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Klimapolitik in China Erst kommt das Fressen

26.02.2007 ·  Die Chinesen verkennen die Dramatik des UN-Klimaberichts nicht. Aber die normalen Probleme des Lebens scheinen ihren Bedarf an Apokalypse schon ausreichend zu decken, berichtet Mark Siemons aus Peking.

Von Mark Siemons, Peking
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Nein, die Chinesen verkennen die Dramatik des Klimaberichts der Vereinten Nationen nicht. Aber die normalen Probleme des Lebens scheinen ihren Bedarf an Apokalypse schon so sehr zu decken, dass sie sich nicht auch noch damit belasten wollen. Als jetzt in einem Internetforum einmal ausnahmsweise zur Diskussion über die bedrohlichen Klimaveränderungen aufgerufen wurde, schrieb ein Teilnehmer beschwingt: „Dass ich zu meinen Lebzeiten noch den Untergang der Welt erleben darf, ist immer ein Traum von mir gewesen. Früher oder später stirbt man ohnehin. Und wenn dich die gesamte Menschheit beim Sterben begleitet und die Welt nach deinem Tod verschwindet und du dir keine Sorgen wegen der Nachkommen mehr machen musst, ist das doch eine tolle Sache.“

Diese Sicht der Dinge mag nicht repräsentativ sein; aber offensichtlich ist, dass die chinesische Öffentlichkeit andere Prioritäten setzt. „Ich habe die letzte Miete noch nicht bezahlt. Wie kann ich da an die Erde denken?“, schrieb ein Diskussionsteilnehmer. In den letzten Wochen erschienen in den Zeitungen zwar zahlreiche Artikel über die extrem hohen Wintertemperaturen in China (Peking: siebzehn Grad, Kanton: 27 Grad), doch der Anfang Februar veröffentlichte Klimabericht hat keine große Debatte ausgelöst. Das Internet, das gerade in diesem Staat der sorgsam kontrollierten Öffentlichkeit ein guter Gradmesser für Stimmungen und Empfindlichkeiten ist, blieb bei diesem Gegenstand weitgehend stumm. Wer sich überhaupt dazu äußert, nimmt gern eine so kosmische Perspektive ein, dass das denkbar größte Thema plötzlich ganz klein erscheint. Ein Blogger namens Cheong, vermutlich aus Hongkong, glaubt, dass Atombomben und Giftgase der Weltbevölkerung viel eher den Garaus machen werden: „Wenn die Menschen noch so lange leben würden, bis die Erde überschwemmt wird, wäre das ein großes Glück. Aber wahrscheinlich wird die Menschheit bis dahin schon verschwunden sein, und ohne Menschen wird die Erde eher vereisen.“

Trotz Kyoto-Protokoll nicht in der Pflicht

Die wenigen Internetschreiber, die sich für eine Beschäftigung mit dem globalen Thema einsetzen, entschuldigen das oft mit ihren naturwissenschaftlichen Interessen. Und noch weniger wollen dabei auch ihre Regierung in die Pflicht nehmen: „Wenn wir im Internet die Erderwärmung so wichtig nehmen würden wie die neuesten Nachrichten von Stars, dann könnte es sich der Staat nicht leisten, sich nicht darum zu kümmern.“

Von der eigenen Bevölkerung muss die Regierung in dieser Sache tatsächlich keinen Druck befürchten. Zum Handeln treiben sie eher die ökonomischen Daten, die sie selbst ermittelt hat: Die Klimaveränderungen kosten die chinesische Wirtschaft jährlich zweihundert bis dreihundert Milliarden Yuan (zwanzig bis dreißig Milliarden Euro), das sind bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Sorge um die Wirtschaft und deren fortgesetztes Wachstum ist es aber auch, die sie in der ersten offiziellen Reaktion auf den Klimabericht internationale Forderungen zurückweisen ließ, sich wie die Industrieländer auf eine bestimmte Quote der Treibhausgasreduzierung festzulegen. Bisher ist die Volksrepublik, obwohl sie das Kyoto-Protokoll unterzeichnet hat, als Entwicklungsland nicht dazu verpflichtet. Die Verantwortung für die gegenwärtige Erderwärmung, sagte eine Sprecherin des Außenministeriums, trügen die schon länger industrialisierten Länder, die deshalb mit gutem Beispiel vorangehen müssten.

Schon 2009 wird China Amerika überholt haben

Die einschlägigen Wissenschafts- und Behördenkreise haben indessen damit begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Vor einem Jahr hatte eine Gruppe aus der Akademie der Wissenschaften ein Papier vorgelegt, in dem sie eine Verbindung von technischer Innovation, institutionellen Reformen und neuen Preis- und Steuermechanismen zur Bewältigung der Umweltprobleme empfahl. Für dieses Jahr ist ein die verschiedenen staatlichen Ebenen einbeziehendes Programm zur Reduzierung der Treibhausgase angekündigt. Und schon der laufende Fünfjahresplan hatte eine Senkung des Energieverbrauchs bis 2010 um zwanzig Prozent versprochen.

Doch vor die Erfüllung solch ehrgeiziger zentraler Ziele sind unklar geregelte Zuständigkeiten und das Beharrungsvermögen örtlicher Funktionäre gesetzt. Für die Welt wird in nächster Zeit also viel davon abhängen, wie sich das Problembewusstsein in der chinesischen Provinz, und nicht nur der dortigen Parteisekretäre, entwickelt. Wenn man die Wachstumsraten und Produktionstechniken hochrechnet, wird China schon 2009 Amerika als größter Kohlendioxidausstoßer der Welt überholt haben.

Quelle: F.A.Z., 26.02.2007, Nr. 48 / Seite 36
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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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