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Klimaspende : Ein Klick ist nicht genug

  • -Aktualisiert am

Bei Easyjet ist die Klimaspende in den Buchungsprozess integriert Bild: AFP

Es ist ein Dilemma: Auf dem Weg in den wohlverdienten Urlaub verursacht man massenhaft Treibhausgase. Wer die Emissionen kompensieren will, weiß nie genau, wo seine Spende eigentlich landet. Eine Spurensuche in einer Wasserkraftanlage in Ecuador.

          Es ist ein Dilemma. Man fliegt in den Urlaub, um schöne Tage zu verbringen, und verursacht massenhaft Treibhausgase. Sicher, man könnte kompensieren, also Geld zahlen, um die Emissionen andernorts einzusparen. Doch das machen bislang nur 3,1 Prozent der Deutschen, wie eine Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen ergab. Selbst wer sich im Alltag ökologisch bewusst gibt, kann sich zur Klimaspende meist nicht durchringen. Man wisse schließlich nicht, ob dadurch tatsächlich Emissionen eingespart würden.

          Ich flog nach Barcelona. Es war eines dieser orangefarbenen Flugzeuge, die man als Erster betreten darf, wenn man mehr bezahlt. Ich beschloss stattdessen, Geld für ein Klimaschutzprojekt zu zahlen. Bei Easyjet ist die Klimaspende in den Buchungsprozess integriert. Für 124 Kilogramm CO2 auf 1500 Flugkilometern zahlte ich 2,39 Euro.

          Der Spende hinterher

          Es war ein gutes Gefühl, und doch zweifelte ich. 2,39 Euro ist ein erstaunlich geringer Betrag für die Rettung des Klimas. Ich fragte nach bei der Klimaschutzagentur Atmosfair, die oft als einer der seriösesten Kompensationsanbieter genannt wird. Für die gleiche Strecke zahlt man dort acht Euro. Der Hauptgrund für den Unterschied: Easyjet berechnet den reinen CO2-Ausstoß, Atmosfair auch die klimaschädliche Wirkung anderer Schadstoffe, zum Beispiel Stickoxide und Rußpartikel. Wissenschaftler sind sich einig, dass diese in Flughöhen oberhalb von rund 9000 Metern den Erwärmungseffekt verstärken. Wie stark genau, ist nicht eindeutig geklärt, als plausibelster Wert wird der Faktor 2,7 gehandelt – ein Mittelwert des vom Weltklimarat 1999 angegebenen Radiative-Forcing-Faktors (RFI-Faktors) von zwei bis vier. Bei Atmosfair hat man sich auf einen Faktor drei geeinigt, neuere Schätzungen liegen noch höher.

          Atmosfair kommt so auf eine „Klimawirkung“ vergleichbar mit 320 Kilogramm CO2 und geht dabei von Standard-Flugzeugtypen aus, von durchschnittlicher Bestuhlung, Auslastung und Flughöhe. Easyjet, würde der Pressesprecher sagen, sei aber nicht durchschnittlich, der Airbus A319 auf dieser Strecke sehr effizient, die Sitze enger gestellt, die Auslastung mit 85 Prozent sehr hoch. Aber auch Easyjet-Flugzeuge sind zwischen Berlin und Barcelona oberhalb von 9000 Metern unterwegs (anders als bei Kurzflügen) und verursachen mehr Schadstoffe als nur 124 Kilogramm reines Kohlendioxid pro Passagier. Diese Schadstoffe hatte ich nicht kompensiert. Mit einem Klick auf „Helfen Sie der Umwelt“ macht man es sich zu einfach.

          Prüfung in Ecuador

          Ich wollte wenigstens wissen, wo meine 2,39 Euro enden, wenn sie schon unzureichend waren. Auf der Website steht, das Geld gehe an eine Wasserkraftanlage in Ecuador, zertifiziert von den Vereinten Nationen. Also flog ich nach Ecuador. Besser gesagt, ich flog ohnehin nach Ecuador und nutzte die Gelegenheit. In Quito traf ich Fernando Velástegui. Wir fuhren hinaus in die Berge, zum Perlabí-Wasserkraftwerk in San José de Minas. Irgendwo hielten wir, aßen frittierte Schweinehaut mit Saubohnen und gebratenen Zwiebeln und fuhren weiter, bis ins Tal des Chirizacha-Flusses. Dessen Lauf wird auf etwa 1800 Metern Höhe zu einem kleinen See aufgestaut. Das Wasser fällt durch ein Rohr 184 Meter steil nach unten, jagt in ein Maschinenhäuschen und durch eine gelb gestrichene Turbine, deren Rotationsenergie in elektrische Energie umgewandelt wird.

