02.03.2007 · Was für Folgen hätte eine Erderwärmung um fünf Grad? Lässt sich der Klimawandel noch vermeiden? Welche Fehler macht die Autoindustrie? Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, beantwortet drängende Klimafragen im F.A.Z.-Interview.
Hans Joachim Schellnhuber, der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) dirigiert ein breites Feld von Forschungsthemen, das von der Physik der Atmosphäre bis zum Verbraucherverhalten im Supermarkt reicht. Der Physiker hat das Institut seit 1991 aufgebaut und als einen führenden Ratgeber für Politik und Wirtschaft profiliert. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihn für die deutsche Doppelpräsidentschaft des EU-Rats und der G8 zum wissenschaftlichen Chefberater der Bundesregierung ernannt. (F.A.Z.)
Herr Schellnhuber, gewarnt wird vor dem Klimawandel schon lange, aber erst seit kurzem beschäftigen sich Staatschefs und Vorstandsvorsitzende intensiv mit Risiken, Gegenmaßnahmen, Anpassungsstrategien. Woran liegt das?
Es hat zuerst eine Reihe von Naturerscheinungen gegeben, wie den Hitzesommer 2003 und den Hurrikan Kathrina, die man zumindest statistisch mit der globalen Erwärmung verknüpfen kann. Dann ballten sich mehrere gesellschaftliche Ereignisse mit großer Wirkung: Al Gores Film hat zu einem Bewusstseinswandel beigetragen, das weiß ich von vielen Entscheidungsträgern persönlich; der Bericht des britischen Regierungsberaters Sir Nicholas Stern hat Ökonomen die Augen geöffnet; und der IPCC-Bericht von Anfang Februar hat wissenschaftlich denkende Menschen überzeugt.
Das erklärt aber noch nicht, warum die mächtigen Industrienationen der G8 den Klimawandel aufgreifen.
Entscheidend für das Interesse auf höchster Ebene dürfte letztlich die Frage der Energiesicherheit sein, die aber eng mit der Klimafrage zusammenhängt: Eine Zivilisation, die zugleich eine massive Erderwärmung und Verteilungskämpfe um fossile Brennstoffe bewältigen müsste, ist auch für Politiker und Vorstandsvorsitzende eine Schreckensvorstellung. Der Klimawandel würde das Leben besonders in jenen Ländern unerträglich machen, die uns schon jetzt als Ursprungsorte des Terrorismus erhebliche Probleme bereiten. Man kann also Klimaschutz als Unterkapitel der Geopolitik begreifen und muss gar kein Umweltfan sein, um das Thema ernst zu nehmen.
Und wenn der Ölpreis wieder sinkt, ist die Aufregung vorbei?
Ich glaube, dass nunmehr eine Sensibilisierungsmauer durchbrochen ist und das Thema nicht mehr verdrängt werden kann.
Der Bericht des Weltklimarats IPCC beziffert die Gewissheit, dass die beobachtete Erwärmung auf den Menschen zurückgeht, mit „mindestens neunzig Prozent“. Wissenschaftler haben sich aber schon mehrfach geirrt, man denke nur an die Warnungen vor einem Waldsterben oder einem Computercrash am 1.1.2000, die sich beide nicht bestätigt haben.
Wenn es im IPCC allein nach den beteiligten Wissenschaftlern gegangen wäre, hätte man die Gewissheit wohl sogar auf 95 Prozent beziffert. Dass es fünf Prozent weniger wurden, haben manche der im IPCC vertretenen Regierungen durchgesetzt. Unredlich wäre es hingegen, von hundert Prozent zu sprechen, denn wir verstehen manche Zusammenhänge im Klimasystem immer noch nicht: Warum, zum Beispiel, sind die atmosphärischen Kohlendioxid-Konzentrationen während der letzten Eis- und Warmzeiten immer innerhalb einer bestimmten Bandbreite geblieben? Andererseits sind unsere Modelle in vielerlei Hinsicht belastbar, und es gibt keine alternative Erklärung dafür, warum sich die Erde in diesem Ausmaß und in dieser Verteilung erwärmt.
Welche Phänomene müsste man beobachten, um die Erderwärmung auf natürliche Ursachen zurückführen zu können?
