04.02.2007 · Wir haben längst damit begonnen, die Opfer des Klimawandels zu zählen: die Hitzetoten, die Flut- und Sturmopfer. Zu einem Neuanfang bedarf es einer neuen ökologischen Vision aller. Ein Kommentar von Joachim Müller-Jung.
Von Joachim Müller-JungDie akademische Debatte über den Klimawandel ist beendet, die politischen und die moralischen Erörterungen aber sind an einem neuen Punkt. An einem Wendepunkt hoffentlich.
Was der zwischenstaatliche Klimabeirat IPCC in seinem vierten Weltklimabericht verkündet hat, war nur in zweiter Linie die Erfüllung der ihm obliegenden Pflicht zur wissenschaftlichen Bestandsaufnahme des Klimawandels. Es war vor allem ein umweltpolitischer Urteilsspruch, auf den nicht wenige viele Jahre gewartet haben. Das Medieninteresse machte das hinreichend klar. Der Mensch, stellten die Forscher mit einer für so vielschichtige Fragen seltenen Eindeutigkeit fest, trägt die Hauptschuld an der weltweiten Erwärmung.
Geschichtsträchtige Botschaft
Das Urteil war angesichts der Fortschritte und Ergebnisse der sechs Jahre seit der Veröffentlichung des dritten Klimaberichts keineswegs überraschend. Es war zu erwarten. Genauso wenig konnten die Analysen und Prognosen des Klimabeirats verblüffen. Sie unterscheiden sich von den vorangehenden Rechenschaftsberichten zwar in einigen Aspekten. Aber die eigentliche Neuigkeit, die vielleicht sogar geschichtsträchtige Botschaft dieses Berichts liegt in der Entschlusskraft, mit der alle Ausflüchte und Zweifel an dem vom Menschen verursachten Klimawandel zerstreut werden.
Dieses Urteil ist schon deshalb von hoher politischer Brisanz, weil daran eben nicht nur Wissenschaftler mitgewirkt haben. Ihre ausführlichen Bilanzen werden erst in den kommenden Monaten veröffentlicht. In der jetzt vorgestellten Zusammenfassung hatten sie lediglich dafür zu sorgen, dass die wissenschaftlichen Befunde nicht verfälscht werden. Verantwortet wird der Text von Regierungsdelegierten aus weit mehr als hundert Staaten, die dem Weltklimabeirat vor zwanzig Jahren den Auftrag der politischen Beratung gegeben hatten. Das Ergebnis des IPCC ist deshalb auch ein großer politischer Konsens. Er umfasst ausnahmslos alle Industriestaaten, die damit nicht nur auf der Bank des Klägers, sondern auch auf der des Beklagten sitzen.
Der Mensch hat sich in dieser doppelzüngigen Position allerdings schon vor langer Zeit eingerichtet. Auf den Straßen ist der Klimawandel bei der Kommentierung von Wetterphänomenen inzwischen Allgemeinplatz. In Deutschland vielleicht mehr noch als in China und Amerika, aber überall ist spürbar geworden, dass etwas aus den Fugen gerät. Nichts verbindet die Menschen in ihrer Wahrnehmung von Natur so sehr wie das Wetter; für viele im Dickicht der urbanen Zentren ist es sogar der einzige Zugang zur Natur geworden.
Gewaltige Herausforderungen
Und damit dürfte die Wahrnehmung der drastischen ökologischen Veränderungen früher oder später auch in den letzten Winkeln des Planeten unausweichlich werden. In dem Weltklimabericht ist diese Voraussage zum ersten Mal nachzulesen. Während man im dritten Report noch die Perspektive auf das Ende dieses Jahrhunderts, den Berechnungszeitraum der Computermodelle, richtete, gibt man den Politikern diesmal einen vagen Ausblick auf das Unausweichliche weit darüber hinaus: in ein Jahrtausend, das vor allem wegen des offensichtlich immer schneller zunehmenden, aber leider noch immer nicht wirklich verstandenen Meeresspiegelanstiegs die Küstenstädte und damit die Mehrheit der Menschheit vor gewaltige Herausforderungen stellt.
Tatsächlich ist die ungeheure Beschleunigung des Klimawandels, an menschlichen Maßstäben gemessen, ohne Beispiel. Natürlich wird der Klimawandel nicht überall gleichermaßen als gefährlich wahrgenommen. Was als gefährlich zu gelten hat, wird kulturell so unterschiedlich eingeschätzt, dass es nicht einmal den wissenschaftlichen Autoren des IPCC, sondern allenfalls der Endredaktion gestattet ist, offizielle Stellungnahmen dazu in den Klimabericht einzuarbeiten.
Aber längst ist klar, dass der Klimawandel tradierte - wenn auch oft aus Unwissenheit falsche - Vorstellungen über und die Sehnsucht des Menschen nach einem berechenbaren Klima zusehends enttäuschen wird, und zwar mit jedem neuen Jahr mehr. Wir haben längst damit begonnen, die Opfer des Klimawandels zu zählen: die Hitzetoten, die Flut- und Sturmopfer. Auch die Hochrechnungen über die Ausbreitung und die Opfer tropischer Krankheiten werden nun mit Punkt und Komma registriert. Heute hier, morgen überall.
Es muss mehr geschehen als bisher
Wie lange also lässt sich aufrechterhalten, was der amerikanische Präsident immer wieder beschwor und jetzt, ohne mit der Wimper zu zucken, wiederholte: dass der moderne „way of life“ nicht verhandelbar sei? Die Europäer und einige mehr haben aus dem Urteil des Klimabeirates und aus dem politisch viel weiter gehenden Stern-Report ihre Schlüsse gezogen. Es muss mehr geschehen als bisher. Was aber soll es sein, eine neue Klimabehörde, eine Neuauflage des Erdgipfels von Rio?
Das Ziel, ökologische Verantwortung auszuüben und damit den umweltpolitischen Trott der vergangenen Jahre aufzugeben, ist nicht zu verkennen. Bisher jagte ein Konferenzmarathon den nächsten. Oft genug ohne Ergebnis. Und die eigentliche in Rio formulierte und zutiefst moralische Aufgabe, nämlich das Recht der heutigen Menschen, natürliches Kapital zu verbrauchen, gegen das gleiche Recht der kommenden Generationen auszuhandeln, hat man immer weiter vertagt.
Die Umsetzung des IPCC-Urteils könnte in der Tat die Chance zum Neuanfang bieten, um verstreute UN-Umweltorganisationen zu ordnen und wirklich zusammenzuführen. Die Regenwaldabholzung und das Artensterben haben mit dem Klimawandel genauso viel zu tun wie dieser mit den Gefahren, denen wandernde Tierarten ausgesetzt sind. Zu einem solchen Neuanfang bedarf es nicht mehr Bürokratie, sondern einer neuen ökologischen Vision aller. Viele müssen dafür erst noch gewonnen werden.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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