04.04.2008 · Klimatologen haben dem Weltklimarat vorgeworfen, die Annahme, man könnte den Klimawandel mit den vorgeschlagenen Mitteln noch verhindern, sei falsch und längst überholt gewesen. Was hat der Rat verschleiert? Ihm droht nun ein Imageschaden.
Von Joachim Müller-JungDem nobelpreisgekrönten Weltklimarat geht es jetzt doch noch an den Kragen. Und es sind diesmal nicht die begriffsstutzigen Zyniker, die den Klimawandel für ein böses Gerücht oder eine Verschwörung halten, die dem IPCC – dem „Intergovernmental Panel on Climate Change“ – an den Hals springen. Nein, diesmal kommen die Gegner aus den eigenen Reihen. Gestandene Klimatologen demontieren mit fieberhafter Inbrunst und mit immer neuen wissenschaftlichen Studien den UN-Klimareport vom vergangenen Jahr. Treibt der Rat etwa ein falsches Spiel? Ein handfester Imageschaden droht.
Der Vorwurf lautet: Was der Weltklimarat jüngst immer wieder behauptet hat – wir können den „gefährlichen Klimawandel“ mit den vorgeschlagenen Maßnahmen noch verhindern –, diese Annahme sei rundweg falsch gewesen. Falsch und längst überholt. Statt aber der Öffentlichkeit die ungeschminkte Wahrheit zu sagen, dass die Menschheit nämlich die Schwelle zum Klimakollaps bereits betreten oder sogar schon überschritten habe, sei ihr mehr oder weniger vorsätzlich Sand in die Augen gestreut worden.
Die brisante Lage des Weltklimas massiv unterschätzt
Es war Tom Wigley, einer der engagiertesten amerikanischen Klimaforscher, der die Optimistenformel „Wir können es schaffen“ im neuesten Heft von „Nature“ als politisch opportune Seifenblase entlarvt. Wigley und seine zwei Mitautoren gehen dabei zugegebenermaßen dezenter vor, sie halten sich an Zahlen und sprechen nur einmal vom „riskanten Spiel“ des IPCC – aber etwas anderes darf man von einem wie Wigley, der selbst schon mit an der Spitze des IPCC stand, kaum erwarten. Genauso gut musste man aber auch damit rechnen, dass enttäuschte Forscher wie er nach dem publizistischen Bombardement der letzten Monate irgendwann aus ihren Löchern kriechen und auf den Tisch legen, was die wissenschaftlich gefärbten, im Abschlussdokument aber politisch doch zurechtgeschnürten IPCC-Statements verschleierten.
Seit vergangenen Montag beraten Delegierte aus 163 Staaten in Bangkok über die Leitlinien eines neuen globalen Klimaschutzabkommens. Beispiele für die Auswirkungen des Klimawandels finden sich inzwischen überall auf dem Globus - so auch an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Die paradiesischen Halbinseln der Outer Banks im Bundesstaat North Carolina werden langsam aber stetig ein Raub des Atlantiks.
Kommt sie jetzt also heraus, die ganze Wahrheit über den Klimawandel? Wer wollte daran glauben. James Hansen von der Nasa, eine Ikone der Klimaforschung, hat in diesen Tagen ein neues Manuskript mit dem Titel „Welches Ziel für die Menschheit?“ zur Veröffentlichung eingereicht (http://www.columbia.edu/~jeh1/). Darin räumt er ein, die brisante Lage des Weltklimas lange sogar massiv unterschätzt zu haben. „Wir sind heute schon in der gefährlichen Zone“, schreibt Hansen, und er meint damit die auf inzwischen 385 ppm gestiegene Kohlendioxidkonzentration in der Luft.
Der vom IPCC angepeilte Anteil von knapp fünfhundert ppm sei viel zu hoch. „Wenn die Menschheit den Planeten erhalten will, auf dem sich die Zivilisation entwickelte und an das unser Leben auf der Erde angepasst ist, dann muss sie den Kohlendioxidwert auf mindestens 350 ppm senken.“ Wie das zu erreichen sei? Langfristig nur, wenn die Welt über kurz oder lang – bis 2030 – aus der Kohleverbrennung aussteige. Alle Kraftwerke sollten stillgelegt werden. Zumindest alle, die das Treibhausgas nicht sofort nach der Entstehung gleich wieder eliminieren – was kaum eines heute kann.
Die neue Botschaft lautet: Jetzt zählt jede Tonne
Nicht weniger illusionär traten Ken Caldeira von der Carnegie Institution und Damon Matthews kürzlich im Fachblatt „Geophysical Research Letters“ auf, als sie „Null-Emissionen“ als die einzige Lösung definierten. Wer das Klima stabilisieren wolle, dürfe nicht an einer Stabilisierung der Emissionen, sondern müsse an einer extremen Reduktion interessiert sein.Die neue Botschaft lautet also: Jetzt zählt jede Tonne. Eine schmerzfreie Wende irgendwann im nächsten Jahrzehnt jedenfalls, die das IPCC propagiert, scheint passé. Wigley rechnet vor, dass der Rat fahrlässigerweise veraltete Emissionsszenarien zur Grundlage genommen hat, in die quasi automatisch technologische Fortschritte einkalkuliert worden waren. Und zwar so große „spontane“ Energieeinsparungen, dass die Klimapolitik nur noch für ein vergleichsweise mickriges Viertel der notwendigen Emissionsreduktionen sorgen müsste. Motto: Drei Viertel Klimaschutz sind geschenkt. Dem widerspricht Wigley energisch.
Die Sache laufe längst in die andere Richtung. Sämtliche IPCC-Szenarien sähen vor, dass der Energieverbrauch gemessen am Bruttosozialprodukt und die Kohlendioxidabgabe je Kilowattstunde zurückgehen sollte. In Wahrheit geht der Trend andersherum. Allein China und Indien, wo statt der angenommenen drei bis fünf Prozent jährlicher Kohlendioxidanstieg in den nächsten drei Jahren schon eine Steigerung von bis zu dreizehn Prozent zu erwarten ist, lassen alle klimapolitischen Blütenträume platzen. Wigleys Fazit: „Die Welt ist auf einem Energiepfad, der eine Flut von Kohlendioxidemissionen bringen wird.“ Das ist die Musik für neue, wilde Untergangsphantasien. In diesem apokalyptischen Chor wird der gezähmte Weltklimarat jetzt gnadenlos überstimmt.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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