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+++ Klimaticker +++ : Thermoschneedecke, Kalkwunderalge, Meerstromblockade

Rastermikroskopische Aufnahmen von Emiliania huxleyi, eine blütenbildende Kalkalge, schwebt in lichtdurchfluteten Schichten aller Weltmeere. Unter günstigen Bedingungen bildet sie riesige Biomassen und bindet so große Mengen Kohlendioxid. Bild: Björn Rost, Alfred-Wegener-Institut

Es hagelt mal wieder Warnungen und Entwarnungen vor der Endzeit: Wehe, wenn Schnee fehlt oder die Behringstraße trocken fällt. Zum Glück gibt’s robuste Algen.

          +++ 7. April. Der rasche Schwund von eis- und schneebedeckten Flächen auf dem Globus verändert zusehends die Ökosysteme in der Nord- und Südhemisphäre. Das wird in einer Bilanz des amerikanischen „Long Term Ecological Research Network“ deutlich. Seit 1980 wird kontinuierlich die Zusammensetzung der Flora und Fauna an mittlerweile 26 Beobachtungsflächen untersucht. Wie die Gruppe um Andrew Fountain von der Portland State University berichtet, trifft der Schwund der Cryosphäre nicht nur Pinguine, Eisbären und die Lebensgemeinschaften der Permafrostböden, die immerhin 23 Millionen Quadratkilometer Fläche ausmachen. Auch viele der Tiere und Pflanzen, die unter den Schneedecken in mittleren Breiten überwintern, seien bedroht. Der Schnee, der im Winter eine Ausdehnung von weit mehr als vierzig Millionen Quadratkilometer erreicht, dient als Isolationsschicht vor extremem Frost. Wie die Forscher in einer Sonderausgabe von „Bioscience“, dem Journal des American Institute of Biological Sciences, berichten, würden vor allem die Wurzeln unter der Grasnarbe Schaden nehmen, wenn der nackte Boden gefriere. Das kann auch für die Nahrungsmittelerzeugung und Wasserversorgung nicht folgenlos bleiben. Die Forscher plädieren für ein humanes nachhaltiges Winterbiotopmanagement. Entlang dicht besiedelter Landstriche und intensiv bewirtschafteter Felder sowie rund um städtische Kleingartenanlagen seien abwassergespeiste Schneekanonen zu installieren, der Winterdienst müsse endlich seinem Namen gerecht werden und für lebensfreundliche Schneehöhen sorgen. +++

          Hoffnungsträger Kalkalge

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          +++ 8. April. Die bedeutendste einzellige Alge, Emiliania huxleyi, die allein gut ein Drittel des Kalziumkarbonats in den Ozeanen produziert, könnte die Versauerung der Meere besser verkraften als oft befürchtet. Das lässt sich aus Laborexperimenten schließen, die Thorsten Reusch und seine Kollegen am Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Geomar vorgenommen haben. Die weltweit verbreitete Kalkalge wurde in zwei Versuchsansätzen schrittweise erhöhten Kohlendioxidkonzentrationen ausgesetzt, wie sie ohne klimapolitischen Gegenmaßnahmen gegen Ende des Jahrhunderts erreicht werden könnten. Wie sich nach 500 asexuellen Teilungen der Einzeller zeigte, gediehen viele Algen auch in saurerem Wasser weiterhin ganz ordentlich, sofern sie sich an die veränderte Zusammensetzung der Luft angepasst hatten. In „Nature Geoscience“ berichten die Forscher, dass die Kalkalgen, deren Blüten gelegentlich mehr als 100 000 Quadratkilometer Fläche erreichen, und die zudem die Hälfte des im Meer als Kohlenstoffverbindungen abgelagerten Kohlendioxids binden, in der Natur womöglich noch widerstandsfähiger sind. Sie könnten sich durch sexuelle Fortpflanzung noch erfolgreicher genetisch diversifizieren. Sex im sauren Milieu zahlt sich auf jeden Fall aus. Jetzt soll geprüft werden, ob das auch für sexuell aktivere Tiergruppen wie Fische, Krebse und Wale gilt. In zwanzig Jahren will man säurefeste Exemplare von jeder marinen Schlüsselart erzeugt haben. +++

          Countdown an der Beringstraße

          +++ 9. April. Die Beringstraße ist einerseits Achillesferse des europäischen Klimas und andererseits vielleicht ihr Rettungsanker im Klimawandel. Obwohl an der engsten Stellen nur achtzig Kilometer breit und fünfzig Meter tief, ist die Wasserstraße, die im Norden den Pazifik und den Atlantik verbindet, ein entscheidender Antrieb für das als globales Förderband bekannte System von Meeresströmungen. Die bekanntesten Ströme sind der Golf- und der Nordatlantikstrom (siehe auch nebenstehendes Bild), die große Warmwassermengen aus den Subtropen nach Nord- und Westeuropa transportieren. Brechen diese Meereszirkulationen zusammen, wie mehrfach während der letzten Eiszeit, kommt es zu abrupten Kälteeinbrüchen in Europa. Genau das wurde in der Computersimulation am National Center for Atmospheric Research in Boulder (Colorado) beobachtet. Die entscheidende Stellschraube für das An- und Abschalten des Eiszeitmodus war die Blockade der Strömungen durch die Beringstraße. Jede Sekunde schießen derzeit bis zu 800 000 Kubikmeter Oberflächenwasser aus dem Pazifik in die Arktis, gleichzeitig strömt etwas tiefer salzreicheres Wasser aus dem Nordatlantik in den Pazifik. Das löst einen regelrechten Sog auf den Golfstrom aus. Wie die Forscher um Aixue Hu in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften berichten, kommt es zu einem Abbruch des Golfstroms, wenn der Wasseraustausch über die Beringstraße komplett ausfällt oder der Wasserspiegel um 50 Meter absinkt und der Atlantik vom Pazifik getrennt wird. Das war in der Eiszeit der Fall. Heute liegen die Dinge etwas anders. Da die globale Erwärmung eine Eisschmelze bewirkt und ein weiteres Ansteigen des Meerespegels bevorsteht, wird ein abrupter Eiszeiteinbruch eher unwahrscheinlich. Es sei denn, jemand macht die Schotten dicht in der Beringstraße. Die amerikanische Regierung, der schon längst keine Email aus der Klimaforschergemeinde mehr entgeht, hat vergeblich versucht, die Veröffentlichung des prekären Beringstraßen-Befundes zu verhindern. Sie hat mit ihren europäischen Verbündeten inzwischen einen Militärstützpunkt an der Nordspitze Alaskas eingerichtet, um die Russen auf der anderen Seite der Beringstraße in Schach zu halten. Ein neuer eiskalter Krieg kündigt sich an. +++

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