07.03.2007 · An der Leipziger Strombörse fallen die Preise für Emissionsrechte ins Bodenlose. Für den Klimaschutz ist das egal. „Es ist schlichtweg keine Knappheit im Markt“, sagt Fachmann Steffen Sacharowitz.
Von Christian Geinitz, LeipzigDer Handel mit Emissionsrechten hat den Preissturz, wie er derzeit die Aktienbörsen verunsichert, schon hinter sich. Im April und Mai vergangenen Jahres fiel der Preis für die Berechtigung, eine Tonne Kohlendioxid auszustoßen, innerhalb weniger Wochen ins Bodenlose. Im Spotmarkt der Deutschen Strombörse EEX in Leipzig, die mit diesen Zertifikaten handelt, brach der sogenannte Carbon-Index Carbix von 30 auf 9 Euro ein. Bis heute ist der Carbix auf 92 Cent gefallen, vor zwei Wochen waren es sogar nur 66 Cent. Seit der Einführung des Zertifikatehandels im Januar 2005 war es noch nie so billig, die Umwelt zu belasten.
Der Absturz hat einen einfachen Grund. Im Frühling war bekanntgeworden, dass die einzelnen EU-Mitgliedstaaten ihrer Wirtschaft für 2005 deutlich mehr Verschmutzungsrechte zugestanden hatten, als die Kraftwerke oder Industriebetriebe tatsächlich benötigten. Allein in Deutschland belief sich der Überhang auf 4 Prozent oder 20 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Insgesamt waren in der EU nach neuesten Zahlen fast 100 Millionen Zertifikate mehr abgegeben worden als benötigt, für 2,1 statt 2 Milliarden Tonnen Kohlendioxid.
Freie Rechte verkaufen - zusätzliche Rechte erwerben
Wenngleich umweltpolitisch motiviert, folgt die Preisfindung auch im Zertifikatehandel den Marktgesetzen. Jedem Kohlendioxid ausstoßenden Unternehmen billigen die Behörden eine bestimmte Emissionsmenge zu. Gibt der Betrieb eine geringere Menge des wichtigsten Treibhausgases ab, kann er die freien Rechte verkaufen, emittiert er mehr, muss er zusätzliche Rechte erwerben; Verstöße werden mit etwa 40 Euro je Tonne geahndet, zuzüglich des nachträglichen Rechteerwerbs. Lange hatte es geheißen, die Zertifikate seien knapp bemessen, weshalb die Unternehmen gut daran täten, sich ausreichend Lizenzen zu sichern. Das hatte den Kurs in Leipzig und anderswo in die Höhe getrieben. Sobald aber klar wurde, dass das Angebot die Nachfrage deutlich überstieg, brachen die Preise ein.
„Es ist schlichtweg keine Knappheit im Markt, deswegen rauschen die Preise in den Keller“, sagt Steffen Sacharowitz, Emissionsfachmann im Berliner Analysehaus Energy Brainpool. „Wir erwarten, dass die Kurse bis zum Ende der ersten Handelsphase am Boden bleiben.“ Die erste Phase läuft seit 2005 und endet am 1. Januar 2008, wenn die zweite, bis 2012 dauernde beginnt. Die für den ersten Abschnitt erworbenen Rechte dürfen die Unternehmen nicht übertragen, weshalb sie von 2008 an wertlos werden. Das drückt den Preis zusätzlich.
Spekulationen gewitzter Großanleger
In der Branche richtet sich das Augenmerk längst auf die zweite Verpflichtungsperiode. Das lässt sich ebenfalls in Leipzig an der EEX ablesen, wo am Terminmarkt die Emissionsberechtigungen - im Fachjargon EUA abgekürzt - der Zukunft gehandelt werden. Während die noch in dieser Handelsperiode angesiedelte Emissionsberechtigung („Future 2007“) gerade einmal 0,98 Euro je EUA erreicht, ist der Kontrakt für das kommende Jahr 14,69 Euro wert. Manche Beobachter, etwa die Experten der Investmentbank Dresdner Kleinwort, erwarten einen Preisanstieg auf gut 20 Euro und damit ähnliche Stände wie zu den Hochzeiten des Zertifikatehandels 2005.
