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Kurioser Winter : Das Wetter schlägt Purzelbaum

  • -Aktualisiert am

Der Pazifik im Oktober 2015: Rot die Regionen, in denen das Wasser um mindestens 0,5 Grad wärmer ist als im langjährigen Durchschnitt Bild: NOAA

Der europäische Winter ist bislang viel zu warm. Währenddessen schwingt sich im südlichen Pazifik „El Niño“ zu nie gesehener Stärke auf. Hängt das eine mit dem anderen zusammen?

          Beinahe hätte man die Weihnachtsgans auch auf dem Gartengrill schmoren können. Mitten im Dezember 2015 ist in Deutschland der Frühling ausgebrochen. Pollen fliegen, Schneeglöckchen sprießen, Bäume schlagen aus. Weiße Weihnacht? Die konnte man in diesem Jahr nicht einmal auf den Bergen feiern. Und wer einen Skiurlaub plant, sollte lieber die Wanderschuhe einpacken. Denn der frühe Frühling bleibt. Deutschland erlebt gerade einen mediterranen Winter.

          Düsseldorf fühlt sich mit aktuell +9,5 Grad an wie Nizza, und Frankfurt erlebt bislang einen Winter, wie man ihn in Madrid gewohnt ist. Um fast sechs Grad weicht der Dezember bisher von seinem langjährigen Durchschnitt ab. Und nicht nur hier: Praktisch überall in Europa ist der Winter bisher ein Totalausfall.

          Ursache der ungewöhnlichen Warmphase ist ein geradezu grotesk stabiles Subtropenhoch, das sich beinahe auf den ganzen Kontinent ausgedehnt hat. Es pumpt Mittelmeerluft nach Norden, blockt die Kälte und zwingt die Tiefdruckgebiete auf eine noch nördlichere Bahn. Deshalb findet man einzig im Norden Skandinaviens derzeit etwas, das den Namen Winter verdient.

          Zeigt sich hier schon ein Trend? Wenn die Kurve in den roten Bereich steigt, herrscht El Niño. La Niña, seine kühlere Schwester, scheint seltener zu werden.

          Wer sich mit Meteorologen über das Beton-Hoch vom Mittelmeer unterhält, hört, wie selbst sie sich wundern über diese Wetterlage. Milde Winter gibt es immer wieder, sagen sie zwar. Und ein warmer Dezember sei nichts Außergewöhnliches. Doch in diesem Winter ist irgendetwas anders. Bloß was?

          Einfluss auf Europa schwach

          Dafür, dass wir in diesem Dezemberfrühling 2015 bereits die Folgen des Klimawandels spüren, gibt es keinen Beleg. So lautet die Standardantwort der Klimatologen. Ein Einzelereignis könne man nicht auf die Erderwärmung schieben - auch wenn es inzwischen immer schwerer vorstellbar wird, das alles könnte nichts mit dem Klimawandel zu tun haben.

          Es gibt noch einen weiteren Verdächtigen: das Wetterphänomen El Niño, spanisch für „das Christkind“. Jetzt zur Weihnachtszeit erreicht die Anomalie im Pazifischen Ozean ihren Höhepunkt, daher der Name. Doch in unserem Fall ist das wütende Kerlchen wohl unschuldig: Es bringt zwar auf drei Vierteln der Erde das Wetter durcheinander, aber sein Einfluss auf Europa ist allenfalls schwach.

          Anruf bei Mojib Latif. Der Forscher vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel ist nicht nur Deutschlands Klimaerklärer Nummer eins, sondern außerdem ein angesehener El-Niño-Experte. Sein halbes Leben beschäftigt er sich schon mit dem Burschen. Im Winter 1997/98 forschte Latif gerade am Scripps-Institut im kalifornischen San Diego, als letztmals ein Super-El-Niño große Regionen des Planeten in einen Ausnahmezustand versetzte. Kalifornien war damals stark betroffen; ein Sturm nach dem anderen zog vom Pazifik herein. Dachdecker klemmten vorsorglich Visitenkarten unter die Scheibenwischer. Storm Business.

          Der stärkste El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen

          Konsequenzen für Europa könne man hingegen ausschließen, sagt Latif. Wenn El Niño das Wetter hierzulande beeinflusse, dann allenfalls durch Kälte. So wird seit einigen Jahren diskutiert, ob das Christkind etwas mit dem kalten Kriegswinter 1941/42 zu tun gehabt haben könnte. Die wetterstatistischen Belege dafür sind jedoch dünn, und während des Jahrhundert-El-Niños von 1997/98 war der europäische Winter ähnlich warm wie in diesem Jahr.

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