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+++ Klimaticker März +++ Kurvenskandal, Frühlingspropheten, Eiszeitgerüchte

Update: Neue Skandalgeschichte um fabrizierte Temperaturkurven, der Frühling kommt und die Frauen als die großen Verlierer: der Glossenticker zum Klimawandel.

© dapd Vergrößern

Nach zahlreichen Anfragen, ob sich wohl die Gefechte an der Klimawandelfront schon beruhigt und die Apokalypse erledigt hätten, weil auf unserem+++ Klimaticker +++ nun schon längere Zeit nichts Weltbewegendes mehr vermeldet wurde, sehen wir uns gezwungen, falschen Gerüchten vorzubeugen. Von nun an wird der klimatologische und klimapolitische Liveticker mit seinem Strom aus ernsten Nachrichten und (nicht ganz so ernst gemeinten) Schlussfolgerungen in kürzeren Abständen online erscheinen. Einmal alle vier Wochen werden zudem die Highlights des jeweiligen Klimamonats in unserer Mittwoch-Beilage „Natur und Wissenschaft“ in der Druckausgabe der FAZ erscheinen.

Joachim  Müller-Jung Folgen:    

+++ 31. März. Die Nachricht von einem neuen Klimaforschungsskandal geht um die Welt. Roger Pielke Jr. von der University of Colorado, dessen Homepage eine Piratenflagge ziert, sieht das Verhalten von Wissenschaftlern nahe am Betrug, weil diese in einer Pressemitteilung der amerikanischen National Science Foundation die Behauptung aufstellten, ihre Temperaturrekonstruktion der vergangenen 11.300 Jahre zeige, dass sich das Klima global gut 5000 Jahre lang abgekühlt und erst in den vergangenen 100 Jahren beispiellos erwärmt habe. Grundlage ist eine Veröffentlichung in „Science“ Anfang des Monats. In dem Klimaforschungsblog „RealClimate“ gibt  Hauptautor Shaun Marcott von der Oregon State University zu, dass sein Schwarm neuer Hockeyschlägerkurven in dem Paper insoweit irreführend ist, dass die Temperatur-Rekonstruktion des 20.Jahrhunderts und damit der quasi explodierende Temperaturanstieg am Kurvenende „statistisch nicht robust“ ist. Der Grund: Nur in einem Bruchteil der 73 weltweit untersuchten - und teils neu kalibrierten - Klima-Archive im Boden, in Bäumen und im Eis hat man genügend Daten aus den letzten hundert Jahren gefunden, die mit dem verwendeten  Analyseverfahren vergleichbar wären. Der steile Anstieg ist also nicht durch die Paläodaten gedeckt, sondern basiert auf den neuen instrumentellen Messwerten. Die Paläodaten seien „nicht repräsentativ für den globalen Temperaturanstieg“, stellt Marcott klar. Das Problem: Schneidet man  wie Roger Pielke Jr. virtuell die Kurve am Schlägerblatt ab, also an dem Punkt, ab dem die Daten nicht mehr statistisch aussagekräftig sind, endet man in einer der kältesten Epoche des Holozäns. Mit den Instrumentendaten dagegen landet man in der Gegenwart und damit bei der annähernd wärmsten Phase der letzten 11.300 Jahre. Pielke Jr. vermutet offenbar Suggestion als Motiv der Kurvenkonstruktion und fordert in seinem Blog, die zahlreichen Fehlinterpretationen, zu denen die Öffentlichkeit mit der Pressemitteilung eingeladen worden war, zu korrigieren: „Von der Antwort wird abhängen, was dieser kleine aber sichtbare Teil der Klimaforschungsgemeinde von wissenschaftlicher Integrität hält.“ In Genf, dem Sitz des Weltklimarats IPCC, liefen nach dem deftigen Piratenblog Pielkes die Drähte heiß. Akten wurden vorsorglich vernichtet, die auf eine Verbindung zu Marcott und seinen Getreuen hätten schließen lassen, die Friedensnobelpreis-Urkunde des IPCC wurde in Liechtenstein in Sicherheit gebracht, die Piratenschutzflotte vor Somalia wurde an den Genfer See verlegt und eine Sonderaudienz beim Öko-Papst Franziskus beantragt - Ostern hin oder her. +++

+++ 29 März. „Der Frühling wird schon kommen.“ Laut dpa sagt das Peter Lemke voraus, Klimaforscher und ehemaliger Direktor am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Eine clevere Prognose. In Großbritannien steht der nationale Wetterdienst, das Met Office, am Pranger, weil man vom Wetter und vom Klima vielleicht zwar genauso viel versteht wie in Norddeutschland, aber bei den Vorhersagen weniger cool bleibt. Chefwissenschaftlerin Julia Slingo hat sich im BBC-Programm öffentlich für einen fatalen Missgriff 2012 entschuldigt. Im März hatte man eine „leichte Tendenz“ zu einem eher trockenen April prognostiziert. Die Regierung rief daraufhin zum Wassersparen auf. Geworden ist es dann der niederschlagsreichste April seit Beginn der Messungen im Jahr 1910. “Der Rat war nicht sehr hilfreich“, sagte die Forscherin im BBC-Radio. Ostern wird es nach Met-Office-Angaben in Teilen Englands kälter als auf Grönland. Noch während des Slingo-Interviews wurde das Gebäude des staatlichen Senders von Panzern umstellt, die fröstelnden Soldaten verbrannten symbolisch Tausende von Wetterfröschen, die sie aus der Winterruhe holten. Erst als Chefmeteorologin Slingo gelobte, die Ostereiersuche dieses Jahr mitsamt ihrer Klimatologen-Truppe im Rahmen einer 72-Stunden-Übung auf das Militärübungsgelände Holcombe Moor in Lancashire zu verlegen, zogen die Panzer ab.+++

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Veröffentlicht: 01.04.2013, 14:41 Uhr