Da gibt es viele Spekulationen. Man müsste zum Beispiel einen mit Faktor Tausend oder Zehntausend verstärkenden Zusammenhang zwischen Sonnenwinden und Atmosphärentemperatur finden oder tektonische Veränderungen mit massiven Auswirkungen auf die biogeochemischen Kreisläufe. Wir haben aber diesbezüglich nichts Schlüssiges auf dem Tisch - für die aktuellen Beobachtungen gibt es keine andere plausible Erklärung als den Einfluss den Menschen.
Viele Menschen fragen sich, warum die Wettervorhersage oft für den übernächsten Tag falsch liegt, aber Klimaforscher die Temperaturen am Ende des Jahrhunderts kennen wollen.
Wir sagen eben nicht Regenwetter oder Sonnenschein am 3. März 2099 voraus, sondern das Klima am Ende des Jahrhunderts. Klima ist eine statistische Mittelung über größere Zeiträume und wir können mit unseren Modellen inzwischen viele Mittelwerte genau vorausberechnen. Je leistungsfähiger unsere Computer werden, desto näher kommen wir sogar an ein integriertes globales Klimasystemmodell heran, das eine Auflösung von einem Quadratkilometer hat.
Der IPCC-Bericht nennt eine Erwärmung zwischen ein und fünf Grad im Lauf des Jahrhunderts. Das hört sich nicht nach viel an, was verbirgt sich also dahinter?
Vier bis fünf Grad globale Mitteltemperatur, das ist der Unterschied zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit. Wenn man fünf Grad abzieht, reichen die Gletscher bis Berlin. Wenn man fünf Grad addiert, wissen wir nicht wirklich, was passieren würde, aber möglicherweise wären wir dann außerhalb des Bereiches, in dem das Klimasystem der Erde sich immer wieder selbst stabilisiert. Dann träten vielleicht noch unbekannte Wechselwirkungen in Aktion, und alles könnte aus dem Ruder laufen. Regional betrachtet würde mit großer Wahrscheinlichkeit der komplette Mittelmeerraum zur Wüste und sich eine Steppe bis zur Ostsee erstrecken. Das komplette Abschmelzen des Grönlandeises, der Kollaps des Amazonasregenwaldes und ein globales Korallensterben wären dann schon fast garantiert.
Klimaforscher halten eine Halbierung der Treibhausgasemissionen bis 2050 für erforderlich. Ist das realistisch und ohne Wohlstandverluste machbar?
Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die weltökonomische Gesamtrechnung, zum Beispiel von Sir Nicholas Stern, zeigt, dass nur durch diese Maßnahme starke Wohlstandsverluste abgewendet werden können. Für die direkten Vermeidungskosten etwa bei der Stromerzeugung belegen neuere Studien, dass in der Tat moderate Zusatzbelastungen auf die Wirtschaft in den nächsten Jahrzehnten zukämen, die aber durch die gleichzeitig in Schwung kommende industrielle Revolution überkompensiert würden. Wer langfristiges Wachstum will, wächst klimafreundlich.
Was ist die richtige innere Haltung zum Klimawandel? Viele Menschen haben Angst oder sie lehnen Warnungen als Alarmismus ab.
Die Reaktionen reichen von Resignation bis zum Hass gegenüber den Klimaforschern, die einem das Leben „schlecht“ reden. Ich bin aber der Meinung, dass wir in der Lage sind, einen unbeherrschbaren Klimawandel noch zu vermeiden und unsere Zivilisation auf die inzwischen unvermeidliche Erwärmung vorzubereiten. Deshalb lehne ich Fatalismus oder Verdrängung ebenso ab wie Alarmismus. Taten sind gefragt, denn wir brauchen nichts weniger als eine Dritte Industrielle Revolution. Es ist ja ein fast unglaublicher Zufall, dass die Menschheit in diese Klimakrise stürzt, aber gleichzeitig die Mittel in der Hand hält, die Krise vorherzusehen und zu lösen! Man stelle sich vor, wir hätten fossile Brennstoffe genutzt, aber keine ausgefeilten Messinstrumente, Satelliten, Supercomputer besessen, um die Warnzeichen zu verstehen. Es gibt eigentlich keinen Grund, warum die Computerrevolution ausgerechnet dann stattfinden musste, als wir auf billiges Öl gestoßen sind. Ist da etwa eine „höhere“ Macht im Spiel?
Die deutschen Autohersteller haben diese Prüfung, wenn es denn eine sein sollte, noch nicht verstanden. Bei der Autoentwicklung hat der Klimaschutz in Deutschland noch kaum eine Rolle gespielt...
