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Weniger Kohlendioxid-Ausstoß : Ist das schon das Fanal zur Klimawende?

Kohlekraft oder Windkraft? Die Waage neigt sich schneller als gedacht. Bild: dpa

Surprise, surprise, da wird man staunen auf dem Klimagipfel. Der Ausstoß von Kohlendioxid stagnierte 2014 und könnte dieses Jahr erstmals zurückgehen. Der „Klimaheld“? Es ist der, der derzeit den meisten Dreck in der Luft hat.

          Es ist in vieler Hinsicht das schlimmste Jahr für den Klimaschutz: 2015 wird das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen, zwei Drittel der Kohlenstoffvorräte, die zur Einhaltung der gewünschten 2-Grad-Obergrenze verbrannt werden dürfen, sind inzwischen verbraucht, und zum ersten Mal in den letzten 800.000 Jahren Erdgeschichte ist die Konzentration von Kohlendioxid in der Luft dauerhaft über 400 ppm (Anteile pro Million Luftteilchen) gestiegen. Und dann dies: Das Global Carbon Project, eine von der Stanford-Universität geleitete unabhängige Forschungsgruppe, hat ermittelt, dass nach Jahren rapider Zunahme der Konzentrationsanstieg von Kohlendioxid - dem Treibhausgas Nummer eins - im vergangenen Jahr von 2,4 auf nur noch 0,6 Prozent zurückgegangen ist. Mehr noch: Die ersten zehn Monate dieses Jahres sprechen dafür, dass 2015 zum aller ersten Mal sogar eine absolute Abnahme der globalen Kohlendioxidrate erreicht wird: von 35,9 Milliarden Tonnen auf 35,7 Milliarden Tonnen im Jahr - ein Rückgang um durchschnittlich etwa 0,6 Prozent.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Diese Entwicklung kommt offensichtlich auch für die Wissenschaftler um Robert Jackson und Nebojsa Nakicenovic absolut überraschend, wie sie in ihrer Studie in der Zeitschrift „Nature Climate Change“ einräumen. Früher war bei entsprechenden Dellen im Treibhausgasanstieg die schwächelnde Weltwirtschaft, etwa der Zusammenbruch des Sowjetsystems oder die Finanzkriese in der westlichen Welt, verantwortlich. Davon kann in den vergangenen zwei Jahren überhaupt nicht die Rede sein. Die Weltwirtschaft ist auch im vergangenen Jahr um mehr als drei Prozent gewachsen.

          Absteigender Ast: Jährlicher Kohlendioxidausstoß weltweit seit 1990 (Kreise) und die Emissionsintensität (schwarze Quadrate), die die Emissionen pro verbrauchter Energie angibt. Rot sind die für 2015 kalkulierten Wert.

          Mitentscheidend dürfte eine nicht mehr so rasant wie früher steigende Wirtschaft sein, die der chinesischen nämlich, gepaart mit einem gigantischen Aufschwung: der der regenerativen Energien. Der zusätzliche Primärenergieverbrauch zwischen 2013 und 2014 in China wurde zu 58 Prozent mit zusätzlichen Kapazitäten an Wasser-, Wind- und Solarkraft bereitgestellt. Während die Emissionen an Kohlendioxid im  Jahrzehnt davor noch um 6,7 Prozent angestiegen waren, flachten sie 2014 auf 1,2 Prozent ab. Und 2015 rechnen die Wissenschaftler, nachdem immer mehr Kohle durch regenerative Energiequellen ersetzt werden, mit einem Rückgang von 3,9 Prozent der CO2-Emissionen. Das bedeutet, dass China, das 2014 überhaupt erst die Vereinigten Staaten als weltgrößter Kohlendioxid-Emittent abgelöst hat, in diesem Jahr vermutlich 0,4 Milliarden Tonnen weniger von dem Treibhausgas freisetzt.

          Entkoppelung vom Wachstum

          Die entscheidende Frage, nicht nur für die Forscher, ist nun, ob damit möglicherweise auch global die Kohlenstoffwende hin zu der immer wieder avisierten „Dekarbonisierung“ der Wirtschaft und eine Entkoppelung von Wachstum und Kohlendioxidausstoss geschafft ist. „Das wird erst die Zeit zeigen“, schreiben die Forscher.  Auch die Frage, ob der Höhepunkt des weltweiten Kohlendioxidausstoßes damit früher als erwartet erreicht werden könnte, bleibt unbeantwortet. Vor allem große, bevölkerungsreiche und schnell wachsende Volkswirtschaften wie Indien sind nach wie vor auch große Unbekannten in der Rechnung. 

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