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Glosse: Klimawandel : Wir Windpflücker

Bild: dpa

Auch in der Wissenschaft darf phantasiert werden, allerdings darf es nicht zum Realitätsverlust kommen. Eine Studie von der Stanford-Universität zum brisanten Thema Energiewände überschreitet da die Grenzen der „Phantasiereise“.

          Ein Privileg der Wissenschaft ist die schier grenzenlose Freiheit zur Phantasterei. Fontanes Wort, nach dem derjenige mit der besten Phantasie auch den größten Genuss hat, kann jedenfalls locker auf die Forschenden angewendet werden. Mit dem genussvollen Phantasieren ist es allerdings wie mit allen süßen Drogen: Zu viel davon trübt die Sinne und lässt im schlimmsten Fall am Verstand zweifeln. Wir wissen nicht, wie weit die Genussbereitschaft von Mark Jacobsen von der Stanford-Universität inzwischen gediehen ist, wir haben hier aber eine Studie von ihm aus den jüngsten „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften liegen, die darauf schließen lässt, dass es beim genussvollen Phantasieren offenbar zu einem gravierenden Realitätsverlust kommen kann. Das ist nichts grundsätzlich Ungewöhnliches, wenn es um brisante Klima- und Energiefragen geht wie in diesem Fall. Die Politik (und nicht nur sie) hat ständig ihre liebe Mühe mit Experten, auch mit solchen aus den eigenen Reihen - wie dem amerikanischen Energieminister und Nobelpreisträger Steven Chu, der den globalen Klimawandel mit weißen Dächeranstrichen entschärfen wollte, oder solchen, die kosmische Spiegel zur Reflexion des Sonnenlichts - bei gleichzeitiger Solarenergienutzung - zu installieren trachten.

          Joachim  Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Aber Jacobsons Szenario einer mit Windkraftanlagen zugepflasterten Erdkugel hat energiepolitisch gesehen von der reinen Phantasterei abgesehen in seiner technizistischen Vision etwas wirklich Anmaßendes: Sein Rezept, das er mit einem eigens konzipierten globalen Windwetterklimamodell beschrieben hat, geht so: Man nehme vier Millionen Windräder, jedes mindestens hundert Meter hoch, und pflastere damit den Globus zu, wo immer der Wind kräftig weht. Ergebnis: Windenergie allein könnte ganz locker das Mehrfache des weltweiten Energiebedarfs im Jahre 2030 decken. Und das Schönste dabei: Mutter Erde geht niemals der Wind aus. Die früher geäußerte Befürchtung deutscher Max-Planck-Forscher, die Turbinen könnten ab einer kritischen Dichte auch das letzte Lüftchen aus der Luft abernten, sei mitnichten zu befürchten. Viel zu kompliziert gedacht, meint Jacobson. Das globale Pflücken des „theoretischen Windpotentials“ unseres Planeten sei viel schonender als gedacht. Darauf ist mit einem deutschen Physiker, Albert Einstein, zu antworten: Man sollte alles so einfach wie möglich sehen, aber auch wirklich nicht einfacher.

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