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Karin Lochte im Gespräch Natürlich kann man noch viel pessimistischer sein

15.11.2007 ·  Diese Woche wird der Abschlussbericht des Weltklimarates veröffentlicht. Das ist eine Basis für die Klimapolitik, aber wichtige Fragen bleiben offen, meint die biologische Ozeanographin Karin Lochte.

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Diese Woche wird der Abschlussbericht des Weltklimarates veröffentlicht. Das ist eine Basis für die Klimapolitik, aber wichtige Fragen bleiben offen, meint die biologische Ozeanographin Karin Lochte.

Der vierte Teil des vierten Weltklimaberichtes steht ins Haus und damit die Zusammenfassung von drei Arbeitsgruppen des IPCC, die ihre Einzelberichte schon im Laufe des Jahres in allen Details veröffentlicht wurden. Sind da neue Erkenntnisse zu erwarten?

Natürlich nicht, aber es lohnt sich trotzdem, da reinzusehen. Ich will schon wissen, was in Bezug auf die Polarregionen gesagt wird und auf die Meeresgebiete. Das wird zwar nicht mehr sein als das, was schon bekannt ist. Aber es ist wichtig, wo die Betonungen im Abschlusspapier liegen.

Was müsste denn betont werden?

Dort stehen müssten meiner Meinung nach unbedingt die Ergebnisse zum Meeresspiegelanstieg, weil das für einige Entwicklungsländer absolut lebensnotwendig ist. Und natürlich erwarte ich mir Vorschläge des IPCC hinsichtlich der Arktis-Forschung, wo wir die stärksten Veränderungen zu erwarten haben. Wir sollten wissen, wie die Antwort der Gesellschaft aussehen sollte, um das Schlimmste zu verhindern. Wie wir etwa die Folgen des globalen Wandels abmildern und uns beispielsweise an den Küsten anpassen können.

Das sind vorwiegend politische Fragen. Das IPCC hat als Friedensnobelpreisträger inzwischen zwar auch politische Autorität, aber ist sie als Institution der Wissenschaften, die immer noch genug mit der Klärung vieler Klimafragen zu kämpfen hat, nicht überfordert?

Die IPCC-Berichte sind sehr gut fundiert. Sie beruhen auf ganz vielen Einzelberichten, die wissenschaftlich im Peer-Review-System abgesichert sind. Ein Angriffspunkt ist zwar immer wieder die Modellierung des künftigen Weltklimas, aber da hat es wirklich starke Verbesserungen gegeben, so dass die Unsicherheiten auch hier stark reduziert werden konnten. Die Berichte sind, soweit ich das überschauen kann, ganz nüchterne und korrekte Analysen des Zustands im Erdsystem. Der nächste Schritt ist, dass man jetzt auf Seiten der Politiker überlegt, was die Konsequenzen daraus sind. Die Entscheider müssen wissen, auf welcher Basis Entscheidungen getroffen werden.

Die Basis ist aber durchaus widersprüchlich. Immer wieder kursieren verwirrende Mitteilungen aus durchaus einflussreichen Institutionen, wie sie in diesen Tagen etwa von der Internationalen Energieagentur gestreut werden. Da spricht man on einer weltweiten Erwärmung schon im Jahr 2030 von bis zu sechs Grad Celsius, sollten China und Indien ihren Energieverbrauch und die damit einhergehende Verbrennung fossiler Brennstoffe wie bisher fortsetzen. Sagt uns das IPCC vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit?

Was wirklich noch unsicher ist, ist die Frage, wie sich die Gesellschaften entwickeln werden. Wie sich der Energieverbrauch und der Kohlendioxidgehalt in der Luft entwickelt, wie sich der Lebensstil der Menschen verändert und ob es möglich sein wird, neue Technologien schnell einzuführen. All das ist momentan schwer feststellbar. Und darin liegt eine große Unsicherheit. Die Hightechstrategie der Bundesregierung zielt genau darauf ab, möglichst kohlenstoffarme Technologien für die Energieversorgung relativ schnell in die sich entwickelnden Länder zu transportieren.

Aber auch das IPCC lässt, bevor es seine Prognosen mit dem Computer errechnet, Emissionsszenarien mit extrem pessimistischen Annahmen zu. Selbst diese Worst-Case-Szenarien lassen jedoch keine Entwicklung erkennen, wie sie jetzt die Energieagentur propagiert. Haben also vielleicht doch die recht, die sagen, das IPCC sei zu konservativ und längst vom tatsächlichen Klimawandel überholt worden?

Natürlich kann man noch viel pessimistischer sein als das IPCC. Aber es gibt auch Hoffnungsszenarien in den Berichten. Mit den Szenarien ist es wie mit der Steuerschätzung, ein Vabanquespiel, weil sich ökonomische und gesellschaftliche Veränderungen so schlecht abschätzen lassen. Wir sollten uns einfach entschliessen, auf der Basis des momentanen Wissens Entscheidungen zu treffen.

Für Unsicherheiten in der breiten Öffentlichkeit sorgen immer wieder auch neue wissenschaftliche Befunde. Eine Veröffentlichung von Nasa-Forschern zu den Vorgängen in der Arktis sagt jetzt zum Beispiel, dass die extrem beschleunigte Eisschmelze zum großen Teil auf dynamische, aber eben natürliche zyklische Änderungen der Meeresströmungen zurückzuführen ist. Können Sie verstehen, dass solche Ergebnisse die Menschen verunsichern?

Die wissenschaftlichen Grundlagen werden dadurch nicht erschüttert. Wir haben natürlich die Dynamik der Meeresströme und auch die ganz normalen Schmelzprozesse, die die Flussdynamik der Gletscher beeinflussen. Solche natürlichen Prozesse machen sicherlich die Hälfte der derzeitigen Klimaveränderungen aus.

Welche Prozesse sind das außerdem?

Der Einfluss der Sonnenaktivität etwa oder der natürlichen dekadischen, bis zu dreißigjährigen Zyklen, die im Rhythmus von Jahrzehnten Veränderungen hervorrufen und dafür sorgen, dass das Eis mal schneller und mal weniger schnell abschmilzt oder wieder aufgebaut wird.

Sind die starken Meereisverluste in diesem Sommer womöglich Teil eines solchen natürlichen Zyklus oder ist das vielleicht doch ein starkes Indiz für eine beschleunigte künstliche Klimaerwärmung?

Das müssen wir erst noch sehen. Wir wissen heute noch nicht, ob das Teil eines Zyklus ist. Wir wissen nicht, ob wir in vielleicht fünf Jahren wieder mehr Eis haben, oder ob das doch ein ungebrochener Trend in Richtung Eisschmelze ist.

Wozu tendieren Sie?

Ich glaube, dass wir es hier mit einer Überlagerung von menschengemachten und natürlichen Prozessen zu tun haben. Wir könnten wieder eine Abkühlung bekommen, diese würde dann aber wohl durch die anthropogenen Prozesse überlagert werden. Erschwerend kommt hinzu, dass wir die natürlichen Vorgänge inzwischen oft schon nicht mehr klar von den anthropogen beeinflussten Prozessen trennen können. Die von Menschen verursachte Erwärmung kann beispielsweise auch die interne Struktur des Eises und damit die dynamischen natürlichen Prozesse verändern.

Das klingt so, als hätte man viele Ideen und Prognosen, aber noch immer zu wenig gesichertes Wissen.

Was wir definitiv nicht haben, sind genug Daten. Uns fehlen vor allem Daten zur Eisdicke und zur Eisstruktur. Wir haben zwar Satellitendaten über die Eisausdehnung, aber wir wissen nicht, ob das Eis etwa an einer Stelle zusammengeschoben wird und damit zwar in der Fläche kleiner, aber vielleicht dreimal so dick ist wie normal. Diese Messungen brauchen wir dringend.

Genügen dazu nicht die inzwischen zahlreichen Satellitenmessungen?

Besser wären zum Beispiel Eisdicken-Messungen mit Flugzeugen. Wir haben eine solche Maschine, die Polar 5. Eine unserer vordringlichen Aufgaben wäre es jetzt, jährlich zu bestimmten Zeiten festzustellen, wie das Eis denn nun verteilt ist.

Und was hindert Sie daran, diese Messungen vorzunehmen, die Mittel dafür sollten Sie doch momentan leicht bekommen, oder?

Nein, leider nicht. Es wäre ganz wichtig, dass wir ausreichend Unterstützung bekommen, um solche Kampagnen auch über längere zeiträume bezahlen zu können.

Sind Sie also möglicherweise Opfer des politischen Pendels, das jetzt zunehmend von der klimatologischen Grundlagenforschung hin hin zur angewandten Energie- und Technikforschung ausschlägt?

Wir müssen die Grundlagenforschung unbedingt weiter ausbauen. Wir müssen doch wissen, was auf uns zukommt, wie schnell etwa der Rückgang des Eises oder des Permafrostes fortschreitet. Wir müssen auch mehr über die Rückkoppelungsprozesse verstehen, die solche Trends abschwächen oder sogar verstärken. Neben den Fragen zum Rückgang des Polareises ist zum Beispiel die Wirkung der künftigen Wolkenbedckungn eine solche Unbekannte. Auch die Frage, in welchen Regionen der Erde wir uns auf was einstellen müssen, ist noch weitgehend ungeklärt.

Wäre das nicht auch Aufgabe des IPCC, diese Lücken hinsichtlich der Datensammlungen und Messnetze klarer zu artikulieren und möglicherweise sogar neue weltweite Programme anzustoßen?

Das steht schon zwischen den Zeilen der IPCC-Berichte. Leider wird nicht explizit gesagt, dass man weitere Messungen vornehmen muss. Wenn wir Anpassungsmaßnahmen treffen wollen, müssen wir über ein genaueres Wissen als bisher verfügen.

Das Gespräch führte Joachim Müller-Jung.

Quelle: F.A.Z., 16.11.2007, Nr. 267 / Seite 46
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