Das hängt mit Spekulationen gewitzter Großanleger im Markt zusammen, vor allem aber mit der deutlichen Verringerung der Zertifikate in der kommenden Periode. Ihre Menge legt die EU-Kommission auf Basis der Nationalen Allokationspläne (Nap) der Mitgliedstaaten fest. Dabei feilschen die einzelnen Regierungen kräftig mit Brüssel, um für ihre Industrie möglichst viele Verschmutzungsrechte herauszuholen. Vor kaum vier Wochen musste die Bundesregierung deutliche Abstriche hinnehmen, weil die in ihrem „Nap II“ für 2008 bis 2012 beantragten Zertifikate der Kommission zu hoch erschienen.
Gabriel: „Gute Botschaft für den Klimaschutz“
Statt der gewünschten 465 Millionen Tonnen Kohlendioxid im Jahr darf die deutsche Industrie künftig nur 453 Millionen in die Luft entlassen; ursprünglich hatte Berlin sogar 482 Millionen Tonnen gewünscht. „Die Reduktion ist auch eine Folge der Überallokation in der ersten Periode, als sich die nationalen Regierungen im Sinne der Industrie durchsetzen konnten“, sagt Sacharowitz. Deutschland hatte damals 494 Millionen Tonnen zugestanden bekommen, aber nur 474 Millionen gebraucht. Dass Berlin diesmal einknickt, ist zudem ein Zugeständnis an die EU, die Deutschland bei höheren Abgas-Obergrenzen für Autos entgegengekommen ist.
Die Rücknahme der Ausstoßrechte stößt auf vehemente Kritik in der deutschen Industrie und bei den Kraftwerksbetreibern. Während Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) darin eine „gute Botschaft für den Klimaschutz“ sieht, hält der Präsident des Industrieverbands BDI, Jürgen Thumann, „die nochmalige Verschärfung der Eckdaten für nicht nachvollziehbar und die Einigung mit der EU-Kommission unverständlich“.
„Reduktionsziele erreicht“
Die Wirtschaftsvereinigung Stahl nennt die Einigung „eine einzige Enttäuschung“, und der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Verbands der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), Roger Kohlmann, spricht gar davon, dass „dem Wirtschaftsstandort Deutschland ein noch nicht absehbarer wirtschaftlicher Schaden zugefügt wird. Die Zeche werden die Verbraucher und die Wirtschaft zahlen.“ Die Kürzung des Budgets senke nicht die Emissionen, sondern erfordere einen höheren Rechtezukauf im EU-Ausland, was die Zertifikatspreise und damit die Kosten der Unternehmen hochtreibe.
Für den Umweltschutz sind die Zertifikatspreise freilich gleichgültig. Im Einklang mit den Vorgaben der Klimakonferenz von Kyoto legt die EU sinkende Obergrenzen des Kohlendioxidausstoßes fest, die sich in entsprechend sinkenden Emissionsberechtigungen niederschlagen. Entscheidend sei nicht, was diese kosteten, sondern allein, dass sie nicht überschritten würden, sagt Rainer Baake, früherer Umwelt-Staatssekretär und einer der Väter des Emissionshandels in Deutschland. „Klimapolitisch ist der Handel ein großer Erfolg, weil die Reduktionsziele nach Jahren des Emissionsanstiegs erreicht werden.“
Unentgeltliche Zertifikate an die Unternehmen
Den Preisverfall führt Baake - heute Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe - auf die Unerfahrenheit der Marktteilnehmer zurück, die in Unkenntnis des wirklichen Bedarfs zunächst zu viele Rechte nachgefragt oder zurückgehalten hätten. Intern rechneten die Energieversorgungsunternehmen mit 3 bis 6 Euro je Tonne. Dieser Preis spiegele die Vermeidungskosten in der ersten Handelsperiode wider, also die nötigen Investitionen, um den Ausstoß entsprechend zu mindern.
Baake und andere Naturschützer fuchst, dass die EU-Kommission auch für die zweite Emissionsrunde die Zertifikate unentgeltlich an die Unternehmen verteilt - je nach Bedarf der Technologien, nicht gemäß ihrer Umweltbilanz. Da etwa Kohlekraftwerke doppelt so viel Kohlendioxid je Kilowattstunde emittierten wie Gaskraftwerke, erhielten sie auch doppelt so viele Verschmutzungsrechte. Ökologischer wäre es, so Baake, die Zertifikate zu versteigern. „Dann gäbe es einen echten Anreiz, möglichst wenig Kohlendioxid je Kilowattstunde in die Luft zu blasen.“ Eine solche Auktion lässt das EU-Recht erst für 10 Prozent der Emissionsrechte zu. Immerhin: Für Deutschland wären das 45 Millionen Tonnen im Jahr.
Christian Geinitz Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.
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