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Veröffentlicht: 29.10.2009, 09:29 Uhr

Klimawandel und Erdpolitik Ein Limit von zwei Grad Erwärmung ist praktisch Unsinn

Drei große deutsche Geoinstitute stellen sich quer zur internationalen Klimapolitik. Statt nur über Temperaturen und Emissionen sollte über ein Erdsystemmanagement verhandelt werden, sagen die drei Direktoren. Im Gespräch erläutern sie ihre Motive.

© dpa Die Illustration zeigt den ESA-Satelliten CryoSat-2, der ab dem Frühjahr 2010 Daten zum Klimawandel sammeln soll.

Drei große deutsche Geoinstitute stellen sich quer zur internationalen Klimapolitik. Statt nur über Temperaturen und Emissionen sollte über ein Erdsystemmanagement verhandelt werden, sagen die Direktoren Karin Lochte, Reinhard Hüttl und Volker Mosbrugger. In Kürze soll das Thema auf der gemeinsamen Konferenz „Klima im System Erde“ besprochen werden. Im Gespräch erläutern sie ihre Motive.

Die Klimadiplomatie hat formuliert, die globale Erwärmung auf maximal zwei Grad über das vorindustrielle Niveau steigen zu lassen. Warum kritisieren sie das in der Einladung zu Ihrer Konferenz?

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Mosbrugger: Es ist zwar sinnvoll, sich ein Ziel vorzugeben, aber niemand wird Ihnen sagen können, ob mit dessen Erreichen das Problem gelöst ist. Das ist die eine Sorge. Wir wissen zu wenig, um sagen zu können, wo die Schwellenwerte für die wichtigsten Klimaelemente liegen. Das Problem, vor dem wir stehen, ist viel komplizierter als nur ein Klimawandel. Wir müssen das gesamte System in Betracht ziehen. Wenn ich das Zwei-Grad-Ziel erreiche und alle Tropenwälder abgeholzt sind, habe ich nicht unbedingt den Planeten, den die Gesellschaft haben will.

Hüttl: Das Klima ist dynamisch. Im Laufe der Erdgeschichte gab es immer wieder dramatische Veränderungen, die weit über eine solche Grenze von plusminus zwei Grad hinausgingen. Und das war allein auf natürliche Faktoren zurückzuführen. Wir haben diese Faktoren heute nicht abgeschaltet, sie wirken weiter. Keiner von uns bestreitet den menschgemachten Anteil am globalen Wandel. Aber: Obwohl die Begrenzung der anthropogenen Einflüsse unbedingt notwendig ist, erreichen wir damit keine Klimakonstanz.

Lochte: Klar ist, wir müssen handeln und die Kohlendioxidemissionen veringern. Aber wir wissen nicht, ob die angestrebte Reduktion auch tatsächlich eine Sicherung einer lebenswerten Welt auf allen Teilen dieser Erde bedeutet. Das ist regional sehr unterschiedlich. Wir haben einige Gebiete, die sich viel schneller erwärmen als andere.

Wie gut sind denn die Belege für einen historisch engen Zusammenhang zwischen den Temperaturschwankungen und dem Kohlendioxidgehalt der Luft?

Lochte: Wir haben Klimaarchive in Meeressedimenten, in Korallen, Baumringen, aber auch in Eiskernen, in denen kleine Luftblasen eingeschlossen sind. Diese Luft ist Jahrtausende, sogar Hunderttausende von Jahren alt. Dort finden wir sehr gute Hinweise darauf, wie sich die Temperatur verändert hat und parallel dazu, wie sich der Kohlendioxidgehalt und eine ganze Reihe verschiedener anderer Parameter verändert haben.

Hüttl: Wir untersuchen auch die Sedimente von Binnenseen. Aus den darin abgelagerten Pollen können wir Veränderungen in der Vegetation entdecken, aus Pollen-und Algenablagerungen Rückschlüsse ziehen auf Niederschläge und Temperaturveränderungen.

Lochte: Natürlich müssen die Werte kalibriert werden durch aktuelle Messungen. Außerdem verlässt man sich nie auf einen dieser sogenannten Proxys allein, man hat immer mehrere, die auch die gleiche Geschichte erzählen müssen. Wenn es eine Veränderung in der Temperatur gegeben hat, dann muss es eine Veränderung in der Eisbedeckung gegeben haben und gleichzeitig eine Veränderung im Wasserzyklus gegeben haben. .

