01.12.2011 · Schlechte Neuigkeiten sind Gegenstand und Geschäftsgrundlage der Klimapolitik. Auch in Durban gibt es reichlich davon. Eine davon kommt aus den Tundren.
Von Joachim Müller-Jung+++ 1. Dezember. Das Gefahrenpotential, das von permanent vereisten Böden rund um die Pole für das Klima ausgeht, ist bislang stark unterschätzt worden. Das hat das „Permafrost Carbon Research Network„, ein internaitonales Konsortium aus mehr als vierzig Permafrostforschern, in der Zeitschrift “Nature“ bekannt gegeben. Tauen die Böden wegen der Erwärmungn auf, könnten wegen der mikrobiellen Zersetzung der organischen Stoffe im Boden bis Ende des Jahrhundetrs 1,7 bis 5,2 mal soviel Kohlenstoff in die Atmosphäre freigesetzt werden als bislang gedacht.
Weil die freigesetzten Gase vor allem das treibhausgas Methan enthalten, das zwar in der Luft schneller abgebaut wird als Kohlendioxid, aber gut zweieinhalb mal so effektiv die Wärmestrahlung einfängt und den Teibhauseffekt verstärkt, sei mit fatalen, aber noch schwer bezifferbaren positiven Rückkoppelungen für die Klimaeräwrmung zu rechnen. Das Forschernetz korrigierte die alten Schätzungen, weil man zum einen herausgefunden hat, dass in den Permafrostböden knapp 1700 Milliarden Tonnen organische Kohlenstoffverbindungen enthalten sind. Und zum zweiten habe man die Klimamodelle angepasst, weil schon heute eine erhebliche Beschleunigung des Schmelzprozesses insbesondere etwa an den Randgebieten der Eisgebiete in der Tundren zu beobachten sei. Genauere Prognosen seien allerdings nicht möglich, weil immer noch zu wenige Erkenntnisse und Daten aus den Permafrostgebieten vorlägen.
Diese Anspielung ist auf der Klimakonferenz in Durban dankbar aufgegriffen worden. Die einflussreichsten Klimavertragsstaaten haben sich unter europäischer Führung in einer Adhoc-Sitzung darauf verständigt, die nächste Weltklimakonferenz an einem noch zu bestimmenden Tagungsort jenseits der Baumgrenze abzuhalten, wo die Jahresdurchschnittstemperatur minus 1 Grad und der Jahresniederschlag 1000 Millimeter nicht übersteigt.
Ein international besetztes wissenschaftliches Komitee wurde beauftragt, einen Eisbrecher zu chartern und geeignete Lokalitäten bis Anfang nächsten Jahres jenseits des Nordpolarkeises zu ermitteln. Die Kosten dafür übernehmen freundlicherweise Shell und BP, die bereits angekündigt haben, während der zweiwöchigen Klimakonferenz ihre bewährte Gas- und Ölexplorationsinfrastruktur für ein gemütliches Konferenzrahmenprogramm in der arktischen Umwelt zur Verfügung stellen zu wollen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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