22.06.2011 · Ein neues Papier des Umweltbundesamtes verrät: Großtechnische Notlösungen sind für die wissenschaftliche Ökobehörde keine Option, wenn es darum geht, das Klima zu stabilisieren - anders als offenbar für den Weltklimarat.
Von Joachim Müller-JungEine Behörde schert aus. Während in dieser Woche in der peruanischen Hauptstadt Lima ein paar Dutzend Wissenschaftler im Auftrag des Weltklimarates IPCC zusammensitzen und die Chancen evaluieren, ob sich das Klima der Erde großtechnisch noch rechtzeitig unter Kontrolle bringen lässt, hat die wissenschaftliche Umweltbehörde der Bundesregierung ihr Votum schon aufgeschrieben: In einer knapp fünfzigseitigen Stellungnahme, die dieser Zeitung vorliegt, warnt das Umweltbundesamt (UBA) vor einem "möglichen Paradigmenwechsel" in der Klimapolitik: "Angesichts der Tragweite von Geo-Engineering-Maßnahmen und der großen Unsicherheiten bei der Abschätzung von Folgen im komplexen Erdsystem rät das UBA aus Vorsorgegründen . . . zu einem Moratorium."
„Wir raten zu einem Moratorium“
Was ist hier genau gemeint mit Geo-Engineering? Die Berliner Ökobehörde beruft sich dabei, wie überhaupt in ihren Analysen, auf eine zwei Jahre alte Bestandsaufnahme der britischen Royal Society. Im Prinzip geht es um zwei unterschiedliche ingenieurstechnische Vorschläge, die globale Erwärmung gezielt abzumildern. Zum einen um die Idee, direkt in die irdische Energiebilanz einzugreifen. Dazu zählen etwa der schon oft diskutierte, vergleichsweise preiswerte Vorschlag des Mainzer Nobelpreisträgers Paul Crutzen, mit tonnenweise in die Stratosphäre geschleuderten Schwefelpartikeln die auf die Erdoberfläche eintreffende Strahlungsmenge zu senken, oder - die erheblich teurere Lösung - die Sonnenstrahlung mit spiegelnden Scheiben oder Saturn ähnlichen Staubringen im Weltraum abzulenken. Der zweite Ansatz zielt darauf ab, der Atmosphäre das wichtigste Treibhausgas - Kohlendioxid - nachhaltig zu entziehen. Darunter fallen vergleichsweise bodenständige Verfahren wie die Aufforstung (siehe untere Meldung), die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid aus Kraftwerksabgasen - die sogenannten CCS-Techniken -, aber auch noch eindeutig experimentelle Lösungsvorschläge wie die großflächige Düngung oder Kalkung von Ozeanen, um auf diesem Weg den Kohlenstoff gleichsam in der Tiefsee zu entsorgen.
Forschung nur unter staatlicher Kontrolle
Allein diese stark verkürzte Liste macht deutlich, wie es zu dem Titel des wissenschaftlichen Papiers kam: "Geo-Engineering - wirksamer Klimaschutz oder Größenwahn?" Was als Frage formuliert ist, muss in den Augen des Umweltbundesamtes im Grunde schon als beantwortet gelten. Zumindest sofern es um konkrete großtechnische Projekte geht. Kontrollierbare und finanziell überschaubare und lokal begrenzte Forschungsprojekte hält man in einigen Fällen zwar für sinnvoll oder gar geboten, etwa die Erprobung der CCS-Technik. Aber schon hierfür müsse gelten: Jedes Projekt gehört unter staatlicher Kontrolle und bereits vor dem Start einer rigorosen Risiken- und Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen. Fakt ist, dass Geo-Engineering derzeit als weitgehend ungeregelt gilt. Nur mit einem strikten völkerrechtlichen Regime kann dem Umweltbundesamt zufolge verhindert werden, dass eine rationale Klimapolitik gewissermaßen durch Utopia ersetzt wird - dass die zähen diplomatischen Versuche, ein neues Regelwerk zur Eindämmung der Treibhausgas-Emissionen zu finden, womöglich durch ein Zeitalter geotechnischer Gigantomanie abgelöst wird.
Die moralische Spaltung der Klimapolitik ist damit vorgezeichnet. Wie dem UBA gilt Geo-Engineering auch den mehr als hundert Umweltinitiativen, die eben eine entsprechende Petition an den Weltklimarat unterzeichnet haben, als klimapolitischer Sündenfall. Auch wenn das Ziel, den globalen Temperaturanstieg global gesehen innerhalb von zwei Grad über dem vorindustriellen Wert zu halten, heute kaum noch zu realisieren scheint, will man offenbar hart bleiben. Nicht einmal als eine Art Notmaßnahme dürfe Geo-Engineering forciert werden. Plan B will man der Klimadiplomatie also erst gar nicht in Aussicht stellen. Selbst dann nicht, wenn sich offenkundig immer mehr vor allem amerikanische und britische Ingenieure die Hände reiben und großtechnisch planen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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