12.12.2009 · Holland geht unter, und ihr fahrt Auto! Schon in der ersten Klasse werden unsere Kinder mit der Klimakatastrophe konfrontiert. Völlig außer acht gelassen wird dabei, welch erschreckende Reaktionen das bei ihnen auslösen kann.
Von Sandra KegelUnser Sohn ist gerade sechs Jahre alt geworden und hat keine Ahnung, wer Angela Merkel ist. Aber mit CO2 kennt er sich aus. Weder über die eine noch über das andere hatten wir Eltern mit ihm gesprochen. Wir dachten: Alles zu seiner Zeit. Doch spätestens seit er zur Schule geht, seit ein paar Wochen also, ist es vorbei mit der kindlichen Ahnungslosigkeit. Nun lernt er nicht nur Lesen und Schreiben, er weiß auch sehr viel über Treibhausgase, Erderwärmung und schmelzende Polkappen.
Anfangs dachten wir, es handle sich um aufgeschnappte Schlagwörter. Bis er sich eines Morgens weigerte, in den Wagen einzusteigen. Die Schule fing gleich an, wir waren spät dran, der Erstklässler aber blieb standhaft: „Holland geht unter, und ihr fahrt Auto!“. Freilich schien mit unserer Umweltsünde auch der kleine Pinguin, auf den alle Schüler erpicht sind, in unerreichbare Ferne zu rücken; denn nur wer morgens zu Fuß zur Schule geht, was täglich im Laufbuch abgestempelt wird, darf sich am Ende als Lohn für die positive Klimabilanz die Pinguinnadel ans Revers heften.
Dass vor der Klimakatastrophe und ihren Folgen nicht oft genug gewarnt werden kann - geschenkt. Aber muss man damit schon bei den Allerkleinsten anfangen? Anders als wir nehmen Kinder die Natur tatsächlich als etwas Lebendiges wahr. Sind Bäume oder Tiere in Gefahr, leiden sie. Wer einmal in ihrer Gegenwart auch nur einen dürren Strauch abgeschnitten oder eine Wespe erledigt hat, weiß, welch erschreckende Reaktionen das bei Kindern auslösen kann.
Ist die Erde noch zu retten?
Mit diesem Effekt kalkulieren nun immer mehr Verlage und schielen in der Wahl ihrer Bildsprache nicht groß nach Originalitätspreisen: Die ewig traurigen Eisbäraugen auf den vielen Kinderbüchern zum Klimawandel sind kaum noch zu zählen - nicht nur auf dem Cover des neuen Kinder-„Spiegel“ steht ein Eisbärkind allein auf einer schmelzenden Eisscholle. Denn während die Regale der Buchhandlungen sich unter immer neuen Publikationen biegen, die das Klimawissen der Siebenjährigen mit immer beunruhigenderen Fakten füttern, ist die gute Sache, der sich die Verlage verschrieben haben, vom guten Geschäft nicht zu trennen. „Klimawandel: Ist die Erde noch zu retten?“ heißen die Bücher, die sich an Schukinder richten, „Die Erde, der bedrohte Planet“, „Gibt es bald keine Eisbären mehr?“ oder „Rette die Erde: Kleine Taten - große Wirkung“. Wem das zu avanciert ist, der greift als Sechsjähriger eben zum Pixi-Buch „Klima und Klimawandel“, und die Vierjährigen dürfen sich „Globi und der Polarforscher“ oder „Flocke“ vorlesen lassen.
Beim bloßen Rezipieren soll es natürlich nicht bleiben, und „Flockes“ mediale Umwidmung zeigt das geradezu exemplarisch: Nachdem es nicht geklappt hat, das Nürnberger Eisbärmädchen zu Knuts weiblichem Pendant aufzubauen, dient es jetzt als Problembärin. „Flocke und die Welt der Eisbären“ heißt das Bilderbuch mit der Bärin als „Botschafterin des Klimaschutzes“. „Nur wer informiert ist, kann sich aktiv für Umwelt- und Artenschutz einsetzen“, wirbt der Verlag für sein Produkt, womit freilich nur die Eltern gemeint sein können, die ihren Vierjährigen solche Geschichten vorlesen, an deren Ende garantiert keine guten Fee erscheint, um die Sache wieder zurechtzuzaubern. Eltern, die offenbar wachgerüttelt werden sollen, weil man ihnen außer Mülltrennen keine großen ökologischen Sprünge mehr zutraut. Die ins Auto steigen, Pinguinkartenwettbewerbe vereiteln und beim Zähneputzen das Wasser laufen lassen.
Eine Frage der Vermittlung
Eine zweischneidige Sache: Denn während man Kinder in all diesen Bedenken ja durchaus ermutigen möchte, tun wir ihnen keinen Gefallen, wenn wir sie als Verkünder unangenehmer Wahrheiten einsetzen. Vor allem aber ist die Respektierung des kindlichen Erfahrungshorizonts nicht nur eine Frage ebendes Respekts, sondern auch eine Notwendigkeit, wenn es um spezifische Ängste und Verunsicherung geht, mit denen Erwachsene umgehen können, Kinder aber nicht.
Es ist eine Frage der adäquaten Vermittlung: Worte wie Luftverschmutzung, Artensterben und Wassermangel sind Schülern aus Deutschland vertrautes Vokabular. Während sie beim Pisa-Test im Jahr 2000 besonders schlecht abgeschnitten haben, sind sie bei der im April veröffentlichten Pisa-Sonderauswertung zur Umwelt ganz vorn gelandet. Ökologische Zusammenhänge freilich können die wenigsten erklären und auch nicht den Anstieg etwa von Treibhausgasemissionen in der Atmosphäre. Dieses Nebeneinander von Wissen und Unwissen trägt keinesfalls zur individuellen Zufriedenheit bei, im Gegenteil: In die Zukunft schauen die deutschen Schüler viel pessimistischer als ihre Mitschüler aus anderen OECD-Nationen.
Schulkinder müssen die Wahrheit ertragen lernen - dazu muss man sie ihnen allerdings sorgfältiger erklären als durch Schlagworte und Drohkulissen. Den Kleinsten jedoch sollten wir zuerst die Natur in ihrer ganzen Kostbarkeit zeigen, ehe wir davon erzählen, dass wir gerade dabei sind, diese zu zerstören. Das lernen sie früh genug.