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+++ Klimaticker extra +++ Zum Gipfel: Was dem Wald weh tut

 ·  Die Klimakonferenz von Doha - eine Farce? Möglich. Nicht aber für die Wissenschaft. Sie lässt es krachen. Vor dem Gipfel hat sie eine Berichtslawine losgetreten.

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Der Klimawandel törnt ab, ist jetzt immer öfter in politischen Kreisen zu hören. Viele wollen das Thema abhaken. Zum Klimagipfel der Vereinten Nationen, der diese Woche in Doha (Qatar) begonnen hat, reisen trotzdem 17 000 Delegierte und Wissenschaftler, fast 6000 Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und 1500 Medienleute. Vor dem Gipfel rollt eine Studienlawine. Macht die angekündigte Apokalypse doch keine Pause?

+++ 19. November. Die Woche vor dem Beginn des achtzehnten Klimagipfels in Doha beginnt mit einem tsunamiverdächtigen Aufbäumen der Wissenschaft. Der verschriftlichte Klimakollaps nimmt wieder konkretere Formen an. „Wir befinden uns auf einem Kurs, der schon bis Ende des Jahrhunderts zu einer Erderwärmung von vier Grad führen dürfte. Und somit in eine Welt mit Risiken außerhalb der Erfahrung unserer Zivilisation.“ Die unheilvolle Botschaft, die das Vier-Grad-Dossier (“Turning down the Heat“) der Weltbank in Washington begleitet, ist das Resultat einer „risikobasierten Analyse“ des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, in der gewarnt wird: „Keine Nation der Welt wird immun sein gegen die Auswirkungen des Klimawandels.“ Dieser Satz hat in der nationalen Akademie für Technikwissenschaften „acatech“ für maximale Empörung gesorgt. Er könne missverstanden werden. Nach Erkenntnissen der Technikakademie und ihrer Industriepartner ist für Deutschland weiter von einer „beherrschbaren“ Entwicklung auszugehen. Dafür spreche schon der siebte Satz in der zweiten Spalte der Zusammenfassung, in der die Weltbank feststellt: „Der Meerespiegelanstieg wird in den Tropen wahrscheinlich 15 bis 20 Prozent höher liegen als im globalen Mittel.“ Einflussreiche Geographen hätten der Aklademie zugesichert, dass Deutschland in geologisch überschaubaren Zeiträumen außerhalb der Tropen zu verorten sei. +++

+++ 20. November. Ein neuer Paukenschlag: Wie die Weltwetter-Behörde WMO in Genf in ihrem Treibhausgas-Bulletin mitteilt, haben die Mengen an Kohlendioxid, Methan und Lachgas in der Atmosphäre 2011 neue Rekordwerte erreicht. Mit 390,9 ppm (Teile pro Million Luftmoleküle) liege der CO2-Anteil 140 Prozent über dem vorindustriellen Niveau, Methan 259 Prozent und Lachgas - Distickstoffoxid - 120 Prozent drüber. Die maximale Arbeitsplatzkonzentration werde stellenweise stark überschritten. Vor allem in Hochhäusern mit Balkontüren droht die Luft dünn zu werden. Je nach Wetterlage droht der Anteil biologisch verwertbarer Luftmoleküle unter die Schwelle zu fallen, die Leben in der uns bekannten Form möglich macht. +++

+++ 20. November. Ein amerikanischer Geologe, James Lawrence Powell, veröffentlicht zwei bemerkenswerte Zahlen zur Lage in der Klimatologie: 13 950 und 24: Die erste gibt die Summe der im „Web of Science“ veröffentlichten Artikel an, die zwischen 1991 und November 2012 in Fachzeitschriften mit Peer-Review unter den Schlüsselbegriffen „Global Warming“ und „Global Climate Change“ erschienen sind. In nur 24 Studien wird die Existenz einer beschleunigten Klimaerwärmung durch Treibhausgase kategorisch abgestritten. Unerklärlich ist, wie die Fußnote zu der Erhebung von der Homepage des Geologen verschwinden konnte. In der war zu lesen, dass die Suche nach dem Schlüsselbegriff „Welcome Warming“ einen statischen Verlauf ergeben hat, der die Klimaforschung aufhorchen lässt: Die Kurve hat eine hockeyschlägerartige Form und verläuft parallel zur Temperaturkurve der vergangenen Jahrzehnte. +++

