17.12.2009 · Der Regierungschef des Inselstaates Tuvalu wirft das diplomatische Handtuch. Vom groß angekündigten Klimagipfel fühlt er sich betrogen, und auch von den westlichen Politikern, die so viel versprechen und nichts tun. Einen Evakuierungsplan für seine Inseln hat er aber auch noch nicht.
Von Joachim Müller-Jung, KopenhagenSpätestens an diesem Donnerstagmorgen war für Premierminister Apisai Ielemia, den Regierungschef von Tuvalu, die politische Mission Kopenhagen beendet: „Ich werde hier nichts unterschreiben, was auf eine Klimaerwärmung von 1,5 Grad hinausgeht.“ Der Herrscher über ein Inselvolk von zwölftausend Seelen, das zu hundert Prozent zwei Meter unter dem Meeresspiegel lebt und schon jetzt regelmäßig im Februar mit letzter Kraft gegen zyklische Überflutungen - die „Kings Tides“ - kämpft, fühlt sich betrogen von der Mehrheit der Klimadiplomaten in Kopenhagen - regelrecht hintergangen und ausgebootet. Vom Laptop spielt er im Presseraum Filmszenen auf die Leinwand, die seine Landsleute tief im Wasser watend zeigen.
Von Australien sei man zu einem informellen Treffen eingeladen worden, erzählt Ielemia erschöpft von stundenlangen Diskissionen. Man habe noch rechtzeitig von den Verhandlungplänen der Australier gehört. Im Auftrag der Industriestaaten hätten sie das 1,5-Grad-Ziel „verwässern“ sollen. Tuvalu habe das Treffen platzen lassen. „Nicht wir werden unsere Meinung ändern. Die anderen sollten auf die Wissenschaft hören und ihre Position ändern.“ Der Premierminister, tief gebeugt und seine Enttäuschung in keinem der sorgfältig gewählten Sätze verhehlend, hat Forschungsergebnisse wie jenes, das noch keinen Tag im Umlauf war, als er das diplomatische Handtuch warf.
Sieben bis neun Meter höherer Meeresspiegel
Amerikanische Paläoklimatologen hatten in der Zeitschrift „Nature“ berichtet, dass man die Zwischeneiszeit vor 120.000 bis 130.000 Jahren so genau wie bisher noch nie unter die Lupe genommen habe und erkennen mußte: Der globale Meerespiegel lag in der Zwischeneiszeit, die in vielerlei Hinsicht mit der durch Klimaerwärmung zu erwartenden Warmperiode vergleichbar ist, vermutlich mindestens sechseinhalb Meter höher als heute - vermutlich irgendwo zwischen acht und neuneinhalb Meter. „Der durch die Polschmelze insbesondere in der Westantarktis ausgelöste starke Pegelanstieg ist offensichtlich deutlich unterschätzt worden“, heißt es in der Veröffentlichung von Robert Kopp von der Princeton-Universität. Die Schlussfolgerung: Schon ein Anstieg der Jahresmitteltemperatur auf dem Planeten um anderthalb bis zwei Grad könnte das Meer global gesehen nicht nur um maximal ein bis vier Meter anheben, wie von vielen Experten bisher vermutet, sondern um sage und schreibe sieben bis neun Metern.
Nun weiss natürlich auch Seine Exzellenz, Premier Ielemia, dass das sicher nicht das letzte wissenschaftliche Wort ist. Allein im Laufe der letzten sechs Monate sind ein halbes Dutzend Meeresspiegel-Studien vorgelegt worden, deren Ergebnisse von einem dreiviertel Meter bis eben jenen neun Metern reichen. Aber zusammen betrachtet mit einigen anderen Untersuchungen zu Temperaturentwicklung und Eisschmelze, lässt sich die Aufregung des Regierungschefs von Tuvalu sogar verstehen. Vieles deutet, wenn man die Klimaentwicklung zumindest der zurückliegenden zwei Dekaden betrachtet, auf eine deutliche Beschleunigung der erwärmungsbedingten Veränderungen hin. Das Zwei-Grad-Ziel, dem sich mehr als hundert Staaten mit den großen Industrieländern an der Spitze verschrieben haben, könnte für die kleinen Inselstaaten das Aus innerhalb von Jahrzehnten bedeuten.
„Wo sollen wir hin?“
„Unser Ziel, hier zwei verbindliche Verträge zu erreichen, die dafür sorgen, dass die Temperatur 1,5 Grad und der Kohlendioxidgehalt nicht 350 ppm übersteigen, ist für uns nicht verhandelbar“, sagte Ielemia. Und der Premier scheute sich nicht, seine Entschlossenheit mehrfach zu wiederholen. Was er und sein Volk tun würden, sollte die Klimapolitik tatsächlich scheitern und das Meer ungebremst weiter steigen? „Ehrlich gesagt, wir haben dafür noch keinen Plan.“ Es gebe keine Fluchtmöglichkeit für eine ganze Nation. „Wo sollten wir hin, unsere Inseln sind alle extrem klein. Was uns bleibt ist, dass jeder individuell eine Lösung für sich sucht.“
Die Finanzhilfe der Industriestaaten, die nur wenige Stunden zuvor von der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton in ihrer Rede unterstützt wurde, wischte Ielemia ungerührt vom Tisch: „Die können heute viel versprechen, morgen aber werden sie Ihre Zusagen wieder nicht einhalten.“ Mit einem dramatischen Appell beschloss er seine Abrechnung: „Wir wollen nicht von dieser Erde verschwinden, könnt ihr das nicht verstehen? Wir wollen überleben.“
Evakuierung!
Detlef Stark (wool-web)
- 17.12.2009, 18:45 Uhr
Affentheater
Christian Ermecke (ChristianErmecke)
- 17.12.2009, 19:04 Uhr
Mainstream-Klimatologen fangen sich in ihrem eigenen Gestrüpp
Gerhard Rinker (GerdR)
- 17.12.2009, 19:14 Uhr
bei allem Verständnis
Zeh Haans (sonderhai)
- 17.12.2009, 20:03 Uhr
Re: Gerhard Rinker: Unsinn!
Hermann Deisler (soz97dcw2)
- 17.12.2009, 20:23 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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