          Velástegui zeigte auf ein Display. Darauf kommt es an, das Messgerät. Für die ersten zweieinhalb Jahre des kleinen Wasserkraftwerks hat es 20.547 Kilowattstunden gemessen, eingespeist ins nationale Stromnetz. „Dadurch wurde vermieden, dass anderswo in Ecuador Energie durch Verbrennung produziert wurde“, sagte Velástegui. Die von den Vereinten Nationen zugelassene Zertifizierungsgesellschaft Det Norske Veritas (DNV) hat beglaubigt, dass Perlabí in diesen zweieinhalb Jahren rund 14.000 Tonnen CO2-Emissionen eingespart hat. Die konnte Velástegui als Certified Emission Reduction Units (CER) veräußern – eine CER-Einheit steht dabei für eine eingesparte Tonne CO2. Die Citybank in London kaufte alle 14.000 Einheiten und gab sie an Easyjet weiter. Mit meinen 2,39 Euro habe ich einen kleinen Teil davon finanziert.

          Sichergehen geht nicht

          Ich war noch immer unsicher. Wurde mit meinem Geld in Ecuador tatsächlich CO2 eingespart, das sonst emittiert worden wäre? Für Perlabí hat DNV dokumentiert, dass die Anlage allein aufgrund von Kompensationsgeldern gebaut wurde. Das ist ein entscheidender Punkt, denn sonst wird unter dem Strich mehr emittiert – im Norden, wo jemand ins Flugzeug steigt und denkt, dass er kompensiert, und im Süden, wo das gespendete Geld in ein Projekt fließt, das gar keine zusätzlichen Einsparungen bringt, weil es auch sonst gebaut worden wäre. Eine vom Öko-Institut für den WWF erstellte Studie hat gezeigt, dass diese „Zusätzlichkeit“ bei vielen zertifizierten Klimaprojekten nicht eindeutig nachgewiesen werden kann. Sicher gehen kann man nur, wenn man sich an Projekte mit dem sogenannten CDM Gold Standard hält, die strikter von den Vereinten Nationen geprüft werden und auch auf die lokale Bevölkerung und Umwelt besondere Rücksicht nehmen müssen. Das Perlabí-Wasserkraftwerk ist nicht nach dem Gold Standard zertifiziert.

          Es blieb ein unguter Nachgeschmack. Und der Flug nach Ecuador – 20.506 Flugkilometer, eine Klimawirkung von 5,72 Tonnen CO2, kompensiert bei Atmosfair in Gold-Standard-Projekten für 133 Euro. Kompensiert zwar, aber dennoch verursacht. Umweltverbände und auch Atmosfair selbst warnen daher davor, die Klimaspende als Freibrief zu sehen, und raten, Emissionen zunächst zu vermeiden und zu reduzieren. Etwa nahe Ziele zu bevorzugen, mit Bus und Bahn anzureisen oder, wenn man schon fliegen muss, länger als nur ein paar Tage zu bleiben. Wer dennoch übers Wochenende nach London fliegen muss, für den ist die Klimaspende ein gutes Instrument – vorausgesetzt sie wird korrekt berechnet und fließt in die richtigen Projekte. Meine 2,39 Euro, sie waren immerhin schon mal gutgemeint.

          Einen guten Überblick zum Thema klimaverträgliches Reisen gibt die WWF-Broschüre „Der touristische Klima-Fußabdruck“, Neuauflage 2009. Eine Klimaspende ist auch nachträglich möglich, zum Beispiel bei den Klimaschutzagenturen Atmosfair, die nur Projekte mit Gold Standard unterstützt oder Myclimate.

          Quelle: F.A.Z.

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