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Veröffentlicht: 08.12.2009, 03:15 Uhr

Klimagipfel Der Himmel über Kopenhagen

Am Montag hat in Kopenhagen der Klimagipfel begonnen. Die Erwartungen an die politischen Akteure wurden mit Titeln wie „Marshallplan für die Erde“ oder „die wichtigste Konferenz der Menschheitsgeschichte“ auf unerreichbare Höhen geschraubt.

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Für die Kopenhagener Klimakonferenz sind ungezählte Studien, Stellungnahmen und Manifeste abgefasst worden. Allein mit der klimawissenschaftlichen Literatur ließen sich Bücherwände füllen. Und sie füllen sich weiter, jeden Tag. Das Fundament für einen neuen völkerrechtlichen Klimavertrag war also sorgfältig gegossen: Rigider, ambitionierter als das in zwei Jahren auslaufende Kyoto-Protokoll sollte er schon sein. Mit Titeln wie „Marshallplan für die Erde“ oder „die wichtigste Konferenz der Menschheitsgeschichte“ wurden die Erwartungen an die politischen Akteure auf unerreichbare Höhen geschraubt.

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Und dann das: Ein Hackerangriff auf ein britisches Klimarechenzentrum löst Verschwörungsgerüchte über Datenmanipulationen aus. Nicht gegen die Computerdiebe, die mehrere tausend großteils private E-Mails gestohlen haben, sondern gegen die Kronzeugen des Klimaschutzes.

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Polarisierung und Ausgrenzung

Könnte Kopenhagen daran scheitern? Ganz sicher nur, wenn es einige Klimadiplomaten darauf anlegen, sich vor der Welt lächerlich zu machen. Wenn sie Aufklärung suchen und Entscheidungen verschleppen, wo es nichts für die Verhandlungen Relevantes zu entdecken gibt. Selbstverständlich müssen die Ergebnisse der laufenden Untersuchungen abgewartet werden. Aber da die E-Mails nun mal sämtlich im Internet zugänglich sind, lässt sich für jeden, der sie wirklich gelesen hat, klar festhalten: Abgesehen von den bestimmt nicht belanglosen berufsethischen und handwerklichen Fragen, der Tendenz zur Lagerbildung, den Fragen nach politischer „Hygiene“ im Forschungsbetrieb und nach der wünschenswerten Transparenz der Daten, gibt es in den Skandalmails nichts, was die Treibhaustheorie oder das Faktengebäude des anthropogenen Klimawandels zum Einsturz bringen könnte.

Die Masche, mit der hier offensichtlich gezielt – wer weiß, wie lange schon und wo sonst noch – versucht wird, Unsicherheit zu verbreiten, erinnert an den Kreuzzug der Kreationisten gegen die Evolutionstheorie. Zum Abschluss des Darwin-Jahres 2009 erleben wir also, wie auf einem anderen Feld eine krasse Minderheit versucht, getrieben von der fixen Idee einer wissenschaftlichen Verschwörung, mit einem Verzweiflungsakt die aufgeklärte Welt vor einer für sie elendigen Wahrheit zu retten. „Atombombe auf die etablierte Klimaforschung“ – so kommentierten sie bezeichnenderweise ihre Skandalisierungstriumphe.

Die Medizin hat solche Fortschrittsfeinde, und die Biologie kennt sie, wie gesagt, schon lange. Von anderem Kaliber sind jene Kritiker, die den provozierenden Wahrheitsanspruch, den manche politisierten Klimaforscher an den Tag legen, mit wissenschaftlicher Evidenz anzweifeln. Denn ja, es gibt auch gute Forschung, die reproduzierbar ist und methodisch auf dem neuesten Stand, die analytisch korrekt vorgeht und statistisch lauter, die von strengen Gutachtern bewertet wird – und dennoch nicht in allem mit den Befunden des Weltklimarates IPCC übereinstimmt; Forschung, die etwa auch das politische Zwei-Grad-Erwärmungsziel nicht bedingungslos als Naturgesetzäquivalent stützt. Solche Forschung isolieren zu wollen ist vielleicht der größte Fehler der Mehrheit. Das widerspricht nicht nur dem Wesen und den Werten der Wissenschaft, sondern fördert auch Polarisierungen und Ausgrenzungen, wie sie jetzt in den kolportierten E-Mails ruchbar geworden sind.

Entscheiden „unter Unsicherheit“

Die eigenen Grenzen und Wissenslücken – vor allem die der Computermodelle – einzugestehen fällt vielen allzu schwer. Erst jetzt, kurz vor Kopenhagen, war von führenden Klimaforschern gelegentlich zu hören, die Politik sei gezwungen, „unter Unsicherheit entscheiden zu müssen“. Tatsächlich wird wohl auch der Weltklimabeirat das Thema Unsicherheiten in seinem nächsten Bericht erstmals in allen drei Arbeitsgruppen ausführlich behandeln.

Mit seinen jüngsten Prognosen zum Meeresspiegelanstieg oder zur Meereisschmelze im Norden jedenfalls lag der Beirat schon nach kurzer Zeit daneben. Grund für Schadenfreude? Ganz gewiss nicht. Denn der Rat hatte mit seinen Vorhersagen nicht etwa maßlos übertrieben, wie die Kritiker vorgeben, nein, er hatte sogar in seinen pessimistischsten Annahmen die Schnelligkeit des Wandels unterschätzt. Die globale Durchschnittstemperatur, der Meerespegelanstieg, Eisschmelze, Extremwetter und Treibhausgase – eine Reihe wichtiger Klimaindikatoren bewegen sich bereits nahe oder schon jenseits der natürlichen Schwankungsbreite, die das Gedeihen unserer Zivilisationen begleitet hat.

Doch was heißt das für die Zukunft? Das weiß heute noch kein Klimarechner exakt vorherzusagen. Schwer kalkulierbare Rückkoppelungen im Klimasystem, aber auch grundlegende Einflussgrößen wie die Wolken sind in ihrer physikalischen Wirkung für die Energiebilanz der Erde immer noch nicht genau zu beziffern. Und als so komplex und dynamisch wie das Klima selbst erweist sich folgerichtig auch das angepeilte Klimamanagement. In solcher Lage nun auf Leute zu hören, die dazu raten, das Problem überhaupt zu ignorieren, wäre töricht. Dafür steht einfach zu viel auf dem Spiel.

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