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Ornithologie: Kleine Vogelkunde

Foto: www.fotex.de

Kleine Vogelkunde

ROLAND WENGEMAYR und TIM SCHRÖDER
Foto: www.fotex.de

04.07.2017 · Die Zahl der Vögel in Deutschland ist seit dem Zweiten Weltkrieg um zwei Drittel zurückgegangen. Anderswo sieht es nicht besser aus. Doch welche Vögel sind besonders betroffen? Und warum? Wir stellen ein Dutzend Vertreter vor. Fünfter und letzter Teil unserer Vogelserie.


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Bekassine


Foto: Vario Images

Bekassine

Foto: Vario Images

W er kennt noch das meckernde „Mhuhuhuhurr“, das die Balz-Sturzflüge der Bekassine untermalt? Die Himmelsziege, wie der mittelgroße Schnepfenvogel auch genannt wird, erzeugt es mit den äußeren Schwanzfedern, die er im Fahrtwind vibrieren lässt. Doch in den meisten Gegenden Deutschlands hat Gallinago gallinago leider ausgemeckert. Schuld ist das Trockenlegen von Mooren und Feuchtgebieten. Allein in Schleswig-Holstein fiel die Zahl von bis zu 15 000 Brutpaaren um 1970 innerhalb von nur zwei Jahrzehnten um neunzig Prozent. Derzeit werden in Deutschland noch bis zu 8500 Reviere gezählt, in denen je ein Männchen – seltener ein Weibchen – balzt, vor allem in der norddeutschen Tiefebene. Die Rote Liste der Brutvögel Deutschlands stuft die Bekassine als „vom Aussterben bedroht“ ein.

Die Stimme der Bekassine (Gallinago gallinago)


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Feldlerche


Foto: Bernd Janßen / F1online

Feldlerche

Foto: Bernd Janßen / F1online

„E s war die Nachtigall, und nicht die Lerche“, lässt Shakespeare Julia sagen. Wohl wissend, dass die Feldlerche ein Frühaufsteher ist und dass mit ihrem Gesang die romantische Nacht zu Ende geht. Mancher Wanderer, der schon zeitig unterwegs ist, blickt der Feldlerche hinterher, wenn sie in steilem Flug aufsteigt und weithin ihr helles Zwitschern ertönen lässt. Alauda arvensis brütet im offenen Gelände, im knöchelhohen Gras und fühlt sich am sichersten, wenn sie einen freien Blick zum Horizont hat. Vor der Brut scharrt das Weibchen eine kleine Mulde für die Eier aus. Früher war die Feldlerche ausgesprochen häufig. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft seit den 1960er Jahren aber kam es in vielen Regionen zu einem dramatischen Bestandsrückgang. Die Versiegelung der Landschaft, der Einsatz von Umweltchemikalien und der damit verbundene Verlust vieler Insekten verstärken den Abwärtstrend. Damit bringt es die Feldlerche inzwischen auf ein „gefährdet“.

Die Stimme der Feldlerche (Alauda arvensis)


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Zilpzalp


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Fitis/Zilpzalp

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M ancher Vogelfreund hat sich schon die Haare gerauft, wenn er versucht hat, den Fitis (Phylloscopus trochilus) anhand des Gefieders zu bestimmen. Er ist klein, graugrün und seinem Vetter, dem Zilpzalp, zum Verwechseln ähnlich. Erschwerend kommt hinzu, dass Fitis und Zilzalp denselben Lebensraum favorisieren, vor allem lichte Wälder und junge Baumbestände. Einzig an ihrem Ruf kann man sie sicher unterscheiden. Der Fitis lässt eine Folge absteigender Töne erklingen, Ornithologen beschreiben sie bildhaft mit einem fallenden Blatt. Der Zilzalp hingegen ruft, wie er heißt, „zilp zalp“. Obwohl sich beide Vogelarten so ähnlich sind, haben sich ihre Bestände in Deutschland unterschiedlich entwickelt. Während der Zilzalp seit den 1990er Jahren wieder vermehrt in Erscheinung tritt, ist der Bestand des Fitis um etwa die Hälfte geschrumpft. Experten führen das vor allem auf die Zerstörung von Lebensräumen im Überwinterungsgebiet südlich der Sahara zurück. Der Zilpzalp hingegen verbringt den Winter vorwiegend in Südeuropa und kommt dort offensichtlich gut über die Runden.

