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Katastrophenforschung Städte am falschen Ort

13.02.2006 ·  Seit Jahrzehnten nimmt die Zahl der Naturkatastrophen zu. Die Schäden werden immer schwerer. Eine wachsende Weltbevölkerung leidet unter den Folgen des eigenen Tuns.

Von Jonas Siehoff
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Künftigen Generationen könnte das zwanzigste Jahrhundert einmal als die sprichwörtliche Ruhephase vor dem Sturm erscheinen. Denn die Zahl der Naturkatastrophen steigt. Daran besteht kein Zweifel mehr. Der Tsunami im Indischen Ozean, das Erdbeben in Kaschmir und vor allem der Hurrikan „Katrina“ über New Orleans waren keine Einzelfälle, sondern deutliche Bestätigungen eines bereits länger beobachteten Trends.

Vor wenigen Tagen erst legte die „International Strategy for Disaster Reduction“ (ISDR), eine Abteilung der Vereinten Nationen, aktuelle Zahlen vor. Danach hat sich die Anzahl der jährlichen Naturkatastrophen seit 1975 auf zirka 400 vervierfacht. Eine fatale Entwicklung beobachtet auch die Münchener Rückversicherungsgesellschaft, die eine umfassende Katastrophen-Datenbank pflegt. „In den vergangenen vier Jahrzehnten hat die Häufigkeit großer Naturkatastrophen weltweit auf das Dreifache zugenommen“, sagt Peter Höppe, der Leiter der Abteilung „Georisikoforschung“ des Unternehmens.

Zahl der Opfer gestiegen

Mit der Häufigkeit, mit der die Urgewalten zuschlagen, ist die Zahl der Opfer gestiegen. 2005 kamen bei Naturkatastrophen etwa 92 000 Menschen ums Leben, außergewöhnlich viele im längerfristigen Vergleich. 2004 waren es sogar 245 000 (siehe auch „Banda Aceh: Tsunamis“). Noch deutlicher ist die Zunahme bei den Sachschäden. 2005 war mit Schadenssummen von über 150 Milliarden Dollar das zweitteuerste Naturkatastrophenjahr überhaupt. Nur 1995 kam es zu noch größeren Zerstörungen, als unter der japanischen Stadt Kobe die Erde bebte.

Die Ursachen des katastrophalen Trends sind gar nicht schwer auszumachen. Einerseits spielt das schiere Wachstum der Weltbevölkerung eine Rolle. Über 6,5 Milliarden Menschen leben heute auf der Erde, mehr als jemals zuvor. Vor vierzig Jahren waren es nur halb so viele. Mehr Menschen bedeuten zwangsläufig mehr Katastrophen. Denn dazu wird ein Naturereignis erst, wenn Menschen oder ihr Besitz zu Schaden kommen. Ein Sturm über leerer Ödnis taucht in den Statistiken überhaupt nicht auf.

Viel los in der Atmosphäre

Warum immer mehr Katastrophen registriert werden, zeigt ein Blick auf die Art ihrer Entstehung. Eine Zunahme geologischer Katastrophen, also von Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen, gibt es nach Angaben des ISDR zwar auch, allerdings ist sie nicht besonders hoch. Einen steilen Anstieg verzeichnet die Organisation dagegen bei den hydrometeorologischen Ereignissen, die in der Atmosphäre ausgelöst werden. Rund 30 verheerende Überschwemmungen gab es 1970 weltweit, inzwischen sind es jährlich 130. Ähnliches ist bei den Stürmen zu beobachten. Hydrometeorologische Ereignisse, zu denen auch Erdrutsche und Dürren zählen, lösen inzwischen mehr als drei Viertel aller Naturkatastrophen aus.

