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Klimaschutz „Klima-Anlagen kühlen vor allem Beton“

 ·  In seinem Heimatland erntete er für sein Buch „Losing our cool“ viel Kritik. Der amerikanische Wissenschaftler Stan Cox im Interview über die Kälte als Klimakiller, die Besiedelung des Südens und Fettsucht durch „air conditioning“.

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Herr Cox, Sie gelten in Amerika als Nestbeschmutzer, weil sie ihre Landsleute auffordern, auf Klima-Anlagen zu verzichten.

Die Gefühlsausbrüche nach meinen Buch haben mich schon erschreckt. Bei vielen scheint Panik auszubrechen. Amerikaner sind viel mehr auf Komfort angewiesen, als ich dachte.

Seit wann sehen Amerikaner „air conditioning“ als Grundrecht an?

Die Zeiten, in denen man einfach das Fenster aufmachte, sind seit dem Zweiten Weltkrieg vorbei. Damals mussten schnell Häuser für einkommensschwache Familien her, und statt dicker Mauern gab es dann die viel billigeren Holzkisten mit Klima-Anlage. Inzwischen ist das „air conditioning“ zu einem Teil des amerikanischen Lebensstils geworden. Fast 85 Prozent aller Wohnungen werden künstlich gekühlt.

Ist das sinnvoll?

Eben nicht. Vor allem, weil die meisten Klima-Anlagen nicht Menschen kühlen, sondern Holz und Beton. Wenn die Bewohner eines Hauses morgens in ihrem klimatisierten Auto in ihr gut gekühltes Büro fahren, läuft zu Hause die Anlage weiter. Ich schätze, dass 97 Prozent der Energie an das Haus verschwendet werden und nur drei Prozent seinen Bewohnern zugutekommen.

Warum zählen amerikanische Ingenieure die Klima-Anlage trotzdem zu den 20 großartigsten Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts – noch vor der Raumfahrt und dem Internet?

Die Kühltechnik machte den „sunbelt sprawl“, die Besiedelung der heißen Gebiete im Süden und Südwesten der Vereinigten Staaten, erst möglich. Seit den sechziger Jahren erlebt dieser Sonnengürtel einen Zustrom von Gutverdienern, die zumeist die Republikaner wählen.

Dann war George W. Bush also ein Produkt der Klimatechnik?

Ja, wenn man die politischen Gegebenheiten im Sonnengürtel vor den Sechzigern betrachtet, schon.

Welchen Preis zahlt die Gesellschaft für ihre Sucht nach Kühlung?

Vor allem eben den der Umweltbelastung durch Kohlendioxid. Das ist eine Aufwärtsspirale: Wenn sich die Erde weiter erwärmt, muss noch mehr gekühlt werden. Die Klima-Anlagen haben aber auch den „American way of life“ verändert. Die Terrassen vor den Häusern, auf denen sich früher die Nachbarn trafen, sind verwaist. Und die Kinder hängen heute vor Computer und Fernsehgerät, statt an der frischen Luft zu spielen.

Die Klima-Anlagen tragen also auch noch die Schuld an der „Fettkrise“ in den Vereinigten Staaten, der die First Lady Michelle Obama mit der Kampagne „Let’s move“ entgegenwirken will?

Zumindest eine Mitschuld. Gerade für Kinder ist ein kühler Raum, in dem auch noch eine Spielkonsole steht, im Sommer besonders verlockend. Dabei bewegen sie sich nicht nur weniger, sondern essen auch mehr. Wenn es kalt ist, führen wir dem Körper mehr Kalorien zu.

Wie viele Amerikaner könnten auch ohne Kälte aus der Steckdose leben?

Das ist schwer zu sagen. Ich fordere nicht, dass „air conditioning“ verboten wird. Ich schlage aber vor, dass wir uns aus der Abhängigkeit von der Kühlung lösen und den Thermostat wenigstens im Frühjahr und Herbst abstellen.

Wird Kälte im Sommer nicht auch als Zeichen von Wohlstand interpretiert?

Ja, Kühlung gilt schon deshalb als gehoben, weil Klimaanlagen auch Gerüche unterdrücken. Bei New Yorker Warenhäusern gibt es wohl eine Art Hierarchie, die sich auch in der Temperatur ausdrückt. Ein nobles Haus wie Bergdorf Goodman wird auf 20 Grad heruntergekühlt, das etwas weniger teure Bloomingdale’s nur auf 21 Grad.

In Dubai wirbt das Hotel Palazzo Versace mit einem klimatisierten Strand. Was ist für Sie der schlimmste Klima-Frevel?

Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute auf dem Parkplatz ihr Auto mit der Klima-Anlage laufen lassen, während sie einkaufen gehen. Und auch auf die bequemen Autoschalter der Schnellrestaurants könnte ich gut verzichten. Warum nicht einfach den Wagen abstellen und ein paar Schritte zum Restaurant laufen?

Und wann ist Kühlen erlaubt?

Bei großen Server- und Computeranlagen. Oder wenn das Baby einen wunden Po hat. Da kann sie Wunder wirken.

Warum sind sich die Wissenschaftler nicht einig, was die Idealtemperatur fürs Arbeiten betrifft?

Weil die Testreihen unterschiedlich lang sind und jeder seine eigene Idealtemperatur hat. Alan Hedge von der Cornell-Universität hat gemessen, dass in Büros bei 25 Grad am produktivsten gearbeitet wird, andere Untersuchungen haben 21 bis 22 Grad ergeben. Eines steht aber fest: in amerikanischen Büros ist die Temperatur der häufigste Beschwerdegrund. Es ist zu kalt, oder es ist zu heiß.

Und wie halten Sie es zu Hause in Salina im Bundesstaat Kansas heute bei mehr als 40 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit ohne Klima-Anlage aus?

Wir haben wirklich ein paar heiße Tage hinter uns. Meine Frau und ich versuchen, uns auf altmodische Weise abzukühlen: Wir schalten den Ventilator an, trinken viel Wasser und öffnen nachts die Fenster. Die Abende verbringen wir im Keller.

Die Fragen stellte Christiane Heil

Quelle: F.A.Z.
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