Sarkastisch könnte man sagen, die deutsche Autoindustrie arbeitet am Drei-Liter-Auto, nur leider nicht mit drei Liter Kraftstoffverbrauch, sondern mit drei Liter Hubraum im Flottendurchschnitt. Das wird sich noch als fataler Fehler herausstellen, denn die Verbraucher werden bald nach effizienteren Autos verlangen. Die Nachfrage wird zunächst aus der gehobenen Mittelschicht kommen und dann als Konsumvorbild auf andere Teile der Bevölkerung übergreifen. Wenn sich die deutsche Autoindustrie nicht bald etwas einfallen lässt, wird sie in zehn Jahren nicht mehr wirklich marktfähig sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Amerikaner bald eine Art Apollo-Programm initiieren, um klimafreundliche Technologien zu entwickeln. Dann gibt es in Europa das große Zittern....
Bundeskanzlerin Merkel hat Sie für die Doppelpräsidentschaft von EU und G8 zu Ihrem wissenschaftlichen Chefberater in Klimafragen ernannt. Können Sie in dieser Rolle etwas erreichen?
Die Aussagen, die ich im Namen der Wissenschaft mache, werden zumindest ernst genommen und verstanden, was einer Physikerin besonders leicht fällt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sich auch inhaltlich etwas bewegt. Die Unterstützung durch die Kanzlerin ist groß. Ich plane zum Beispiel für den Herbst 2007 ein Treffen von Nobelpreisträgern aus Chemie, Physik, Ökonomie und anderen Disziplinen in Berlin oder Potsdam zum Klimawandel, um vom höchstmöglichen wissenschaftlichen Niveau aus eine Botschaft an den Weltklimagipfel im Dezember auf Bali zu senden. Frau Merkel hat zugesagt, dabei zu sein und zuhören. Das ist eine ganze Menge.
Der Klimagipfel soll die Grundlagen für einen neuen Vertrag legen, der vom Jahr 2012 an in Kraft tritt und die entscheidende Wende in der Wirtschafts- und Klimapolitik einleitet. Kann der neue Vertrag mehr leisten als der aktuelle?
Es würde keinen Sinn machen, wie 1997 eine Emissionsminderung um wenige Prozent zu beschließen. Die Zeit für Klimakosmetik ist vorbei, es sollen Zahlen herauskommen, die dem dramatischen Zustand des Planeten Rechnung tragen. Dabei muss die EU mit mutigen Reduktionszusagen vorangehen - wer sonst? Dann können die Amerikaner nach der nächsten Präsidentenwahl aufspringen und die Chinesen und Inder ihnen folgen. Ohne glaubhafte und weitgehende Anstrengungen der Industrieländer werden die Schwellenländer sich dem Klimaschutz jedenfalls verweigern.
Haben Sie im Licht Ihrer Erkenntnisse etwas an Ihrem Lebensstil geändert?
Leider geht die erhöhte Nachfrage nach unserem Forschungsgebiet damit einher, dass ich viel mehr fliege als früher. Wir beginnen am Institut nun damit, Reisen durch Beiträge für Klimaschutzprojekte auszugleichen, aber ganz wohl ist mir bei der Vielfliegerei trotzdem nicht. Privat fahre ich ein deutlich sparsameres Auto als früher. Und wir rüsten in den nächsten Jahren unser Haus ökologisch auf.
Service für Schulen
Der Klimawandel betrifft junge Menschen ganz besonders. Sechzehn führende Klimaforscher haben besonders für sie den Stand ihres Wissens im Feuilleton der F.A.Z. zusammengefasst.
Sie geben Antworten auf existentielle Fragen:
- Wie stark wird sich die Erde erwärmen?
- Ist Atomkraft der Ausweg oder eher Bioenergie?
- Wie können wir uns dem Klimawandel anpassen?
Die Wissenschaftsredaktion der F.A.Z dokumentiert, wie Tiere, Pflanzen und Ökosysteme bereits heute auf die Erwärmung reagieren.
Die F.A.Z. stellt die Schwerpunktausgabe zum Klimawandel Schulen in angemessener Stückzahl kostenlos zur Verfügung.
Bestellungen sind unter der Telefonnummer 01802-125212 (6 Cent pro Gespräch aus dem Festnetz) möglich.