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Bio-Treibstoff aus Brasilien : Zuckerrohr und Peitsche

  • -Aktualisiert am

Harte Arbeit: die Zuckerrohrernte Bild: REUTERS

Brasilien ist Vorreiter in der effizienten Verarbeitung von Zuckerrohr zu Treibstoff geworden. Ethanol gilt als besonders umweltfreundlich. Doch der Bio-Treibstoff bringt den Amazonas-Regenwald in Gefahr.

          Wenn die Zuckerrohrernte läuft, wird der Sprit billiger. Für den brasilianischen Autofahrer ist das eine ganz normale Erfahrung. Er hat sich daran gewöhnt, dass er sich an der Tankstelle die Treibstoffpreise besonders genau ansehen muss. Sie schwanken nicht nur stark von Region zu Region, sondern auch von Saison zu Saison. Lohnt es sich, „Alcool“ zu tanken? Oder ist es nicht doch günstiger, Normalbenzin zu zapfen? Oder ein Gemisch aus beidem? Ethanol ist billiger, doch weniger ergiebig. Um sowohl mit herkömmlichem Benzin als auch mit „Alcool comum“ fahren zu können, braucht man in Brasilien ein Auto mit „Flex“-Technik. Dabei fühlt die Elektronik, was sich im Tank befindet und stellt den Motor danach ein.

          Inzwischen kommen fast nur noch „flex fuel cars“ auf den Markt - also gewissermaßen Hybridautos, bei denen nicht ein Verbrennungs- und ein Elektromotor kombiniert sind, sondern Benzin oder eben Ethanol verbrannt werden. Immer stärker setzt sich Ethanol als Ersatz für die teurer werdenden fossilen Treibstoffe durch.

          Besonders umweltfreundlicher Ethanol-Treibstoff

          Brasilien hat früh damit begonnen, petrochemische Produkte als Energiequelle für den Antrieb von Fahrzeugen durch „alkochemisch“ gewonnenen Sprit zu ersetzen. Um sich von der Erdöl-Abhängigkeit zu befreien, wurden die Zuckerrohrbauern schon in den siebziger und achtziger Jahren dazu gebracht, Ethanol - und nicht Zucker - aus dem Zuckerrohr zu gewinnen. Das Land ist Vorreiter in der effizienten Verarbeitung von Zuckerrohr zu Treibstoff geworden. Im April wurden 283,9 Millionen Liter Ethanol exportiert - das sind, wegen des wachsenden Bedarfs in den Vereinigten Staaten, in Schweden und in anderen Ländern, fast doppelt so viel wie im April 2006, als Brasilien 144,3 Millionen Liter ausführte. Sogar das Erdölland Venezuela will nun aus Brasilien mehr Ethanol importieren.

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          Der brasilianische Ethanol-Treibstoff gilt als besonders umweltfreundlich. Benzin habe einen achtmal höheren Schadstoffausstoß, das in den Vereinigten Staaten aus Mais produzierte Ethanol sei nur unwesentlich sauberer als Benzin, erläutert der Klimaexperte Carlos Nobre vom Instituto Nacional de Pesquisas Espaciais (Inpe), dem Nationalen Institut für Raumstudien. Die Ausweitung von Produktion und Verbrauch des Biotreibstoffs verschärfe dennoch eher die Umweltprobleme, mit denen sich Brasilien herumplagt, und bringe überdies neue mit sich.

          Vor allem der Amazonas-Regenwald gerät noch mehr als bisher in Gefahr. Zwar wird er durch die Zuckerrohrplantagen nicht direkt bedroht, weil Zuckerrohr dort nicht gedeiht. Durch die ungehemmte Expansion der Anbauflächen in anderen Gebieten verlagern sich aber die Kulturen von Soja und anderen Nutzpflanzen, vor allem aber die Viehzucht, weiter ungehemmt auf ehemaliges Urwaldterritorium. Die „fazeinderos“ stellen gerade Millionen Hektar Anbauflächen um auf den Zuckerrohranbau.

          Effiziente Produktion vonnöten

          Nobre glaubt nicht, dass die Entwicklung noch aufzuhalten ist. Auf der ganzen Welt werde die Nachfrage nach Biobrennstoffen weiter unaufhaltsam steigen, weil sie einstweilen der bequemste Ersatz für die zur Neige gehenden fossilen Energieträger seien. Bei dieser Entwicklung spielten fast nur wirtschaftliche und nicht umweltpolitische Überlegungen eine Rolle, da der ohnehin schon hohe Ölpreis in den nächsten Jahrzehnten nicht sinken, sondern noch weiter steigen werde.

          Der Druck auf besonders empfindliche Ökosysteme wie den Amazonas-Regenwald kann nach Ansicht des Klimaforschers nur vermindert werden, wenn Biobrennstoffe so effizient wie möglich produziert werden. Im Bundesstaat São Paulo, wo sich der Großteil der Zuckerrohrplantagen befindet, sei es immerhin gelungen, mehr Ethanol auf einer geringeren Fläche zu produzieren. Mit Hilfe neuer Techniken müsse man versuchen, auch aus anderen Biostoffen wie bestimmten Gräsern, die auf schlechteren Böden als die vergleichsweise anspruchsvolle Zuckerrohrpflanze gedeihen, oder aus Holzabfällen Ethanol herzustellen, meint der Klimafachmann. In anderen Weltregionen versuche man ohnehin schon, Treibstoffe aus sehr verschiedenen biologischen Materialien zu gewinnen.

          Der politische Wille fehlt

          Brasilien verfügt über etwa 200 Millionen Hektar Land, das für Landwirtschaft geeignet ist. Oft wird es aber nicht rentabel genutzt oder liegt ganz brach, nach vorsichtigeren Schätzungen sind es immerhin mindestens 50 Millionen Hektar. Das bedeute, so Nobre, dass es noch ausreichend Flächen für eine Ausweitung der Produktion von Biobrennstoffen gebe, ohne dass die Ökosysteme in Mitleidenschaft gezogen werden müssten. Es fehle in Brasilien jedoch am politischen Willen zu einer sinnvollen Raumordnung und an zuverlässigen Kontrollen. „Wenn es keine Kontrolle gibt, breiten sich Landwirtschaft und Viehzucht da aus, wo das Land am billigsten ist, und das ist nun einmal im Amazonas-Gebiet.“ Dort kostet es gar nichts. Nobre nennt es „gestohlenes Land“ - Gelände, das sich Eindringlinge mit Hilfe gefälschter Grundbesitztitel einfach aneignen.

          Der Wissenschaftler und seine Kollegen arbeiten an Klimamodellen, mit denen sie herausfinden wollen, welche Folgen für das Klima in Südamerika und für den gesamten Planeten die weitere Verwandlung des Amazonas-Regenwaldes durch Abholzung, Abbrennen und landwirtschaftliche Nutzung in eine Savannenlandschaft mit einem weit geringeren Artenreichtum haben könnte. Wahrscheinlich ist, dass die Regenfälle im Amazonasgebiet zurückgehen werden und die Durchschnittstemperatur dort in den nächsten Jahrzehnten vor allem wegen des Treibhauseffekts um mindestens zwei bis drei Grad, möglicherweise um bis zu sechs Grad steigen könnte. Das werde sich, so Carlos Nobre, nicht generell auf das globale Klima auswirken, sondern eher Klimaveränderungen anderswo hervorrufen - etwa in Nordafrika, Nordamerika oder Europa.

          Quelle: F.A.Z., 05.05.2007, Nr. 104 / Seite 9

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