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Klimawandel Die Welt soll in Fluten versinken

15.12.2006 ·  Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung warnte diese Woche, daß der Meeresspiegel schneller als erwartet steigen könnte. Gleichzeitig beging er die Ursünde seiner Zunft und stellte die physikalischen Computermodelle in Frage.

Von Joachim Müller-Jung
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Die Woche hat angefangen mit einer schockierenden Nachricht aus der Klimaforschung (im Sommer 2040 soll die Arktis eisfrei sein), und sie klingt damit aus: „Der Meeresspiegel könnte in den kommenden Jahrzehnten schneller steigen als bislang erwartet“, läßt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung wissen, und er verweist auf seine jüngste Veröffentlichung, deren Quelle eigentlich wenig Zweifel an der Seriosität dieser Aussage zulassen sollte: Im „Science-Express“, der schnellen Online-Ausgabe der Zeitschrift „Science“ berichtet er heute über seine neueste Kalkulation, wonach nicht mehr mit einem Meeresanstieg von 9 bis 88 Zentimetern bis zum Ende des 21. Jahrhunderts zu rechnen sei, sondern mit 50 bis 140 Zentimetern.

Diesen Befund könnte man einreihen in eine Reihe ähnlicher Berichte, in denen mal von Zentimetern bis hin zu mehr als zehn Metern Meeresanstieg die Rede ist. Rahmstorfs Aufsatz aber ist durchaus etwas Besonderes. Denn zum erstenmal und noch nie so deutlich hat einer der Klimaforscher ausgeführt (und ausgesprochen), was als Ursünde in der Zunft gilt: das offene Infragestellen der physikalischen Computermodelle.

„Die Tatsache, daß wir mit unterschiedlichen Methoden so unterschiedliche Abschätzungen erhalten, macht deutlich, wie unsicher unsere gegenwärtigen Meeresspiegelvorhersagen noch sind“, schreibt Rahmstorf. Und er gibt zu bedenken, daß die Modelle bisher „nicht in der Lage sind, den Meeresanstieg der vergangenen Jahrzehnte richtig zu reproduzieren“.

„Verhalten nur schwer berechenbar“

Er, der selbst seit Jahren bei der Simulation seiner Klimaprognosen, insbesondere der Golfstrom-Vorhersagen (und der daraus abgeleiteten Eiszeit-Prophezeiungen), auf die komplexen Atmosphäre-Ozean-Modelle setzt, wandte sich nun einem schlichten „halbempirischen Verfahren“ zu.

Er hat sich die von der Nasa gesammelten und aufbereiteten Beobachtungsdaten seit 1880 angesehen und aus dem Vergleich von Temperatur und Meeresanstieg einen Zusammenhang gefunden. Das Meer steige „etwa proportional“ mit der Erwärmung. Rahmstorf nimmt jetzt an, daß das bei weiterer Erwärmung so bleibt, und kommt damit zu seinen „neuen“ Pegelwerten 50 bis 140 Zentimeter - Werten, deren unverändert große Spannweite das Grundübel jeder Jahrhundertprognose verdeutlicht: Über möglicherweise entscheidende physikalische Einflußgrößen weiß man kaum etwas.

Das betrifft hier die Gletscher, insbesondere auf Grönland und in der Antarktis, „deren Verhalten nur schwer berechenbar ist“, so Rahmstorf. „Die Unsicherheit über den künftigen Meeresanstieg ist wahrscheinlich größer, als früher angenommen.“ Sein Ratschlag: Richten wir uns auf Pegelzunahmen von mehr als einem Meter ein. Sicher ist sicher?

Quelle: F.A.Z., 15.12.2006, Nr. 292 / Seite 42
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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