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Klimawandel Es kommen härtere Tage

09.10.2007 ·  Hans Joachim Schellnhuber hat internationale Wissenschaftler und Nobelpreisträger zu einer Konferenz nach Potsdam eingeladen, bei der die Folgen des Klimawandels auf unsere Gesellschaft diskutiert werden. Eine industrielle Revolution soll die Lösung sein. Von Jürgen Kaube.

Von Jürgen Kaube
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Warum nannte sich die moderne Gesellschaft lange Zeit „Industriegesellschaft“? Nicht weil es in ihr industrielle Produktion gibt, sondern weil diese Wirtschaftsweise historisch in alle Bereiche unseres Lebens ausstrahlte. Durch den Wohlstand, den sie hervorbrachte und der den Wohlfahrtsstaat erlaubte, durch die Trennung von Arbeit und Wohnen, die ihr angemessen schien, durch die Veränderungen in den Familien, die allgemeine Bildung und so weiter.

In Potsdam findet heute und morgen eine internationale, mit einem guten Dutzend Nobelpreisträgern besetzte Konferenz unter dem Titel „Globale Nachhaltigkeit“ statt. Ihr Veranstalter, der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, wird sie mit einem kurzen Beitrag zum „Metabolismus der Industriegesellschaft“, also zur CO2-Bilanz dieser Gesellschaftsform, eröffnen. Die Befunde sind bekannt. Erderwärmung, schmelzende Polkappen, steigende Meeresspiegel, die Austrocknung ganzer Gebiete, beispielsweise im Mittelmeerraum, zunehmende Stürme. Das alles kann man ein Umweltproblem nennen. Tatsächlich ist es aber ein Systemproblem, eines, das nicht in erster Linie die Natur, sondern die Gesellschaft verändern wird.

Hurrikane von Miami bis nach Houston

Nehmen wir nur ein paar der Szenarien, über die nachgedacht wird. Hurrikane, die von Miami bis nach Houston ziehen, könnten die amerikanischen Ölplattformen vor der dazwischenliegenden Küste ruinieren. Geschätzter Schaden: Eine Billion Dollar. Man stelle sich die Weltbörsen vor und im Gefüge ihrer Reaktionen die Renten- oder die Bankensysteme weltweit. Oder man erwäge die Migrationsbewegungen, die ein Anstieg des Meerespegels um ein paar Meter auslösen würde.

Heute laufen Brandenburg und Mecklenburg demographisch leer. Wie aber mag es sein, wenn sich ganze Bevölkerungen in Richtung derjenigen Regionen in Bewegung setzen, die vom Klimawandel nur relativ wenig betroffen sein werden, wie die hiesige? Oder in Richtung solcher Länder, die sich heute als klare Gewinner der künftigen ökologischen Krisen fühlen, wie Russland, weil man in Sibirien besser Ackerbau wird treiben können und weil man außerdem auf jeder Art von fossilem Brennstoff sitzt?

Berufsskeptiker sehen das anders

Über Gesundheit, Politik, Wirtschaft oder Bildung wird man unter diesen Umständen schwerlich auf dieselbe Weise reden wie heute. Ökologie handelt nicht von etwas, das „da draußen“ wäre. Unsere gesamte Lebensform ist auf eine Industriegesellschaft eingestellt, die es so in fünfzig Jahren nicht mehr geben wird. So konfliktarm jedenfalls nicht.

Für diese Szenarien gilt allerdings, so Hans Joachim Schellnhuber, schon im Fall der Hurrikane, dass wir sie nach dem Stand der Klima-Modelle „heute nicht rechnen können“, was die Sache eigentlich noch dramatischer mache. Das sehen die Berufsskeptiker anders. Sie finden, solange man es nicht rechnen kann, möge es ja auch sein, dass alles ganz anders komme - was bei den Skeptikern dann immer heißt: alles viel ruhiger bleibe.

Das Umweltproblem ist ein Armutsproblem

Schellnhuber hat für diesen Fall eine schlichte Rückfrage bereit, die jeder Anhänger von unhysterischer freier Fahrt für freie Bürger an sich selber stellen möge: Wer von Ihnen glaubt, dass es Ihnen besser geht als Ihren Großeltern? Im Allgemeinen gehen bei dieser Frage die Finger hoch. Dann aber: Wer von Ihnen glaubt, dass es Ihren Enkeln besser gehen wird als Ihnen? Schellnhuber berichtet, dass man auf diese Frage fast gar keine bejahende Rückmeldung mehr bekommt.

Und selbst wenn man sich für die eigenen Nachfahren so etwas noch vorstellen mag - die weltweite Wohlstandsverteilung lässt es nicht zu, diese Vorstellung auf die Welt auszudehnen. Man hat die Umrisse einer Champagner-Schale vor sich, wenn man aufzeichnet, auf wie viel Prozent der Weltbevölkerung wie viel Prozent des Welteinkommens fallen. Darum mögen wir uns im Gedanken einrichten, dass ein bisschen ärmer zu werden auch keine Katastrophe wäre. Das schlichtere Leben aber ist nur für den Wohlstand angenehm. Andere werden daran sterben, und zwar massenhaft. Entsprechend ist das sogenannte Umweltproblem ein Armutsproblem.

„Neuerfindung der Industriegesellschaft“

Womit wir wieder bei der alten Industriegesellschaft wären. Auch sie konnte es „so weit“ nur bringen, weil sie im Wohlfahrtsstaat einen Mechanismus fand, die drastischsten Ungleichverteilungen zu bearbeiten. Einen Mechanismus, der nicht nur längst an seinen Belastungsgrenzen operiert, sondern auch für das, womit wir rechnen müssen, politisch blind ist.

Die „Neuerfindung der Industriegesellschaft“, von der Schellnhuber spricht, wird sich darum nicht auf andere Produktions- und Verbrauchsweisen beschränken können. Wir sind zur Hybris gezwungen. Historiker werden einmal von zwei Epochen sprechen, auch wenn die Schwelle zwischen ihnen zunächst nur in ein paar Grad Celsius zu messen war.

Quelle: F.A.Z., 09.10.2007, Nr. 234 / Seite 37
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