

Und dennoch: Es ist eine liebgewonnene Illusion unserer Tage, dass Streitfragen mit den Methoden der Wissenschaft abschließend geklärt werden könnten - und so die Beteiligten aus der Pflicht genommen werden, sich inhaltlich zu einigen: Scientia locuta, causa finita? Übrigens: Was immer bei den Messungen im Nordmeer herauskommt, sicher ist, dass sich in der Frage der Zugehörigkeit des einen oder anderen unterseeischen Areals zu den umgebenden Kontinenten immer Spielraum für Interpretationen ergeben wird.

Flagge hin, Forschung her: Um eine politische Lösung kommt man in der Nordpolfrage nicht herum. Wie die aussehen könnte, liegt auf der Hand: Man legt die Frage auf Eis, wenigstens so lange, bis es eine realistische Chance auf den Abbau der Bodenschätze gibt. Das ist noch eine Weile hin.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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