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+++ Klimaticker +++ : Wurminvasion, Luftverpester, Hitzekassandra

Die Luftverschmutzung in Peking führt bei 75 Prozent der Einwohner zu Gesundheitsproblemen Bild: picture-alliance / dpa

In den Zeugenstand des Klimawandels werden gebeten: Mittelmeerwürmer in Dublin, Atmosphärenchemiker aus Mainz und ein amerikanischer Klimatologen-Primus.

          +++ 25. Juli. In Irland prosperiert eine stattliche Population von Mittelmeer-Regenwürmern. Das haben Forscher des University College Dublin entdeckt. Die Würmer, Prosellodrillus amplisetosus, haben sich auf dem Gelände einiger Höfe in der Hauptstadt eingenistet. Normalerweise zieht diese Art die wärmeren Böden rund tausend Kilometer südlich vor. Gelegentlich eingeschleppte fremde Spezies hätten sich bislang nie etablieren können. Wie Olaf Schmidt in der Zeitschrift „Biology Letters“ jedoch berichtet, kommt die irische Erde den Temperaturbedürfnissen der Wenigborster immer mehr entgegen - zumal in den Städten. Die irischen Hofbesitzer und Whiskey-Destillateure hat diese Nachricht alles andere als schockiert. Wo südfranzösische Bodensanierer florieren, will man künftig auch Muscardin und Clairette, zwei besonders traditionsreiche südfranzösische Rebsorten anbauen. Die Ankunft der mediterranen Regenwürmer wird als ersehnter Aufstieg einer großen Spirituosen- zu einer Kulturnation gefeiert. +++

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 1. August. Scheitert die Klimapolitik weiter wie bisher, geht es auch mit der Luftqualität wieder bergab. Vor allem aus China, Nordindien, dem Mittleren Osten und Nordafrika werden gewaltige Abgasmengen aus der Kohleverbrennung und dem Straßenverkehr einen beispiellosen Partikel- und Schadstoffzug um den Globus antreten. Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz sowie des Joint Research Centers der Europäischen Kommission berechnet. Sie haben das chemische Atmosphärenmodell „Emac“ mit aktuellen Luftverunreinigungsdaten gefüttert und die bei einem „Weiter-so-Szenario“ zu erwartenden Emissionen hochgerechnet. „In China und Indien entstehen regelrechte Schadstoff-Hotspots“, meint Andrea Pozzer aus Mainz. Wie sie und ihre Kollegen in der Zeitschrift „Atmospheric Chemistry and Physics“ schreiben, werde die Luftqualität im Jahr 2050 über großen Teilen der Nordhalbkugel so schlecht sein wie heute bereits in den Ballungsgebieten Südostasiens. Zu befürchten ist, dass der Nachschub an sauberer Luft aus dem Süden künftig unterbleibt. Kritisch wird es , insbesondere, wenn der Export von Sauerstoffflaschen aus den Entwicklungsländern in die Luftpestgebiete des Nordens am Widerwillen der Entwicklungsländer ausbleibt. Sie dürften sich wie bisher in den Klimaverhandlungen erfolgreich auf die „historische Schuld“ der Industrieländer berufen. +++

          +++ 7. August. Extrem heiße Sommer, wie er derzeit in Nordamerika zu erleben ist, oder 2010 rund um Moskau, sind höchstwahrscheinlich direkte Auswirkungen des globalen Klimawandels. James Hansen, der Nestor der Klimawandelforschung vom Goddard Institute for Space Studies der Nasa ist sich nach seinen neuesten Analysen ziemlich sicher. „Das klimatologische Würfelspiel von ungewöhnlich heißen oder kalten Jahreszeiten wird zunehmend aufgeladen vom Klimawandel“, so Hansen. Er hat mit seinem Team die Schwankungen der Sommertemperaturen der vergangenen dreißig Jahre mit den Verhältnissen in der Zeit zwischen 1951 und 1980 untersucht. Damals kamen außergewöhnliche Hitzeanomalien, die in der statistischen Standardabweichung drei Sigma überschreiten, nur auf einem Prozent der Erdoberfläche vor. Mittlerweile müsse man auf zehn Prozent der Landflächen mit solchen Sommerspitzen rechnen. In seiner Veröffentlichung in den „Proceedings“ der amerikanischen nationalen Akademie der Wissenschaften warnt Hansen, dass damit vor allem die Dürregefahr vielerorts immer schneller zunimmt und die Wasserknappheit zur Normalität in vielen Regionen wird. Hansen ist nicht der erste, der vor den Temperaturausreißern warnt. Trotzdem ist seit der neuesten Veröffentlichung die Unruhe im Weißen Haus besonders groß. Präsident Obama hat das Landwirtschaftsministerium angewiesen, die Installation von Megawasserrohren aus den schmelzenden Eisregionen Nordalaskas in die Kornkammer des Mittleren Westens zu prüfen. Die Bevölkerung wird aufgerufen, unterirdische Eisvorräte anzulegen. Staatsbedienstete wie Klimaforscher Hansen werden dem Heimatschutzministerium unterstellt. Die Verhinderung einer Massenpanik habe oberste Priorität. +++

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