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Veröffentlicht: 19.06.2012, 17:10 Uhr

Im Gespräch: Klimaforscher Schellnhuber „Ich glaube nicht an den Masterplan für die Welt“

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Im Interview spricht er über falsche Erwartungen an den Klimagipfel in Rio de Janeiro - und die Sackgassen auf dem Weg zu nachhaltiger Politik.

© Andreas Pein Hans Joachim Schellnhuber - Der deutsche Klimaforscher stellt sich in Potsdam den Fragen von Joachim Müller-Jung

Herr Schellnhuber, die Bundeskanzlerin will nicht nach Rio fliegen. Dabei könnte sie dort mit ihrer Energiewende mächtig Punkte sammeln und Überzeugungsarbeit für eine ökologische Nachhaltigkeit leisten. Hat sie das Thema schon abgehakt?

Erst vor wenigen Wochen im Mai hat sich die Bundeskanzlerin die Mühe gemacht, zwischen zwei wichtigen Landtagswahlen die Eröffnungsrede für das Jubiläumssymposion des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen zu halten. Sie hat darin nichts zurückgenommen im Hinblick auf unsere Nachhaltigkeitsverantwortung für künftige Generationen - da war kein falscher Unterton in dieser Rede. Und die Idee, einem internationalen Fachpublikum die deutsche Energiewende zu erläutern, stieß auf große Begeisterung. Alle glauben, wenn es einer schaffen wird, dann Deutschland. Der Chef des World Resources Institute in Washington hält ,The Energiewende’ sogar für das größte Nachhaltigkeitsexperiment aller Zeiten.

Aber spürt man als Klimaforscher nicht, dass man von anderen Themen verdrängt wird?

Frau Merkel hat gesagt: „Hören Sie nicht auf, uns Politikern auf den Wecker zu fallen.“ Das ist eine klare Ansage: Die Rolle der Klimaforschung bleibt weiterhin, die Problemfakten auf den Tisch zu knallen und Optionen für geeignete Lösungswege zu identifizieren. Die Rolle der Politik ist es dann, den Bürgerwillen zu mobilisieren, um wissensbasierte Entscheidungen umzusetzen. Wir Forscher erfüllen gewissermaßen die Aufgabe planetarischer Ratingagenturen - nicht sehr beliebt, aber verdammt notwendig.

Bringt so ein zweiter Erdgipfel dann in dieser Situation überhaupt etwas?

Für ein verantwortungsvolles und wirksames Management dieses klein gewordenen Planeten brauchen wir schlussendlich internationale Abkommen, aber diese hängen nicht allein am Erfolg von Rio+20 und nicht allein daran, ob Frau Merkel diesmal teilnimmt.

Warum hat sich dann ausgerechnet der chinesische Regierungschef angekündigt?

Nun, ein Motiv könnte sein, dass China womöglich besorgt ist, die Führungsrolle für die Entwicklungsländer zu verlieren, wie sich das auf dem Klimagipfel in Durban ja bereits angedeutet hat. Darüber hinaus nehmen die Chinesen die Nachhaltigkeitsproblematik überaus ernst - immerhin investieren sie derzeit etwa fünfmal so viel in die Windenergie wie in die Kernkraft.

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Was kann Rio+20 denn überhaupt leisten?

Wenn man sich den fettleibigen bisherigen Entwurf des Abschlussdokuments ansieht, muss man nach neuen Elementen der Nachhaltigkeitspolitik mit der Lupe suchen. Zwei potentiell innovative Elemente gibt es allerdings. Da ist zum einen die Perspektive auf stärkere Institutionen für die Umwelt unter dem Dach der Vereinten Nationen - eine internationale Umweltorganisation statt eines fragilen Programms, ein „Council for Sustainable Development“, vielleicht sogar ein Hochkommissariat. Hier könnten wichtige Prozesse in Gang gesetzt werden. Und das sind zum anderen die angepeilten „Sustainable Development Goals“, die SDGs, also Nachhaltigkeitsziele. Was dazu bisher auf dem Tisch liegt, ist allerdings noch recht vage, eher eine Ramschliste von hehren Umwelt- und Entwicklungszielen.

Und das will man dann als Erfolg der Ökopolitik verkaufen?

Es werden damit, wie gesagt, zwei enorm wichtige Elemente aufgegriffen, die schon sehr lange in der Diskussion sind. Die deutsche Politik war da zu Recht sehr hartnäckig, und auch Frau Merkel hat bekräftigt, dass sie eine globale Umweltinstitution anstrebt.

Der Begriff „Green Economy“ dominiert die Vorbereitungen für Rio+20. Das klingt wie ein grüner Etikettenschwindel, wenn man sieht, wo die Probleme der Weltwirtschaft liegen.

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