Die Stimme des Zilpzalp (Phylloscopus trochilus)


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Flussregenpfeifer


Foto: Arco Images / face to face

Flussregenpfeifer

Foto: Arco Images / face to face

W o gebaggert wird, ist der Flussregenpfeifer zu Hause. Der kleine Vogel mit der hübschen schwarzen Augenbinde und Halskrause legt seine Eier normalerweise auf Schotter-, Kies- und Sandufern ab. Heute aber nutzt er für die Brut auch gern ruhige Ecken von Kies- und Sandgruben, Kohletagebauen oder Steinbrüchen. Wer Charadrius dubius) beobachten will, muss genau hinschauen. Denn der Vogel trippelt flink über Schotter und Steine hinweg, pickt hier und da nach Würmern, Spinnen, Insekten und anderen Bodentieren und huscht schnell weiter. Recht häufig kommt er entlang der Elbe vor, an der noch in manchen Abschnitten weitgehend naturnahe Flussufer zu finden sind. Nicht zuletzt dank der vielen vom Menschen geschaffenen künstlichen Habitate gilt der Bestand des Flussregenpfeifers in Deutschland als stabil.

Die Stimme des Flussregenpfeifers (Charadrius dubius)


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Großer Brachvogel


Foto: Interfoto

Großer Brachvogel

Foto: Interfoto

K aum ein Vogel kann so gut stochern wie der Große Brachvogel. Mit seinem empfindlichen, charakteristisch gebogenen Schnabel ertastet er Nahrung im Boden sehr genau, hauptsächlich Krebschen und Muscheln. Geschickt pult er wie mit einer Pinzette auch Schnecken aus ihren Häusern. Numenius arquata ist heute vor allem in Nordwestdeutschland zu finden, wo er auf extensiv genutztem Grünland, in Mooren, Heiden und Dünen brütet. Auch im Wattenmeer sind Große Brachvögel häufiger zu beobachten, dort aber vor allem als Zugvögel, die sich für den Flug in die Brutgebiete der skandinavischen und russischen Tundra Fettreserven anfressen. Manchem Wattwanderer, der an einem ruhigen Frühjahrs- oder Herbsttag unterwegs ist, dürfte das melancholische langgezogene „Kur-liii“ des Großen Brachvogels, das weit über das Watt hallt, noch lange in Erinnerung bleiben. Mit der Abtorfung großer Moore, der Entwässerung von Feuchtwiesen und durch die Umwandlung von Grünland in Ackerland ist der Bestand des Großen Brachvogels seit Mitte des letzten Jahrhunderts um etwa die Hälfte auf etwa viertausend Brutpaare geschrumpft. Vor allem in Süddeutschland und Hessen hält dieser Abwärtstrend an.

Die Stimme des Großen Brachvogels (Numenius arquata)


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Kiebitz


Foto: YourPhotoToday

Kiebitz

Foto: YourPhotoToday

K leine Geschenke erhalten die Freundschaft. Das dachten sich auch die „Getreuen von Jever“, betuchte Bürger der friesischen Stadt, die dem Reichskanzler Otto von Bismarck jedes Jahr zu dessen Geburtstag exakt 101 sorgsam verpackte Kiebitzeier zukommen ließen. Kiebitzeier waren damals eine Delikatesse, und deren Erzeuger Vanellus vanellus gab es noch zuhauf. Zu Hunderten vollführten die Vögel über den Wiesen Frieslands ihre wilden, zackigen Flugmanöver und ließen dabei ihr „Kiewitt“ erklingen. Heute müsste man lange suchen, um überhaupt Eier zu finden, denn der Kiebitz mit der lustigen Federtolle ist selten geworden. In den 1980er Jahren lag die Zahl der Brutpaare in Deutschland bei etwa 215 000, heute liegt sie bei geschätzten 63 000 bis 100 000, Tendenz fallend. Die Ursache ist wie bei vielen anderen Bodenbrütern die flurbereinigte Landschaft, in der es immer mehr an feuchten Wiesen und brachliegenden Weiden fehlt.

Die Stimme des Kiebitz (Vanellus vanellus)


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Kornweihe


Foto: Getty

Kornweihe

Foto: Getty

M an stelle sich vor, es gäbe hierzulande nur noch hundert Menschen. So ergeht es der in Deutschland fast ausgestorbenen Kornweihe mit vierzig bis sechzig Brutpaaren. Die letzten ihrer Art überdauern vorwiegend auf ost- und nordfriesischen Inseln. Eine Bestandserholung ist nicht in Sicht. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war der bussardgroße Greifvogel zwar ebenfalls nicht häufig, aber großflächig verbreitet. Vor allem Küstenregionen mit niedrigem Gestrüpp und Salzwiesen schätzt Circus cyaneus, aber auch traditionell landwirtschaftliche Regionen im Binnenland. Für ihren starken Rückgang wird vor allem das Trockenlegen von Feuchtgebieten verantwortlich gemacht. Wer heute eine seltene Begegnung erlebt, kann die Kornweihe im Flug am leuchtend weißen Fleck auf dem Schwanzansatz erkennen. Wie bei anderen Weihenarten sind bei erwachsenen Vögeln die Geschlechter gut unterscheidbar. Die größeren und schwereren Weibchen sind auf der Flügeloberseite braun gefärbt, die Männchen blaugrau.

