06.12.2009 · Verzicht auf Wegwerf-Stäbchen und milde Töne vor Kopenhagen: Die Chinesen sehen den Klimaschutz inzwischen als Notwendigkeit, um nicht unterzugehen. Schanghai könnte genau das nämlich im wahrsten Sinne des Wortes drohen.
Von Till Fähnders, SchanghaiDas Wolkenkratzer-Panorama im Schanghaier Finanzdistrikt Pudong ist Chinas Symbol für den Aufstieg zur Wirtschaftsmacht. Wegen Schanghais geographischer Nähe zum Ostchinesischen Meer und der Lage am Ufer des Jangtse stehen die Hochhäuser aber auch für etwas anderes: die möglichen Auswirkungen des Klimawandels. Denn Pudong und einige andere Stadtgebiete drohen bei einem signifikanten Anstieg des Meeresspiegels zu versinken. Die Stadt „über dem Meer“ (wie Schanghai oft übersetzt wird) liegt in Wirklichkeit nur knapp darüber - teilweise bloß 2,5 Meter über „Normalnull“. Schanghai erwägt deshalb eine Erhöhung der Dämme, den Bau von zusätzlichen Schleusentoren und die Verstärkung von Ufermauern. Wissenschaftler erörtern auch die Errichtung einer Barriere dort, wo der Fluss Huangpu, der durch die 20-Millionen-Metropole fließt, in den Jangtse mündet.
Schanghai ist nur ein Grund, weshalb China den Klimaschutz mittlerweile als Notwendigkeit ansieht. Der Klimawandel sei eine Herausforderung, die alle Länder betreffe, sagte Staatspräsident Hu Jintao im September vor den UN. Doch Peking steckt in einem Dilemma. Denn zum einen schmelzen in Tibet die Gletscher, trocknen Seen aus oder treten Flüsse über die Ufer. Zum anderen fürchtet die Regierung in Peking, dass sich ein beherztes Eingreifen gegen die Emissionen negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken könnte. Denn die schnelle wirtschaftliche Entwicklung ist das Argument, mit dem die Kommunistische Partei ihre Herrschaft legitimiert. Sie fürchtet soziale Unruhen, wenn sich die Konjunktur auf weniger als acht Prozent Wachstum pro Jahr verlangsamen sollte.
Kurz vor Kopenhagen wird die Regierung milde
Die Einsicht, dass Wachstum um jeden Preis vielleicht nicht der beste Weg ist, findet in der Bevölkerung gleichwohl mehr und mehr Verbreitung. „Wir müssen die Kosten des Wirtschaftswachstums bedenken. Wirtschaftsentwicklung und Konsum sind kein Allheilmittel“, sagt zum Beispiel die junge Fotografin Wu Jie. Doch den meisten Chinesen fehlt es immer noch an Umweltbewusstsein, wie die 28 Jahre alte Doktorandin Wang Shuting findet. Bis vor kurzem war auch der Klimawandel noch kaum ein Thema. Doch nun haben angeblich 500.000 Menschen eine Kampagne unterschrieben, die zu einem „kohlenstoffarmen“ Lebensstil aufruft. Ein umweltbewusstes Leben werde jetzt „modisch“, schrieb die Zeitung „China Daily“. Die 30 Jahre alte Wu Jie sagt, sie verzichte schon auf Essstäbchen zum Wegwerfen und spare Strom und Wasser.
Die Regierung hat sich ebenfalls nach und nach von ihrer harten Haltung verabschiedet. Kurz vor dem Klimagipfel in Kopenhagen hat sie endlich eigene Klimaziele veröffentlicht. Für jeden erwirtschafteten Yuan des Bruttoinlandsprodukts will China im Jahr 2020 insgesamt 40 bis 45 Prozent weniger Kohlendioxid ausstoßen als im Jahr 2005. Nach Ansicht von Umweltschützern und EU-Politikern ist das aber zu wenig, um die Erderwärmung wie angestrebt auf höchstens zwei Grad zu begrenzen. Denn China ist der größte Produzent von Kohlendioxid in der Welt. Hier wird ein Fünftel der Treibhausgase in die Luft geblasen. Chinas Klimaziele gehen aber nicht einmal über das hinaus, was das Land durch schon beschlossene Maßnahmen ohnehin erreichen will. Die Emissionen werden weiter zunehmen, der Anstieg wird lediglich verlangsamt.
Peking glaubt, nun genug zu tun
China mache „business as usual“, schimpfen deshalb die Kritiker. Peking ist dagegen der Meinung, genug zu tun. Es sieht zuerst die Industrieländer am Zug. „Sie haben ihre Entwicklung schon hinter sich und die Luft verpestet, ohne dafür zu bezahlen“, sagt Wu Jie. Dabei wird die Tatsache, dass sich die Erde erwärmt, in China nicht bestritten. Die Frage ist nur, welche Folgerungen gezogen werden. Der Direktor des staatlichen Wetteramts, Zheng Guogang, ist der Meinung, China solle sich stärker auf den Klimawandel einstellen, anstatt sich nur auf dessen Verhinderung zu konzentrieren. „Für ein großes Entwicklungsland wie China ist es realistischer und dringlicher, sich den neuen Umständen anzupassen, als zu versuchen, den Prozess zu verlangsamen“, zitierte die „South China Morning Post“ aus einem seiner Artikel. Der Meteorologe warnt, dass die Erderwärmung eine verheerende Wirkung auf den Getreideanbau in der Volksrepublik haben könnte.
Dort, wo in Schanghai der kleinere Suzhou-Fluss in den Huangpu mündet, haben Ingenieure schon vor einiger Zeit ein sechs Meter hohes Schleusentor aufgebaut. Es soll Teile der Stadt vor Überschwemmung schützen und den Zufluss zu den Kanälen Schanghais regeln. Bis 2039 könnte der Meeresspiegel in China um bis zu 130 Millimeter ansteigen, wie die „China Daily“ aus einem Regierungspapier berichtete. „Ein Anstieg um 100 Millimeter in 30 Jahren hört sich für die meisten Leute wohl nach sehr wenig an“, sagte Kang Jiancheng von der Pädagogischen Hochschule in Schanghai der Zeitung. „Aber es könnte sich im Falle einer Sturmflut oder eines Taifuns als katastrophal erweisen.“ Wenn China auch beim Klimaschutz vorankommen will, muss es vor allem seine Abhängigkeit von der Kohle einschränken. Die Regierung fördert deshalb die erneuerbaren Energien. Bis 2020 soll deren Anteil am Gesamtaufkommen auf 15 Prozent erhöht werden. China ist schon heute einer der führenden Hersteller von Solarzellen. Bei der Windenergie-Kapazität liegt die Volksrepublik an vierter Stelle in der Welt. Fachleute sind zuversichtlich, dass China den wirtschaftlichen Nutzen und auch die ökonomische Notwenigkeit des Klimaschutzes schon erkannt hat.
In Schanghai wird sich 2010 die Weltausstellung um Nachhaltigkeit, umweltfreundliche Stadtentwicklung und Energieeffizienz drehen. Das Gelände der Expo am Huangpu soll aus diesem Grund ganz ohne Emissionen auskommen. Die Stadt wird sich ihrer - allerdings nur sehr langfristig - bedrohlichen Lage langsam bewusst. Denn hinzu kommt, dass in Schanghai der Grundwasserspiegel sinkt und die Millionen Tonnen schweren Hochhausbauten den Untergrund belasten. Der Boden sackt deshalb jedes Jahr um mehr als einen Zentimeter ab.