28.04.2010 · Signale statt Fesseln, so könnte die Losung eines neuen Vorschlags lauten, der den Fehlschlag der Kopenhagen Klimakonferenz korrigieren möchte. Die nationalen Selbstverpflichtungen in Sachen Emissionen sollen durch eine globale Deckelung ersetzt werden
Von Joachim Müller-JungNachdem nun sogar anfangs wohlwollende Analysten der internationalen Klimaschutzvereinbarung von einem „Fehlschlag von Kopenhagen“ sprechen, wird jetzt wieder mit neuen Lösungsvorschlägen mächtig Druck erzeugt. Das jüngste Konzept trägt den Titel: „Zwei-Grad-Max-Klimastrategie“. Es stammt aus der Feder des ehemaligen Direktors des Umweltbundesamtes, Lutz Wicke, der heute das Institut für Umweltmanagement an der Wirtschaftshochschule ESCP Europe in Berlin leitet, sowie von Daniel Klingenfeld und Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die drei Autoren haben in dem am gestrigen Dienstag verbreiteten dreißigseitigen Papier vor allem ein Ziel verfolgt: Möglichst nah an der politischen Realität orientiert die schon länger diskutierten, vor allem aber bei den wichtigsten Treibhausgasemittenten konsensfähigen Instrumente so zusammenzuführen, dass wenigstens eine realistische Chance besteht, die globale Erwärmung tatsächlich auf zwei Grad – bezogen auf die vorindustrielle Zeit – zu begrenzen. Interessantestes Detail ihrer Strategie: Die beiden größten Emittenten, China und die Vereinigten Staaten, sollen die nächsten Jahre vollkommen von verbindlichen Zielen, was die Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen angeht, befreit werden.
Schon vor wenigen Tagen, als eine Gruppe von Forschern des Potsdam-Instituts um Malte Meinshausen in der Zeitschrift „Nature“ ihre Bilanz von Kopenhagen vorlegten, war klargeworden: Kopenhagen und die kurz danach beim Klimasekretariat hinterlegten „Selbstverpflichtungen“ von Dutzenden Staaten ändern kaum etwas an dem globalen Anstieg der Treibhausgase und der Temperaturen. Im Gegenteil, in dem Bericht wird vorgerechnet, dass „die Kopenhagen-Vereinbarung schlimmstenfalls sogar die Emissionen nach dem Weiter-so-Szenario noch erhöhen könnte“. Die Wahrscheinlichkeit, dass die globale Temperatur mit den bisherigen Zusagen um mehr als drei Grad bis Ende des Jahrhunderts steigen werde, bezifferten die Wissenschaftler auf über fünfzig Prozent. Bis 2020 würden die weltweiten Emissionen bei mindestens 48 Milliarden Tonnen liegen, im ungünstigsten Fall auf knapp 54 Milliarden Tonnen – rund 15 Prozent über den heutigen Wert – steigen.
Für globale Deckelung
Die drei Autoren der neuen Klimaschutzstrategie plädieren daher für eine radikale Wende an mehreren politischen Fronten. Die „Konstruktionsfehler im bestehenden Weltklimasystem“ seien zu beseitigen. Dazu gehört ihrer Auffassung nach zuerst, das System von „Selbstverpflichtungen“ der Länder wieder schnellstmöglich zu verlassen und eine globale Deckelung der Emissionen mit strikten Regelungen und einem einheitlichen Zertifikatehandelssystem zu vereinbaren.
Die wichtigste Wegmarke wäre demnach für das Jahr 2015 zu fixieren: Dann sollen die weltweiten Treibhausgasemissionen den Höhepunkt von 35 Milliarden Tonnen Kohlendioxid erreicht haben. In den darauffolgenden Jahren müsse „stufenweise reduziert“ werden – und zwar durch die sukzessive Beschneidung von Emissionsrechten nach dem Pro-Kopf-Verteilungsprinzip „One human – one emission right“. Jeder Mensch wird zum Start, also 2015, mit fünf Tonnen Kohlendioxidemission in der Länderbilanz berechnet. Grundlage für einen globalen Handel mit einem weltweit einheitlichen Preis für diese „Verschmutzungsrechte“ sollen sogenannte Brennstoffzertifikate werden. Erfasst wird nach diesem Konzept im internationalen Handel durch die jeweilige „nationale Klimabank“ nicht jedes einzelne Unternehmen, die Adressaten sind vielmehr Raffinerien sowie Erdgas- und Kohlefirmen – Unternehmen also, welche die fossilen Brennstoffe in Umlauf bringen.
Signale statt Fesseln
Unmut dürfte die Studie weniger wegen solcher Neuerungen oder wegen der Kosten für „soziale Unterstützungs- und Ausgleichsmechanismen“ und „Maßnahmen gegen die ökonomische Überforderung der Industrieländer und Weltwirtschaft“ auf sich ziehen, als wegen der politischen Absichten. Ganz bewusst, um endlich die Zustimmung für ein internationales Abkommen von Peking und Washington zu erreichen, setzen die Autoren auf eine bisher kaum für möglich gehaltene Klimaliberalität: Insbesondere für China sowie „die stärker emittierenden Schwellenländer“ und die Vereinigten Staaten sollen „ausdrücklich keine verbindlichen nationalen Emissionsgrenzen festgelegt“ werden.
„Voll integriert“ sein in den ganzen Plan soll der weltgrößte Emittent China überhaupt erst 2020 oder 2025. Für Washington ist keinerlei Ultimatum vorgesehen, weil die Zwei-Grad-Max-Strategie der gewünschten „marktorientierten Lösung“ Amerikas ohnehin weitgehend entspreche – also: „Keine rechtlich bindende nationale Verpflichtungen, keinerlei internationale Detailüberwachung der US-Emissionen“, heißt es in dem Papier aus Berlin und Potsdam. Der diplomatische Trick dabei: Anfangs soll grundsätzlich nicht über nationale Emissionsgrenzen, sondern lediglich über die globale Höchstmarke verhandelt werden. Damit erhofft man sich genügend Anreize erstens für die Vertragsunterschriften und zweitens für den Um- und Aufbau emissionsarmer Ökonomien. Signale statt Fesseln, die Losung soll lauten: Schnell heraus aus der Kohlenstoffwirtschaft. joachim müller-jung
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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