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Frage 4 Kippt das Klimasystem?

Bestimmte Prozesse auf der Erde können ganz besonders empfindlich auf kleine Temperaturschwankungen reagieren. Diese „tipping points“ machen die Folgen des Klimawandels fast unberechenbar und könnten weltweit für Überraschungen sorgen.

© AP Vergrößern Auch der lebenswichtige Monsun könnte ausfallen

Der Klimawandel hält mit großer Wahrscheinlichkeit Überraschungen bereit. Es gibt auf der Erde nämlich Regionen sowie physikalische und ökologische Prozesse, die besonders empfindlich auf höhere Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster reagieren. Klimaforscher bezeichnen sie als „tipping points“ unseres Klimasystems, im Deutschen könnte man von Kippschaltern sprechen.

Ein gutes Beispiel für einen „tipping point“ ist die Arktis, denn das Schmelzen des Meereises verläuft nicht etwa gleichförmig, sondern es beschleunigt sich, je weiter es voranschreitet. Durch die selbstverstärkende Wirkung von Erwärmung und Meereisschmelzen sagen einige Klimamodelle für die Arktis bereits vom Jahr 2035 an einen eisfreien Sommer voraus, mit gravierenden Folgen für das Ökosystem.

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Von manchen Kippschaltern wie dem arktischen Meereis wissen wir bereits, dass sie existieren, von anderen können wir es im Moment nur vermuten. So kann zurzeit niemand mit Sicherheit sagen, ob der indische Monsun ein solcher wunder Punkt des Klimas ist. Durch ein komplexes Wechselspiel von Erwärmung und regionaler Luftverschmutzung könnte es zu einem unvorhersagbaren und sprunghaften Verhalten der regenspendenden Monsunwinde kommen. Dies könnte die Nahrungsmittelerzeugung von rund einer Milliarde Menschen gefährden. Anders als beim arktischen Meereis spränge der Monsun aber nicht einfach wieder in seinen gewohnten Modus, wenn die Klimaveränderungen nachlassen. Es ist möglich, dass die Region nachhaltig geschädigt würde.

Kippschalter des Klimawandels © F.A.Z. Vergrößern

Ähnliches gilt für die große Atlantische Ozeanzirkulation, die derzeit Europa mit Wärme versorgt und unsere Winter wesentlich milder macht, als das zum Beispiel in Kanada der Fall ist. Ein Abbruch dieser Strömung würde die Temperatur-, aber auch die Niederschlagsverhältnisse auf unserem Planeten gehörig durcheinanderbringen. Der tropische Regengürtel in Afrika würde sich beispielsweise um einige hundert Kilometer nach Süden verschieben. Derzeit leben die meisten Menschen in dieser Region in den Regengebieten.

Hässlicheres Gesicht

Ein abrupter Wandel hätte drastische Konsequenzen für sie. Eine weitere Folge der Strömungsänderung wäre ein plötzlicher Anstieg des Meeresspiegels um bis zu einem Meter im Nordatlantik, zusätzlich zur Meeresspiegelsteigerung von fünfzig bis hundert Zentimetern, mit der wir angesichts schmelzender Eismassen auch in Alpen, Rocky Mountains und im Himalaja ohnehin rechnen müssen. Hunderte Millionen Menschen leben unterhalb des erwarteten neuen Meeresspiegelniveaus. Ballungsgebiete wie Schanghai würden vermutlich stark beeinträchtigt.

Mögliche Überraschungen gibt es viele, wie unsere Grafik zeigt. So sorgt Staub aus der afrikanischen Bodele-Senke dafür, dass die Biosphäre im tropischen Atlantik und im Amazonas mit Nährstoffen versorgt wird. Der Klimawandel könnte diese Quelle versiegen lassen. Das gewohnte Gesicht unserer Erde wird bei ungebremster globaler Erwärmung nicht so bleiben, wie wir es kennen. Wahrscheinlich wird es hässlicher, im schlimmsten Fall sogar entstellt sein.

Die nächste Frage des FAZ.NET-Spezials zum Klimawandel „Warum müssen wir die Emissionen halbieren?“ finden Sie in Kürze auf FAZ.NET.

Quelle: F.A.Z., 02.03.2007, Nr. 52 / Seite 39

 
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