25.10.2011 · Der Klimawandel im toten Winkel des Katastrophenjournalismus? Nicht bei uns. Im apokalyptischen Liveticker glossieren wir die Protokolle vom Klimakollaps.
Von Joachim Müller-Jung+++ 18. Oktober. Die Computermodelle des Weltklimarates IPCC versagen, wenn es um die Simulation der Eisschmelze in der Arktis geht. Im "Journal of Geophysical Research" berichtet ein amerikanisch-französisches Team vom MIT und CNRS, die Ausdünnung der Eisfläche werde um den Faktor vier unterschätzt, ebenso die beschleunigte Meereis-Bewegung. Der fünfte Weltklimabericht in drei Jahren sei trotzdem nicht gefährdet. In die Algorithmen wird vorsorglich ein Schmelzfaktor von zehn eingebaut. Die Klimavertragsstaaten haben entsprechende Korrekturen bereits genehmigt. +++
+++ 20.Oktober. Eine Erwärmung über den irdischen Landmassen von gut 0,9 Grad seit Mitte vergangenen Jahrhunderts lässt sich nicht mehr bestreiten. Das sagt der Physiker Richard Muller von der University of Berkeley in Kalifornien, ein von der etablierten Klimatologie unabhängiger Wissenschaftler, der mit seinem "Berkeley Earth"-Team die bislang umfangreichste Analyse von mehr als einer Milliarde Rohdaten aus den knapp 39 000 Messstationen weltweit vorgenommen hat. Sämtliche Messwerte aus 15 Datenbanken sind online gestellt worden (http://berkeleyearth.org/). Die von Muller gewünschte Veröffentlichung in "Geophysical Research Letters" hat man offiziell auf der "Nature"-Webseite bekannt gegeben. Weihnachten ist ja bald. Zudem steht die Klimakonferenz von Durban bevor. Die Ausschreibungsfrist für den Wunschzettel endet diese Woche. +++
+++ 24. Oktober. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent ist die Rekord-Hitzewelle rund um Moskau im vorigen Jahr auf den Klimawandel zurückzuführen. Durch eine der folgenschwersten Hitzeperioden der jüngeren Zeit waren nach Bränden, Wassermangel und akuten Herz- und Kreislaufversagen rund 56 000 Extra-Todesopfer in sechzig Tagen zu beklagen. Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat eine statistische Methode entwickelt und in den "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften publiziert, mit der sich Wetterextreme wie das russische Desaster in die historische Folge von Naturkatastrophen einordnen - oder eben nicht mehr mit denselben erklären - lassen. Wem 80 Prozent Wahrscheinlichkeit in der Zuschreibung nicht genug sind, kann sich noch für die Vorsorgekurse der Sommerakademie in Potsdam einschreiben. Das Nostalgietreffen der Unbelehrbaren wird aus dem Pisa-Fonds von Umwelt- und Bildungsministerium finanziert. Zählrahmen, Rechenschieber und Tafelkreide werden zur Verfügung gestellt. +++
Apokalypse Now - IPCC Horrormeldungen
Horst Henn (glufa)
- 26.10.2011, 16:16 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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