In dieses Bild passen die Beobachtungen des amerikanischen Wetterdienstes: Er registrierte im vergangenen Jahr 27 tropische Stürme über dem Atlantik, so viele wie nie zuvor. Über die Hälfte davon waren so heftig, daß sie als Hurrikane eingestuft wurden. Und nicht nur ihre Häufigkeit, auch ihre Wucht war außergewöhnlich: „Wilma“, der im Oktober die mexikanische Halbinsel Yukatan heimsuchte, war der stärkste jemals gemessene Hurrikan; „Katrina“ der sechststärkste. 2005 war damit das Hurrikan-Rekordjahr schlechthin, auch in der Schadensbilanz.

Katastrophenkosten auf Rekordniveau

Nach den Stürmen über den nord- und mittelamerikanischen Küsten kletterten die globalen Katastrophenkosten für die Versicherungen auf ein vorher unerreichtes Niveau von 75 Milliarden Dollar. Durch die Verwüstung von New Orleans geht der Großteil davon auf „Katrinas“ Konto (siehe auch „New Orleans: Stürme“). Ihre Nachfolgerinnen „Rita“, „Wilma“ und Co. übernahmen fast den gesamten Rest. „Die Wirbelstürme können leicht Küstenstädte mit hohen Wertekonzentrationen treffen“, sagt Peter Höppe aus seiner beruflichen Sicht über die Misere. Andererseits fallen ihnen verhältnismäßig wenig Menschen zum Opfer. Rund 1400 Menschen riß „Katrina“ trotzdem in den Tod. Schwere Erdbeben können in bewohnten Regionen jedoch weitaus mehr Unheil anrichten. „Erdbeben sind der absolute Killer“, sagt Janos Bogardi. Auch der Tsunami im Indischen Ozean wurde von einem Beben ausgelöst.

Hinter der Zunahme der atmosphärischen Unruhe steckt, inzwischen weitgehend unbestritten, die globale Erwärmung. „Der Klimawandel verstärkt die extremen Wettereignisse und wird sie weiter verstärken“, sagt Janos Bogardi, Direktor des Instituts für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) in Bonn. Aufgrund der höheren Temperaturen kann die Luft mehr Wasserdampf aufnehmen, was Starkregen, Überschwemmungen und Erdrutsche wahrscheinlicher macht. Über wärmerem Ozeanwasser bilden sich leichter Wirbelstürme. Außerdem ändern sich die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete, was bislang durch Niederschläge begünstigte Landstriche zu Dürregebieten verkümmern läßt. Schließlich steigen durch das Schmelzen großer Mengen bisher im Polareis und in Gletschern gebundenen Wassers die Meeresspiegel. Das erhöht die Überschwemmungsgefahr für Küstenstädte wie New Orleans oder Venedig (siehe auch „Venedig: Anstieg des Meeresspiegels“).

Die Landflucht macht Millionen verwundbar

Inzwischen scheint ebenfalls gesichert, daß der Mensch beträchtlichen Einfluß auf die Erderwärmung nimmt, indem er immer mehr Kohlendioxyd in die Atmosphäre pumpt. Doch der Mensch facht nicht nur den Treibhauseffekt an, er bringt sich auch auf andere Weise leichtfertig in Gefahr. Die weltweite Landflucht öffnet der Natur weite Einfallstore in die Zivilisation. „Die zunehmende Verstädterung macht Millionen Menschen noch verwundbarer“, sagt Salvano Briceno, Direktor des ISDR.

Metropolen wirken wie Katalysatoren auf Naturgewalten, sie verstärken deren Wirkung noch. Straßenschluchten beispielsweise können Sturmböen kanalisieren und beschleunigen. Niederschlagswasser kann auf versiegelten Flächen nicht mehr versickern und zu reißenden Fluten werden. Auch in direktem Zusammenhang mit der Erderwärmung bereiten Großstädte Sorgen: Aufgrund ihres wärmespeichernden Effektes liegt ihre Durchschnittstemperatur häufig mehrere Grad höher als die des Umlandes. Vor allem in heißen Sommern können sich dann die Fälle von Hitzschlag und Herz-Kreislauf-Versagen häufen. „Der Sommer 2003 war für Mitteleuropa mit 35 000 Hitzetoten eine der größten humanitären Katastrophen der vergangenen Jahrhunderte“, sagt Peter Höppe. Allein am 12. August 2003 kamen mehrere hundert Einwohner im glühendheißen Paris ums Leben.

