http://www.faz.net/-gwz-81vm9

El Niño auf der Kippe : Was braut sich da zusammen?

Wie Sie sehen, sehen Sie nicht viel: Die Verteilung der absoluten Ozean-Temperaturen Anfang April verrät El Nino kaum. Erst wenn man die Anomalien (von derzeit bis plus 1 Grad) in einzelnen Pazifikregionen genauer betrachtet, findet man Spuren der Anomalie. Bild: NOAA

Dürre in Südostasien, Überflutung in Bolivien – die Klimaanomalie El Niño schlägt zu. Die Frage ist: Kommt es noch schlimmer? Im Netz wird wild spekuliert, die Experten schwanken. Für sie steht einiges auf dem Spiel.

          Seit einem Monat lungert das Monster im Pazifik. Oder sagen wir: Noch ist es ein Mönsterchen. Lange war es erwartet worden: El Niño, die Klimaanomalie, die alle paar Jahre ihren Ausgang im Pazifik nimmt und von dort aus das Wetter rund um den Globus verändert: Dürren, Überflutungen, Taifune - El Niño, „das Christkind“, hat in extremen Jahren wie 1998 schon mal den gesamten Temperatur- und Feuchtigkeitshaushalt des Planeten ins Wanken gebracht. Die aktuelle Vorhersage der amerikanischen Klimabehörde NOAA spricht von einer 70-Prozent-Chance, dass das Phänomen den Sommer überdauert. Die meisten Computermodelle (siehe Grafik)  prophezeien in den kommenden Wochen eine Verstärkung der Warmwasseranomalie.

          Aktuelle Vorhersage des North American Multi-Model Ensemble (NMME) zur Temperaturentwicklung im zentralen Pazifik.
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ursache dafür ist eine massive Erwärmung im tropischen Pazifik, eine Art Meeresschaukel mit Überhitzungspotential: Auslöser sind die nachlassenden Westwinde im Pazifik. Normalerweise sorgen sie dafür, dass das Oberflächenwasser vor die asiatische Küste getrieben wird und sich dort meterhoch türmt; gleichzeitig strömt dadurch das kalte, nährstoffreiche Tiefenwasser des Humboldtstroms vor der südamerikanischen Küste nach oben. Mit El Niño ist es damit vorbei. Der Pazifik erwärmt sich unter seinem Regiment massiv, ebenso die Luft darüber, zusätzliche Energie wird über die atmosphärischen Strömungen rund um den Erdball getragen. im März hat man - erstmals seit 1998 wieder - eine starke Westwindanomalie beobachtet, die anderthalb Wochen angedauert und viel warmes Wasser vor die amerikanische Küste getrieben hat.

          Die Karte, die Anfang März zur offiziellen Meldung führte: El Nino ist da!

          Wie in der Karte der amerikanischen Nationalen Atmosphären- und Ozeanforschungsbehörde (NOAA) zu sehen, war der tropische Pazifik schon Anfang März deutlich wärmer als sonst. Am 5. März erklärte man offiziell die Ankunft von El Niño. Das war, vorsichtig formuliert, Expertenrettung in letzter Not. Denn schon Monate, ja Jahre vorher gingen die Klimaforscher und Meteorologen, die sich um die „Jahreszeiten-Vorhersagen“ kümmern, mit immer neuen El-Niño-Warnungen an die Öffentlichkeit. Fast immer war es Fehlalarm. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme: Ein Forscherteam um Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut sowie Physikerkollegen der Universitäten Gießen und Tel Aviv haben mit einer neuen Netzwerkanalyse von Lufttemperaturen schon vor einem Jahr die Genese des aktuellen El Niños prognostiziert.

          Dürre auf den Philippinen. Ein Farmer am Rande der Stadt Molino.

          Noch scheint der Klimagemeinde das neue „Christkind“ allerdings nicht ganz geheuer zu sein. Auf Twitter kann man derzeit verfolgen, wie quasi jede Bewegung des Warmwassers im Pazifik registriert wird. Die meteorologischen Bedingungen für ein weiteres Anwachsen der Temperaturen waren zuletzt tatsächlich selten so gut wie in diesem Frühjahr. Im Netz liest man auch schon von einem möglichen „Rekord-El-Niño“ und der Möglichkeit, dass 2015 dank der Klimaanomalie zum heißesten Jahr der jüngeren Klimageschichte werden könnte. Wie viel davon aber Wunsch oder Wirklichkeit ist, lässt sich immer noch nicht sagen. Mancher der Netzpropheten jedenfalls dürfte ein Wetterchaos, wie es 1998 in großen Teilen der Welt herrschte, angesichts des im Winter anstehenden Weltklimagipfels als durchaus passend empfinden. Bis jetzt ist freilich nicht einmal sicher, ob El Niño mehr als ein paar Monate durchhält. Auf 60 Prozent, so schätzen die Klimaforschungsinstitute weltweit, wird die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass El Niño bis zum Ende des Jahres anhält. Das ist in etwa der statistische Bereich, der bei El-Niño-Prognosen Standard geworden ist. Mit anderen Worten: Eher also unsicher.

          Weitere Themen

          Die Last mit der Last

          Menschen mit Übergewicht : Die Last mit der Last

          Übergewicht hat viele Folgen – körperlich wie geistig. Oft helfen nur noch chirurgische Eingriffe mit all ihren Konsequenzen. Kann politischer Druck Abhilfe schaffen?

          Die Neu-Vermessung der Welt Video-Seite öffnen

          Physik : Die Neu-Vermessung der Welt

          Das physikalische Bezugssystem, mit dem wir die Welt vermessen, wird überarbeitet. Es bekommt ein neues, besonders stabiles Fundament.

          Wettkampf der Tiefseedrohnen Video-Seite öffnen

          3000 Meter unter Wasser : Wettkampf der Tiefseedrohnen

          Die Menschheit weiß viel zu wenig über die Tiefsee. Darum schickt der Forscher Gunnar Brink eine Armada von Tauchdrohnen los. Doch der Weg zum Finale einer Millionen-Ausschreibung ist hart.

          Topmeldungen

          Alice Weidel lehnt einen Rücktritt wegen der illegalen Spenden ab.

          Geld aus der Schweiz : Weidel bezahlte Wahlkämpfer mit Spende

          Alice Weidels Sprecher bestätigt die bewusste Verwendung des Geldes. Die illegale Spende soll für die Finanzierung von Facebook-Likes und für einen Medienanwalt genutzt worden sein.
          Italiens Vize-Ministerpräsident Luigi Di Maio geht in der Haushaltspolitik auf Konfrontationskurs mit der EU.

          Schuldenstreit mit der EU : Italien bleibt stur

          Die italienische Regierung weicht nicht von ihrer Haushaltspolitik ab. Nach Ablauf einer Frist am Dienstagabend droht Rom nun ein Verfahren der EU-Kommission.

          Brexit-Verhandler einigen sich : „Der weiße Rauch steigt auf“

          In den Verhandlungen um ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU haben die Unterhändler einen wichtigen Durchbruch erzielt. Während EVP-Chef Weber den Verhandlungserfolg feiert, äußert Boris Johnson scharfe Kritik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.