Würden sie also sagen, diese Klimazeugen sind zuverlässig? Dem Laien erscheinen sie oft als rein akademische Konstrukte?

Mosbrugger: Je weiter wir in die Erdgeschichte zurückgehen, desto unzuverlässiger werden sie. Die Kohlendioxidentwicklung für die letzten 60 Millionen Jahre ist schon ganz gut rekonstruierbar. Wenn man sich die anschaut, sieht man auch, dass wir unser Klimasystems eben noch nicht voll verstanden haben. Danach sieht es so aus, dass die Kohlendioxidkonzentration irgendwo ab etwa dem Miozän (Anm.: 23 bis 5 Mio Jahre vor heute) mehr oder weniger konstant war, dass wir aber trotzdem ein Wärmeoptimum und danach eine langsame Abkühlung bekommen haben, ohne dass sich beim Kohlendioxid viel getan hätte.

Lochte: Es gibt immer einen gewissen Schwankungsbereich. Aber zumindest das, was wir über die letzten paar hunderttausend Jahre sagen können, ist schon zuverlässig.

Hüttl: Zumindest die Klimageschichte der letzten 130 000 Jahre ist für bestimmte Regionen inzwischen sehr gut untersucht und mit Sedimentanalytik recht gut aufgeklärt.

Als historisch einmalig gilt der rasche Anstieg des Kohlendioxidgehalts um 38 Prozent seit Beginn des Industriezeitalters. Bedeutet das nicht, dass wir uns in einer wirklich prekären Lage befinden?

Lochte: Es gab Zeiten, in denen der Kohlendioxidgehalt in der Luft höher war als heute. Und Veränderungen gab es auch immer wieder. Aber dass es jetzt so rasch passiert, ist tatsächlich ohne Beispiel.

Können Sie das mit ihren paläoklimatologischen Datenreihen auch belegen?

Lochte: In Eiskernen kann man mit sehr hoher Auflösung die zeitliche Entwicklung verfolgen. Dabei sehen wir, dass der Anstieg des Kohlendioxids immer schneller erfolgt als der Abfall. Aber kein Anstieg ist so schnell wie das, was wir zur Zeit sehen. Die Frage, die zu klären ist, lautet: Ist das Kohlendioxid zuerst angestiegen und dann die Temperatur, oder ist die Temperatur angestiegen und danach das Kohlendioxid? Was hat was ausgelöst?

Im Klimawandel gibt es erhebliche regionale Unterschiede. Für die Atolle im Pazifik bedeutet er etwas anderes als für Mitteleuropa. Spricht man auf Ihrer Konferenz auch über positive Aspekte des Klimawandels?

Hüttl: Die regionalen Aspekte sind einer der Schwerpunkte der Konferenz. In Brandenburg wurde der Weinanbau tatsächlich revitalisiert. Die Anbaugrenze für Riesling verschiebt sich nach Norden. Wir werden irgendwann tollen Rieslinganbau in Dänemark haben, aber vielleicht nicht mehr im Rheingau. Wir müssen uns anpassen und Anpassung hat eben beides, negative wie positive Wirkungen.

Lochte: Es gibt sowohl in Kanada als auch in Russland große Pläne für die Entwicklung des hohen Nordens. In beiden Ländern wird Geld investiert, um den Klimawechsel tatsächlich zu nutzen. Der Klimawandel ist ja per se nicht schlecht. Nur hat sich der Mensch in den letzten zehntausend Jahren auf ein relativ stabiles Klima eingestellt. Er hat sich da angesiedelt, wo es passte. Wenn sich jetzt die Anbauzeiten ändern, die Pflanzen schlechter wachsen oder wenn sich etwas verändert mit der Fischerei, muss sich der Mensch anpassen. Insgesamt aber wird das Negative überwiegen. Zum Beispiel in Bangladesh, in den Trockengebieten in Afrika und Mittelamerika, aber auch in Monsunregionen. Wenn sich der Monsun ändert, haben ganz viele Gebiete große Probleme.

Hüttl: Wärmephasen waren nicht immer katastrophal. Sie haben auch zur Artenvielfalt beigetragen. Oder schauen Sie sich die Entwicklung vom Homo sapiens seit der letzten Warmphase vor 150 000 Jahren an. Unsere Spezies hat in dieser Zeit den Klimawandel gemeistert. Wir sind außergewöhnlich anpassungsfähig. Nur haben wir zuletzt eben eine glückliche Situation mit relativ stabilem Klima gehabt. Daher kommt sicher auch die Forderung nach der Zwei-Grad-Grenze. Das ist politisch wünschenswert, aber aus geowissenschaftlicher Sicht nicht haltbar.