Auf nach Norden

+++ 21. November. Die Erwärmung, aber nicht nur sie, verändert die Falterfauna im Norden Schwedens. Markus Franzen vom Umweltforschungszentrum in Halle hat zusammen mit schwedischen Kollegen herausgefunden, dass von 282 skandinavischen Schmetterlingsarten schon 170 ihren Lebensraum nordwärts verlagert haben, und zwar um 2,7 Kilometer pro Jahr seit 1973 - dem Jahr des ersten UN-Umweltgipfels in Stockholm. Besonders stark profitiert hätten in der Zeit jene Falter, deren Larven sich von stickstoffliebenden Pflanzen ernährten. Stickstoff im Blut verleiht den Tieren Flügel, so lässt sich der Bericht in den „Proceedings B“ der Royal Society (doi: 10.1098/rspb. 2012.2305) zusammenfassen. „Das könnte weitreichende Konsequenzen für viele andere Organismen haben“, heißt es in der Studie. Der Mensch wird zwar nicht explizit genannt, aber die Menschenrechtsorganisationen sind bereits alarmiert, wie es um die Zukunft der indigenen Bevölkerung rund um den Pol bestellt ist. +++

+++ 21. November. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen stellt in ihrem von 55 Forschern ausgearbeiteten „Emissionslücken-Report“ fest, dass die Treibhausgasemissionen weiter steigen. Sie liegen nun mit 50 Milliarden Tonnen Kohlendioxid fast 14 Prozent über dem Zielwert, der für eine Begrenzung der globalen Erderwärmung auf zwei Grad angestrebt wird. Das wären 44 Milliarden Tonnen. Zurzeit ist man allerdings auf Kurs 58 Milliarden bis 2020, wenn das in Doha verhandelte Kyoto-Folgeprotokoll in Kraft treten soll. In Doha soll eine Taskforce installiert werden, die bis zur nächsten Vertragsstaatenkonferenz den Entwurf eines Kyoto-Nachfolgefolgefolgeprotokolls vorlegt. Die Verhandlungen für Emissionsminderungsmaßnahmen von 2030 an sollen unmittelbar nach Doha starten und die Delegierten bis 2029 zum Abschluss kommen. +++

+++ 21. November. Zwei Tage nach der Weltbank widerlegt die Europäische Umweltagentur in einem grafisch ansprechenden 250-Seiten-Bericht jüngste Beschwichtigungen zur Klimakrise. „Potentiell sind Schäden in beträchtlicher Höhe zu erwarten“, heißt es. Alle müssten sich anpassen. Die Agentur hat eine Agentur beauftragt, aus den Grafiken eine 3D-Klimabühnenshow herzustellen, für deren Präsentation quer durch Europa der optisch ansprechende ehemalige Umweltminister Röttgen gewonnen werden soll. +++

+++ 22. November. Die meisten Waldbäume dieser Welt sind sehr viel weniger tolerant gegen Austrockung als bisher gedacht. Steven Jansen von der Universität Ulm und Bettina Engelbrecht von der Universität Bayreuth haben gezeigt, dass 70 Prozent der von ihnen untersuchten 266 Waldbaumarten aus 81 Standorten rund um den Globus bei Unterschreiten einer bestimmten Wassermenge regelrechte Embolien ausbilden: Im Wasserleitungsgewebe bilden sich Blasen, das Xylemgewebe kollabiert und die Bäume trocknen aus. Das betrifft auch viele Bäume aus feuchten Regenwaldregionen. Die „Sicherheitsmargen“ seien extrem eng, schreiben die Forscher in „Nature“ (doi: 101038/nature11688). Das deutsche Waldsterben kehrt somit wieder, nur diesmal global. Die amerikanische Regierung hat umgehend reagiert und die deutsche Forstpolitik verantwortlich gemacht, nicht rechtzeitig informiert worden zu sein. Die Seuche wäre einzudämmen gewesen, hätte man die „Superspreader“ - die Großmultiplikatoren des Erregers - rechtzeitig gefasst und auf Guantamano in Quarantäne genommen. +++

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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