04.12.2007 · Die Klima-Konferenz auf Bali stellt die Weichen für ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls, bei dem auch Amerikaner und Chinesen mitmachen sollen. Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber erklärt im Interview, was er von der Tagung erwartet.
Die deutsche Klimapolitik sähe anders aus, wenn Professor Hans Joachim Schellnhuber nicht Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel wäre. Er leitet das Potsdam-Institut.
Die Erwartungen sind riesig vor der Klimakonferenz in Bali. Muss das nicht in einer Enttäuschung enden, weil außer einem Mandat dort nichts beschlossen wird?
Natürlich ist die Gefahr groß, dass wir mit einer zerknirschten Miene aus Bali zurückkehren. Wichtig ist, dass man auf Bali mehr erreicht als ein bloßes Mandat für weitere Verhandlungen über ein Nachfolgeregime des Kyoto-Protokolls. Man muss den Verhandelnden späterer Konferenzen, bei denen es um die Einzelheiten geht, schon einige Zielmarken mit ins Gepäck legen. Hierauf weist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder hin. Diese Ziele müssen ehrgeizig sein. Es müsste drei oder vier ambitionierte Eckpunkte geben.
Der eine Eckpunkt ist die maximale Erwärmung von zwei Grad?
Die zwei Grad sind keine magische Grenze, sondern ein politisches Ziel. Die Wissenschaft zeigt, dass wir in unabschätzbare Risiken hineinlaufen könnten, wenn wir die globale Erwärmung nicht in der Größenordnung von zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit stoppen. Die zwei Grad wären ein vernünftiger politischer Kompromiss für ein langfristiges Ziel.
In Bali wird man also die zwei Grad noch nicht in das Mandat schreiben?
Vielleicht wird die Zahl nicht einmal im Nachfolgeregime des Kyoto-Protokolls stehen, sondern man wird eine Halbierung der Emissionen bis 2050 beschließen - dies wäre zu den zwei Grad in etwa äquivalent. Das war ja auch der Kompromiss beim G-8-Gipfel in Heiligendamm.
In der Regel werden die Menschen nur aus Schaden klug. Im Klimaschutz muss man vorbeugend handeln. Sehen Sie dafür in der Geschichte ein Vorbild?
Es ist historisch einmalig, sogar in zweifacher Weise. Man muss vorausschauend planen und tiefe Einschnitte machen, und man muss es gemeinsam tun. Aber das hängt, wenn sie so wollen, mit der Verwissenschaftlichung des Problems zusammen. Zum ersten Mal haben wir ein Weltproblem, bei dem die Wissenschaft verlässliche Zukunftsprojektionen liefern kann, so dass wir uns darauf einstellen können. Wir laufen nicht blind in die Klimafalle. Das ist eine neue Qualität für globale Verhandlungen. Zehn Jahre haben gewisse Länder, wie etwa Saudi-Arabien, der Wissenschaft diesen Rang nicht zugestehen wollen.
Die Politiker fordern Klimaschutz und zugleich niedrigere Energiepreise. Ist das nicht ein Widerspruch, weil teure Energie und Klimaschutz zwei Seiten einer Medaille sind?
Erstaunlicherweise geht es zusammen, nur nicht sofort. Aber langfristig wird die Umstellung des Energiesystems auf erneuerbare Ressourcen billigere Energie bieten. Es wird nicht das Erdöl sein, denn jeder kann sich ausrechnen, dass Öl irgendwann noch mehr kosten wird. Eine preiswerte Energiezukunft auf fossiler Basis kann es nicht geben. Ich erwarte, dass die Energiepreise bis etwa 2030 steigen, danach können wir Energie günstiger haben, wenn wir die Nutzung der Sonne und anderer erneuerbarer Quellen massiv ausbauen. Die Sonne bietet tausendmal mehr Energie, als die Menschen zurzeit verwenden - und zwar kostenlos.
Die Industrieländer werden vorerst den Hauptteil der Klimaschutz-Kosten tragen. Die sind nicht hoch, etwa ein Prozent des Weltsozialprodukts, sagen die Forscher. Muss sich der Lebensstil dennoch ändern?
Der Lebensstil ändert sich mit jeder gesellschaftlichen Innovation. Er hat sich bereits mit dem Fortschritt in der Mikroelektronik verändert. Auch das Internet änderte unseren Lebensstil. So werden wir auch in einer Zeit, in der Energiekosten steigen, gewisse Rückschritte oder Einschnitte zu verzeichnen haben. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass wir im Jahre 2020 noch für zwanzig Euro nach Mallorca fliegen. Der Klimaschutz wird uns also einige individuelle Belastungen abverlangen, er bietet uns aber auch Chancen. Es geht nicht darum, Buße zu tun und sich Asche aufs Haupt zu streuen, aber wir sollten unseren Lebensstil insofern ändern, als dass wir intelligenter mit Energie umgehen.
Hans Joachim Schellnhuber fehlt bei fast keiner deutschen Klimadebatte. Ob CDU oder SPD - wenn eine der Parteien zu einem Kongress ruft, dann ist der 57 Jahre alte Physikprofessor stets dabei und präsentiert - ähnlich wie Al Gore - eine beängstigende Serie von Bildern. Er redet dann jeweils mit leiser Stimme, scheut aber nicht fast apokalyptische Visionen. Als er vor kurzem den Deutschen Umweltpreis in Aachen erhielt, beschwor er gar das Ende der Hochkultur. "Fünf bis sechs Grad, das ist der Unterschied zwischen einer Warmzeit und einer Kaltzeit, das gibt einen anderen Planeten, auf dem es nicht möglich sein wird, eine Hochkultur, wie wir sie kennen, aufrechtzuerhalten.
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