Mosbrugger: Ich glaube, es wird wie immer in der Evolution Gewinner und Verlierer geben, je nachdem wie drastisch das Klimasignal ausfällt. Da werden die Karten neu gemischt, und wer sich am besten adaptiert, ist langfristig Gewinner. Jetzt ausschließlich auf Emissionsreduktionen zu setzen, ist unklug. Wir müssen uns darauf einzustellen, dass sich das System immer verändert. Wenn wir die Einschnitte noch fünfzig Jahre aufhalten können, wird es eben in hundert Jahren passieren. Jetzt Anpassungsmaßnahmen zu entwickeln, heißt, so etwas wie ein Erdsystemmanagement ernsthaft anzupacken.

Man kann dem Weltklimabeirat IPCC kaum vorwerfen, dass er das nicht im Blick hat. Würden Sie sagen, man konzentriert sich weiterhin zu stark auf Emissionen und zu wenig auf Anpassung, auf Adaptationsmaßnahmen?

Mosbrugger: In meiner Wahrnehmung ist das so. Mitigation, die Reduzierung der Emissionen, ist gegenwärtig das wichtigste Thema, Anpassungsstrategien werden dagegen vernachlässigt. Warum das so ist, kann ich nicht schlüssig erklären. Meine Vermutung ist, dass das System der Adaptionsmaßnahmen um ein Vielfaches komplexer ist. Es ist im globalen Kontext auch viel schwieriger zu vermitteln als ganz simple Strategien.

Die Klimamodelle sagen ja zum Teil drastische Veränderungen vorher, auf die wir uns einzustellen haben. Halten sie die Modelle für ausreichend realistisch, denn immerhin sind die meisten doch schon überfordert, den Übergang von der letzten Eiszeit zum Holozän exakt zu modellieren?

Lochte: Die Auflösung der Modelle ist nicht perfekt. Je weiter man in die Vergangenheite zurückrechnet, umso problematischer wird das. Das gilt auch für Hochrechnungen in die Zukunft. Die nächsten fünfzig Jahre können wir wahrscheinlich ganz gut vorhersagen, aber wenn es weiter geht, hundert oder zweihundert Jahre, wird es immer ungenauer.

Hüttl: Aus geowissenschaftlicher Sicht wird deutlich, dass wir grundsätzliche Zusammenhänge noch nicht verstehen. Nehmen Sie Veränderungen im Erdmagnetfeld, die einen Einfluss auf die Magnetosphäre und damit auf die Atmosphäre haben. Und wer hätte vor einigen Jahren noch gedacht, dass das Erdschwerefeld uns mit Klimainformationen versorgen kann? Wir verstehen auch den Gashaushalt der Erdkruste nur in Anfängen. Oder schauen Sie sich die Böden in Deutschland an. Es gibt kaum eine andere Region auf der Erde, wo die Böden besser untersucht sind als hier. Aber dennoch wissen wir noch nicht, ob diese Böden eine Quelle oder eine Senke für Kohlendioxid sind. Es gibt also eine Reihe von Prozessen und Faktoren, die wir nicht richtig einordnen können. Modelle sind notwendig, aber ihre Ergebnisse darf man immer nur mit der nötigen wissenschaftlichen Skepsis berurteilen. Wir haben noch enorme Forschungsdefizite.

Mosbrugger: Ich denke, Modelle sind die besten Werkzeuge, die wir haben, um Zukunsftszenarien zu entwickeln. Aber man muss auch die Schwachstellen erkennen, die sie haben, und ich behaupte, die Schwachstellen sind nicht immer ausreichend dokumentiert. Das sage ich als jemand, der sich in der älteren Erdgeschichte auskennt, der weiß, dass die Klimamodelle typische Treibhausklimata, wie wir sie rekonstruieren können, nicht abbilden. Eine historische Situation, die komplett eisfrei ist und wo Wälder bis in achtzig Grad nördlicher Breite vorkommen, das bekommt man in Modellen bisher nicht hin. Da können Sie das Kohlendioxid hochfahren bis auf 1000 ppm, aber sie bekommen in achtzig Grad nördlicher Breite kein frostfreies Klima hin. Dennoch wissen wir, dass es das früher gegeben hat.