Es herrscht ein fatales Sicherheitsgefühl

Katastrophenanfällig sind Großstädte in vielen Fällen auch wegen ihrer geographischen Lage. Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung leben in Agglomerationen entlang der Kontinentalränder der Erde. Dort gibt es zwar die meisten Rohstoffe und den wirtschaftlich und militärisch wichtigen Zugang zum Meer. Kontinentalrand bedeutet häufig aber auch, daß die Großstädte in Erdbeben- und Vulkanismuszonen liegen, außerdem in der Nähe zum Meer, was immer Stürme und Hochwasser mit sich bringen kann. Doch solange nichts passiert, ist das vielen Einwohnern nicht bewußt.

„Bei Standortentscheidungen spielen Naturkatastrophen kaum eine Rolle“, sagt Janos Bogardi. Dazu ereignen sie sich nach menschlichem Maßstab zu selten. Wer erinnert sich zum Beispiel noch an das große Erdbeben von 1755? Es machte Lissabon dem Erdboden gleich. Oder an den Tsunami, der 1908 die süditalienische Stadt Messina traf? Er schickte innerhalb von Minuten 100 000 Menschen in den Tod. Nach Angaben des UNU-EHS leben inzwischen eine Milliarde Menschen in der möglichen Bahn einer solchen Jahrhundertflut. „Und die Mittelmeerküste ist viel gefährdeter als die des Indischen Ozeans“, sagt Bogardi.

Der Klimawandel stellt alles in den Schatten

Bei der Stadtentwicklung wird oft nach dem Prinizp Titanic verfahren: Technik ist dazu da, sich den Naturgewalten entgegenzustemmen, und wird nicht dazu eingesetzt, ihnen aus dem Weg zu gehen. Doch wie plötzlich sich künstlich geschaffene Vorteile zum Nachteil wandeln können, bewies New Orleans: Nachdem „Katrina“ die Deiche zum Lake Pontchartrain ramponiert hatte, ertrank die Stadt wegen ihrer ungünstigen Lage. Ausgesprochen kühn wirken in diesem Zusammenhang die Maßnahmen taiwanischer Politiker und Architekten: Trotz permanenter Erdbeben- und Taifungefahr schwankt in Taipeh seit kurzem der mit 508 Metern höchste Wolkenkratzer der Welt. „In vielen entwickelten Ländern herrscht ein völlig falsches Sicherheitsgefühl“, sagt Janos Bogardi über die weitverbreitete Ignoranz.

Tatsächlich gibt es Großstädte, die nach Expertenmeinung in absehbarer Zeit dem Untergang geweiht sind. Tokio ist längst überfällig, was das ganz große Desaster angeht (siehe auch „Tokio: Erdbeben“). Ähnliches gilt für San Francisco. Auch der Ausbruch des Vesuvs scheint vielen - Einwohner von Neapel ausgenommen - nur eine Frage der Zeit (siehe „Neapel: Vulkanausbrüche“). Und selbst so prächtig blühenden Städten wie Las Vegas könnten schlimme Zeiten bevorstehen (siehe „Las Vegas: Dürre“). „Der Trend zu mehr wetterbedingten Extremen und Katastrophen wird sich fortsetzen“, prophezeit Peter Höppe. Der amerikanische Ex-Präsident Bill Clinton fand vor kurzem auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos noch deutlichere Worte: „Der Klimawandel ist das einzige, das die Zivilisation beenden könnte und alles andere unwichtig macht.“

Literatur zum Thema:
Gerhard Berz: „Naturkatastrophen im 21. Jahrhundert“, in „Geographische Rundschau“, H. 1, 2002

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.2.2006
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