09.12.2009 · Der Physikprofessor Hans Joachim Schellnhuber ist Chef des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung. Er gehört zu denjenigen, die analysiert haben, wie warm es noch werden kann, ohne dass die Umwelt irreversibel zerstört wird:
Von Alexander ArmbrusterFünfzig Stundenkilometer, schneller dürfen Autofahrer innerorts nicht fahren. Vor Schulen oder Kindergärten gilt häufig sogar Tempo 30. Damit nichts passiert. Ausgeschlossen sind Unfälle trotzdem nicht, weder theoretisch noch praktisch. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind überfahren wird, ist so geringer, als wenn jeder so schnell fahren könnte, wie er will. Das Beispiel ist leicht nachvollziehbar. Hans Joachim Schellnhuber benutzt es deswegen gerne zur Illustration. Denn sein Thema, der Klimawandel und die Folgen einer wärmer werdenden Erde für ihre Bewohner, sind ungleich schwieriger zu erklären.
Schellnhuber ist Physikprofessor und der Chef des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Er gehört zu denjenigen, die analysiert haben, wie warm es noch werden kann, ohne dass die Umwelt irreversibel zerstört wird: Höchstens um zwei Grad darf die Temperatur im Durchschnitt noch steigen, sonst sind die Folgen unkalkulierbar riskant. Auch ein Anstieg von einem Grad ist gefährlich, eine Katastrophe dann allerdings noch relativ unwahrscheinlich - so, wie eben Straßenverkehrsunfälle umso weniger wahrscheinlich sind, je geringer die erlaubte Höchstgeschwindigkeit ist.
Schellnhuber hat unzählige Forschungspapiere zum Thema in anerkannten Fachjournalen publiziert. Er gehört dem Weltklimarat IPCC an, einer Vereinigung Hunderter Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen, die Klima-Analysen veröffentlicht, auf die sich Politiker und andere Wissenschaftler immer wieder beziehen. Diese Arbeiten sind die wichtigste Grundlage, auf der Umweltpolitiker aus 192 Ländern seit diesem Montag bis zum 18. Dezember in Kopenhagen versuchen, ein neues Klimaabkommen hinzubekommen.
Promotion in Theoretischer Physik
Weil es um so viel geht, ist Schellnhuber selbst in die dänische Hauptstadt gereist. "Kopenhagen war angelegt als ein Treffen, das zur wichtigsten Konferenz in der bisherigen Geschichte hätte werden können." Da mittlerweile klar ist, dass dort wohl kein detaillierter Vertrag herauskommen wird, in dem jedes Land eine bestimmte Menge der klimaschädlichen Treibhausgase zugeteilt bekommt, die es noch emittieren darf, ist die Konferenz selbst weniger bedeutsam: "Kopenhagen wird nunmehr wohl nur eine Auftaktveranstaltung werden - sozusagen das erste, wegweisende Kapitel in einem Weltpolitikbuch, wo auf den letzten Seiten verbindliche und angemessene Emissionsreduktionsziele für alle Länder stehen."
Einigen sich die Länder indes überhaupt nicht, sondern blasen weiter so viel Kohlendioxid und Methan in die Luft wie bisher (oder noch mehr), steigt nach IPCC-Berechnungen die Durchschnittstemperatur auf der Erde bis Ende des 21. Jahrhunderts um sechs Grad, mit existenzbedrohenden Folgen für Millionen Menschen - nicht nur in Bangladesch und auf den Malediven. Schellnhuber wirbt emsig für einen neuen Vertrag, allein seine Möglichkeiten stoßen schnell an die Grenzen einer medialen Massengesellschaft: Er kann Zeitungsartikel schreiben und in Talkshows auftreten. Immer bleibt ihm dabei jedoch nichts anderes übrig, als Argumente zu liefern und auf die Vernunft seiner Zuhörer und Leser zu hoffen. Und er kann mit einer lupenreinen Laufbahn als Wissenschaftler wuchern.
Mathematik und Physik studierte er mit einem Hochbegabtenstipendium, promovierte in Theoretischer Physik und forschte daraufhin mehrmals in den Vereinigten Staaten. 1988 wurde er ordentlicher Professor für Physik in Oldenburg, drei Jahre später gründete er das PIK in Potsdam, dessen Direktor er bis heute ist. Fast 300 Mitarbeiter hat Schellnhuber dort und ein Jahresbudget von rund 16,5 Millionen Euro. Parallel dazu leitete er von 2001 bis 2005 das Tyndall Centre for Climate Change Research in Großbritannien. Auch die Politik vertraut auf sein Wissen: Schellnhuber sitzt in der Klima-Sachverständigengruppe von EU-Kommissionspräsident Barroso und ist als Chef des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltfragen (WBGU) oberster Klimaberater von Kanzlerin Angela Merkel.
Dass er mit seiner Arbeit so erfolgreich ist, nutzen vor allem Verschwörungstheoretiker immer mal wieder, um Kritik zu üben. Sie werfen ihm vor, seine Ergebnisse zu dramatisieren, weil er umso mehr Geld verdiene. Ihn selbst betrübt das kaum, wenigstens merkt man es ihm nicht an. Er, der (nur) wissenschaftliche Exzellenz anerkennt und selbst liefern möchte, forscht weiter. Sechs Fachaufsätze hat er in diesem Jahr geschrieben - in seinem PIK-Büro auf dem Telegraphenberg in Potsdam, jenem Universitäts-Campus, auf dem einst Albert Einstein forschte. ALEXANDER ARMBRUSTER