Home
http://www.faz.net/-gx8-u7vq
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Klimaindex Langsam wird es ungemütlich

23.01.2007 ·  Mit einem neuen Index für den weltweiten Klimawandel wollen Forscher der Technischen Hochschule in Zürich zeigen, welche Region der Welt in welchem Umfang vom Klimawandel betroffen sein wird. Ein Klimawandel-Maß „für den politischen Gebrauch“, wie die Wissenschaftler sagen.

Von Joachim Müller-Jung
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (6)

„Höhere Gewalt“, das war früher eine Oase der Unschuld. Auch und gerade wenn es um die Widrigkeiten des Wetters ging. Im Zweifel war es halt der liebe Gott, den der Bauer fürs Ungemach zu besänftigen hatte. Heute und zumal unter dem Eindruck von Kalamitäten à la „Kyrill“ klingt dieser Begriff manchem wie aus der Mottenkiste des Versicherungsgewerbes. Wo doch längst jeder und mit den besten Absichten zu wissen glaubt, woher der Wind weht: Der Klimawandel war's.

Mit dieser akademischen Vokabel nun, die einst eine klimawissenschaftliche Banalität beschrieb - Klima und Wetter waren keine erdgeschichtliche Sekunde lang konstant -, soll jetzt also alles gesagt sein. Doch weit gefehlt. Klimawandel ist nicht gleich Klimawandel, schallt es aus der Forschung zurück. Und dabei geht es keineswegs mehr nur um die ursächliche Unterscheidung natürlicher versus menschengemachter Klimawandel. Es geht jetzt vor allem auch um die Konsequenzen des Klimawandels, um plausible Vorausschauen und, je schneller Veränderungen spürbar und je verzweifelter der Kampf dagegen wird, um eine Art Gewinn- und Verlustrechnung.

Wen trifft es wo wie stark

Das sind dann in der Regel keine reinen klimastatistischen Formelsammlungen mehr, sondern durchaus verständlich aufbereitete und an Meinungsmacher und Entscheidungsträger gerichtete Botschaften. Arbeiten, wie sie nun die Schweizer Gruppe um Michèle Baettig von der Eidgenössisch-Technischen Hochschule in Zürich online in der Zeitschrift „Geophysical Research Letters“ (doi: 10.1029/ 2006GL028159) präsentiert hat. Den Wissenschaftlern ging es darum, „für den politischen Gebrauch“ ein Maß für den Klimawandel - einen Index - zu entwickeln. Auf einen Blick soll auf der Landkarte klarwerden, welche Regionen wie stark von der Erderwärmung verändert werden. Ihre Kriterien sind zwei meteorologische Extreme: Dürren und Fluten.

Genauer: Jahre und Jahreszeiten mit extremer Hitze oder extrem starken Niederschlägen. Sie haben drei Klimamodelle mit den üblichen Szenarien steigender Treibhausgasmengen rechnen lassen, wie das Klima in den Jahren zwischen 2071 und 2100 werden könnte. Dann haben sie die extrem heißen und nassen Jahre zwischen 1961 und 1990 ermittelt und nachgesehen, wie oft solche damals seltenen Extremwitterungen in der fernen Zukunft wohl auftreten würden. Das Ergebnis war ein - räumlich allerdings vergleichsweise grob aufgelöstes - Raster mit Feldern von 375 mal 375 Kilometern, das zeigt, wie unterschiedlichlich stark die Weltregionen vom Klimawandel betroffen sein werden.

Künftig viele Hitzewellen in Europa

Besonders hohe Klimawandel-Indizes und damit häufige Extremereignisse findet man in den Tropen und an den Polen, insbesondere in der Arktis im Norden. In Europa werde man vor allem über Sommerhitzewellen klagen, in den meisten Tropenländern über extreme Trockenheit um den Jahreswechsel - mancherorts quasi jedes zweite Jahr -, und in Zentralafrika werden sich sintflutartige Regenfälle und Überflutungen ähnlich stark häufen wie die Niederschlagsextreme in Alaska, Nordeuropa, Nordasien oder in der Antarktis. Keine großen Unterschiede fanden die Forscher interessanterweise, ob die Treibhausgasmengen nun auf das annähernd Doppelte (und realitätsnahe) oder das Dreifache der heutigen Werte steigen. Kommt das dicke Ende, dann braucht es scheinbar nicht übermäßig viel dazu.

Quelle: F.A.Z., 22.01.2007, Nr. 18 / Seite 34
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen