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Junge Klimaforschung Vom Leben und Sterben der Eisschilde

Der Klimapoker von Durban ist für sie Nebensache: Ricarda Winkelmann, 26 Jahre alt, ist Chaosforscherin in Potsdam und Entwicklerin eines der besten Eismodelle.

© Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Martin et al. (2011), Visualisierung: Thomas Nocke und Stefan Petri Visualisierung des Eisflusses in der Antarktis

Wer ihren Chef kennt, staunt über ihre Abgeklärtheit. Klimapolitik? "Natürlich lässt mich das nicht kalt", sagt Ricarda Winkelmann, "die Ergebnisse von Durban haben auch Einfluss auf meine Arbeit, denn wenn dem Anstieg der globalen Mitteltemperatur keine Grenze gesetzt wird, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in der Antarktis zu Massenverluste kommt." Aber: "Ich komme ursprünglich nicht aus der Klimaforschung, sondern aus der Chaostheorie." 26 Jahre ist Ricarda Winkelmann und professionelle Klimamodelliererin bis in die Haarspitzen. Seit drei Jahren arbeitet die Mathematikerin und theoretische Physikerin an Ihrer Doktorarbeit unter einem Gruppenleiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenfoschung, Pik, Stefan Rahmstorf, der zuletzt vor allem durch seine Blogaktivitäten und seine klimapolitischen Vorstöße das öffentliche Interesse auf sich gezogen hat. Ihm geht es in der Klimapolitik nicht schnell genug voran, er engagiert sich und reagiert aggressiv auf Leute, die den Klimaschutz hinterfragen.

17844743 © Maria Martin Vergrößern Die Physikerin und Mathematikerin Ricarda Winkelmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Expertin für fraktale Chaostheorie und Eisschildmodellierung, war 2010/11 mit dem Forschungsschiff "Polarstern" im Südpolarmeer unterwegs.

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Ricarda Winkelmann hingegen dreht keine großen politischen Räder, konzentriert sich auf den "Kern", wie sie sagt. "Ich als Landeismodelliererin bin Teil der Polarforschung." Sie gehört zu den herausragenden jungen Kräften,, die mit ihrer Fixierung auf wissenschaftliche Fortschritte und ihren Ideen den Motor am Laufen halten. Und die einen Großteil des akademischen Ruhms ihrer öffentlichkeitswirksamen Kollegen wie Rahmstorf oder der Direktor des Instituts, Hans-Joachim Schellnhuber, ehemaliger Klimaberater der Kanzlerin, erst möglich machen. Ricarda Winkelmann hat zusammen mit Kollegen am Institut und Polarforschern aus Alaska das anerkanntermaßen fortschrittlichste Eisschild- und Schelfmodell entwickelt: Ungefähr zehntausend Programmierzeilen umfasse das Computermodell, mit denen die Grundprozesse der polaren Eisschilde simuliert werden: die zum Meer gerichteten Eisströme, das Schmelzen an der Felsunterkante, Eisansammlungen oben, die Bildung von Spalten und schließlich das Kalben an der Kante.

"Ich versuche nicht, die Wirklichkeit genau abzubilden, aber mit unserem Modell können wir die fundamentalen Prozesse verstehen, und darauf kommt es an." Drei große und viele kleine Parameter bestimmen die Dynamik - das "Leben" - der Eisschilde, vor allem die Weichheit des Eises und das Gleiten. Mit ihren zwei große Veröffentlichungen in der Zeitschrift "The Cryosphere" innerhalb weniger Monate hat sie schon ein gewichtiges Wort in der Polarforschung mitzureden, aber als "Theoretikerin", wie sie betont. Vor einem Jahr hatte sich das für drei Monate geändert, da wurde sie praktische Polarforscherin und beschäftigte sich mit mehr als nur "mit einem Batzen Eis". Zur Jahreswende war sie für eine dreimonatige Forschungsfahrt auf der "Polarstern" in der Antarktis unterwegs und sammelte als "Exotin" einer gut fünfzigköpfigen Polarforschergruppe Unmengen an Daten, mit denen nicht zuletzt auch ihre Computermodelle gefüttert werden.

17844745 © Frank Rödel Vergrößern Probensammeln auf dem Schelfeis: Ricarda Winkelmann zusammen mit Polarforschern.

Was die politische Verwendung der erwärmungsbedingten Eisschmelze angeht, bleibt sie zurückhaltend, doch ihre wissenschaftliche Überzeugung steht - und formuliert sie mit einer demonstrativ akademischen Zurückhaltung: "Wenn dem Anstieg der globalen Mitteltemperatur keine Grenzen gesetzt werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in der Antarktis zu Massenverluste kommt."

Quelle: F.A.Z.

 
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