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Im Gespräch: Reinhard Hüttl „Wir erklären uns absolut solidarisch“

 ·  Nach den Diskussionen zu dem noch nicht veröffentlichten Positionspapier, beantwortet der Präsident der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften Fragen zum Anlass des Papiers und zu den abtrünnigen Forschern.

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© Löwa, Michael Vergrößern Reinhard Hüttl: „Meine Sorge ist, dass wir den Menschen erzählen, wir hätten die Probleme im Griff.“

Gab es einen Anlaß für das Papier?

Für uns gab es zwei Gründe. Zum einen haben wir schon im Jahr 2007, als wir die beiden Klimagipfel der Regierung koordinierten, das Thema Anpassung an den Klimawandel wie auch das noch brisantere Thema Mitigation, also Emissionsminderung, auf die Agenda gesetzt. Inzwischen gibt es eine deutsche Anpassungsstrategie, und die EU wird ein solches Papier im nächsten Jahr vorlegen. Der zweite Punkt war, dass der Klimawandel stattfindet und zwar regionalspezifisch unterschiedlich. Das sollte aufgearbeitet und der aktuelle Stand der Forschung aufgezeigt werden.

Brauchte man dazu unbedingt einen bekennenden Skeptiker der etablierten Kohlendioxidthese und Amateurforscher wie Fritz Vahrenholt, dessen Buchveröffentlichung zum Zerwürfnis innerhalb der Arbeitsgruppe geführt hat?

Sein Buch ist ja erst zum Ende der Arbeitszeit der Gruppe erschienen, das war für uns nicht einschätzbar. Herr Vahrenholt ist auch nicht als Klimaforscher geholt worden, sondern als ehemaliger Hamburger Senator mit Politikerfahrung. Von der Wirtschaft wurde er als Experte für erneuerbare Energien vorgeschlagen. Das war sein Aufgabenbereich.

Die vier abtrünnigen Forscher stellen letztlich die gesamte klimatologische Kompetenz der Arbeitsgruppe in Frage.

ANTWORT: Dass wir den aktuellen Stand der Klimaforschung nicht reflektiert hätten, stimmt nicht. Wesentliche Passagen in der Endfassung stammen doch von den Vieren. Das Papier soll aber auch gar nicht die Klimaforschung reflektieren. Sie geht vielmehr von den Ergebnissen der Klimaforschung aus und versucht exemplarisch bestimmte Bereiche im Sinne der Anpassung zu verstehen. Und wir haben ja immer noch zahlreiche andere namhafte Klimaforscher in der Gruppe.

Trotzdem weicht man in dem Kapitel zu den klimatologischen Grundlagen mit den Einschränkungen nach dem Motto ,nichts genaues weiss man nicht’ im Duktus und im Fazit vom Weltklimarat IPCC ab. Ist das Absicht?

Wenn es uns darum gegangen wäre, eine Position der Acatech zur Klimaforschung zu erarbeiten, hätten wir eine andere Arbeitsgruppe. Ich sehe nicht, dass wir da, wo es um Anpassung geht, etwas weniger problematisch darstellen als andere. Wir weichen da auch von den Positionen der Bundesregierung überhaupt nicht ab. Beim Herunterbrechen von den globalen auf die regionalen Modelle haben wir noch einen enormen Forschungsbedarf. Wir haben uns deshalb auch nicht auf bestimmte Temperaturveränderungen in den einzelnen Regionen Deutschlands verständigt. 

Der Streit um das Papier zieht schon vor der Veröffentlichung weite Kreise. Manche sehen das Dokument schon als Rückzugsposition für skeptische Politiker und Kritiker überhaupt, die einer aktiven Klimapolitik generell misstrauen. Stört das die Acatech?

Ich sehe das keineswegs so. In vielen einzelnen Aussagen wird deutlich und daran besteht kein Zweifel, dass an dem aktuellen Klimawandel der Mensch einen signifikanten Anteil hat. Jetzt ist für uns die entscheidende Frage, was wir machen können. Gut 85 Prozent der Emissionen sind derzeit nicht vom Kyoto-Protokoll geregelt, und wenn Sie sehen, was aktuell gebaut wird an Kohlekraftwerken in China und Indien, dann wird deutlich, dass das Thema Emissionsminderung nicht zum Tragen kommt. Meine Sorge ist, dass wir den Menschen erzählen, wir hätten die Probleme im Griff und bekämen eine heile Welt. Das wird aber auch zu meinem Bedauern nicht geschehen. Es gibt die Hitzeperioden, wir haben die Arten, die einwandern oder aussterben, wir haben neue Krankheiten, wir müssen nachdenken, wie wir uns bestmöglich an die Veränderungen anpassen.

Jetzt klingen Sie wie ein Vertreter des Weltklimarats. Der wird in dem Papier aber nicht einmal erwähnt.

Uns ging es hier um regionale Anpassung, und zwar konkret in Deutschland. Wir haben uns deshalb ja auch nicht zum Geo-Engineering geäußert. Und was den menschlichen Beitrag zum aktuellen Klimawandel angeht, erklären wir uns absolut solidarisch mit den anderen Akademien, auch mit dem IPCC.

Die Fragen stellte Joachim Müller-Jung

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