Lochte: Diese Defizite in der Modellierung dürfen aber nicht dazu führen, dass wir sagen, das ist ja alles Blödsinn, was ihr modelliert, also lassen wir es sein. Die Modelle sind im Moment das einzige Werkzeug, das es uns ermöglicht, Einblicke in die Zukunft zu bekommen.

Warum schalten Sie sich als Geowissenschaftler erst jetzt so vehement in die Diskussion um den Klimawandel ein?

Hüttl: Wir haben durchaus schon immer an der Diskussion mitgewirkt. Aber wir haben vielleicht das Thema anfangs nicht so ernst genommen, wie man es hätte ernst nehmen müssen. Wir haben nicht deutlich genug gesagt, dass man das Klima nur als Teilsystem des ständig variablen Systems Erde verstehen kann, das zudem noch durch extraterrestrische Größen wie solare Strahlung und Orbit beeinflusst wird.

Meinen Sie, die schon sehr weit fortgeschrittene politische Diskussion ist überhaupt noch zu beeinflußen?

Hüttl: Die Politik konzentriert sich derzeit fast ausschließlich auf die Kohlendioxidreduktion. Wir wissen aber, dass das System Erde komplex ist. Es gibt natürliche Effekte, die wir so nicht einfach kontrollieren können, wie wir uns das vorgestellt haben. Zusammen führen anthropogene und natürlicher Klimawandel zu Veränderungen im Wachstum von bestimmten Pflanzen oder im Wasserhaushalt. Es ist jetzt Aufgabe der Geowissenschaften, solche regionalen Veränderungen zu erkennen und daraus in die Zukunft projizieren. Es ist eine große Aufgabe für unser Fachgebiet.

Lochte: Was wir als Geowissenschaftler gut können, ist, wissenschaftlich zu beobachten und zu modellieren. Wir sind nicht diejenigen, die Techniken entwickeln, um jetzt Kohlendioxid zu reduzieren. Wir müssen vielmehr ein Frühwarnsystem werden, das durch den Klimawandel auftretende Veränderungen und Probleme regional erfaßt und entsprechende Strategien zur Anpassung entwickelt. FRAGE:

Könnte man das Einhalten eines Temperaturkorridors von zwei Grad nicht auch als einen ersten legitimen Schritt zum Erdsystemmanagement betrachten?

Mosbrugger: Es ist kein Erdsystemmanagement, wenn man sich nur auf einen Parameter fokussiert. Das ist ja das Problem, das ich damit habe, dass man eine Pauschalgröße herausgreift, dass man versucht, so etwas Ähnliches wie das Montreal-Protokoll zu entwickeln. Da ging es einfach um die Konzentration oder Produktion von FCKW. Jeder versteht, dass man da relativ einfach an den Schrauben drehen kann. FRAGE:

Was erwarten Sie dann von dem Klimagipfel in Kopenhagen in sechs Wochen?

Lochte: Es ist ein wichtiges Ziel, den Zwei-Grad-Korridor anzustreben. Aber dies wird nicht ausreichen. Das Erdsystem ist nicht so einfach zu kontrollieren. Bei der Entwicklung von Anpassungsstrategien muss man die Veränderungen im gesamten Erdsystem und in der Gesellschaft zusammen betrachten und die Maßnahmen danach ausrichten.

Mosbrugger: Was ich erwarte und was ich erhoffe ist Zweierlei. Was ich erwarte, ist ein klares verbales Bekenntnis von vielen wichtigen Partnern inklusive der Vereinigten Staaten. Man wird sich auf Handlungsbedarf einigen und einen Schritt weitergehen beim Zertifikate-Handel. Ich glaube aber nicht, dass man es wirklich schaffen wird, substanzielle Fortschritte zu machen. Was das Ziel sein müsste, ist eine globale Governance-Struktur. Wir brauchen eine Initiative für ein Erdsystemmanagement. Ein erster Schritt hierzu ist die Stärkung der Forschung zu Geo-Engineering - hier sehe ich die Stimulation natürlicher Kreisläufe als zentral an.

Karin Lochte ist Direktorin am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

Volker Moosbrugger ist Direktor am Senckenberg-Forschungsinstitut und Museum in Frankfurt

Reinhard Hüttl ist Direktor am Deutschen Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam

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