Die Stimme der Kornweihe (Circus cyaneus)


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Rebhuhn


Foto: imageBROKER RM/F1online

Rebhuhn

Foto: imageBROKER RM/F1online

E s gibt Kulturflüchter und Kulturfolger. Zu Letzteren zählt das Rebhuhn, das hierzulande lange von der menschlich geprägten Landschaft profitiert hat. Wer als Kind vor einem halben Jahrhundert auf dem Land aufgewachsen ist, hat beim Spielen oft genug die kompakten Wildhühner aus Büschen aufgescheucht. Seit den frühen 1980er Jahren hat sich der Bestand von Perdix perdix in den meisten Gebieten Deutschlands mindestens halbiert, in einigen Regionen fiel er sogar um bis zu neunzig Prozent. Der dramatische Rückgang auf maximal 64 000 Balzreviere hat dem Rebhuhn ein „stark gefährdet“ in der Roten Liste eingebrockt. Das Weibchen ist unscheinbar braun. Der Hahn aber macht was her, mit seiner orangefarbigen Maske ist er ganz Verführer. Sonst ist er überwiegend in seidig-feingemustertes Grau gekleidet. Zum dunkelbraunen Bauchfleck trägt er eine passende Rückenweste, die in Strahlen über die Flanken ausgreift.

Die Stimme des Rebhuhns (Perdix perdix)


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Steinschmätzer


Foto: www.fotex.de

Steinschmätzer

Foto: www.fotex.de

E r kann nichts dafür, aber der Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe) war in Deutschland ein Kriegsgewinnler. Das erfährt man von Franz Bairlein, Direktor des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven. Doch nicht deswegen trägt das Männchen eine schwarze Maske. Im Prachtgewand im Frühjahr leuchtet dazu seine Brust rosabeige. Kopf und Rücken sind hellgrau, die Flügeldecken und der Schwanz dunkel. Das Weibchen ist schlichter gefärbt, um beim Brüten in Felsspalten nicht aufzufallen. Die kleinen Sperlingsvögel lieben offene Tundralandschaften mit Felsbrocken. Und der Zweite Weltkrieg schuf eine aus ihrer Sicht herrliche Trümmerlandschaft. Der Steinschmätzer fühlte sich hier so wohl, dass sein Bestand kräftig zunahm. Heute ist Deutschland zu ordentlich für ihn geworden. Mit 4200 bis 6500 Balzrevieren ist er selten geworden, aber weltweit gesehen nicht gefährdet. Der 25 Gramm leichte Vogel kann enorme Strecken bewältigen. Steinschmätzer aus Alaska ziehen zum Überwintern fast 15 000 Kilometer weit bis nach Afrika.

Die Stimme des Steinschmätzers (Oenanthe oenanthe)


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Wachtelkönig


Foto: Wildlife / M.Varesvuo

Wachtelkönig

Foto: Wildlife / M.Varesvuo

D er Wachtelkönig hat viele Namen, allein im deutschsprachigen Raum sind 118 Bezeichnungen bekannt – ein Zeichen dafür, dass er früher ausgesprochen weit verbreitet war. Die Stimme von Crex crex klingt wie das Kratzen eines Kammes, dessen Zähne man mit einem harten Gegenstand anstreicht. Wachtelkönige brüten im hohen Gras auf landwirtschaftlich genutzten oder brachliegenden wechselfeuchten Flächen oder in Flussniederungen. Der Vogel ist so gut versteckt, dass man eigentlich nur seine Stimme kennt, man bekommt ihn kaum jemals zu Gesicht. Mittlerweile gehört der Wachtelkönig zu den „stark gefährdeten“ Vogelarten. Mancher Bauplaner fürchtet ihn, weil er Bauvorhaben kippen kann, wenn er in dem betreffenden Gebiet brütet. Mitte des 18. Jahrhunderts gab es allein in Norddeutschland noch etwa 7500 Reviere. Heute sind es in ganz Deutschland weniger als 4000.

Die Stimme des Wachtelkönigs (Crex crex)


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Wendehals


Foto: Picture Press / Do van Dijk / NiS

Wendehals

Foto: Picture Press / Do van Dijk / NiS

Ü berleben wird dieser Vogel sicher in unserem Sprachschatz, doch er selbst ist hierzulande stark gefährdet. Den Namen Wendehals verdankt Jynx torquilla einer schlauen Abwehrstrategie. Fühlt er sich im Nest bedroht, bewegt er seinen Hals wie eine Schlange und stößt drohend zischende Laute aus. Der graubraun gemaserte, perfekt getarnte Geselle ist nur schwer auszumachen, am ehesten über den klagend-quäkenden Ruf. Seine durchdringende Stimme verrät, dass er zu den Spechten gehört, wenn auch als kleiner Exzentriker. Er sitzt aufrecht wie ein Singvogel da und zimmert keine Höhlen, sondern übernimmt sie als Fertigbau von anderen Spechtarten. Den Winter verbringt er südlich der Sahara. Mit dem deutschen Bestand geht es bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts bergab. Hauptursache ist die Überdüngung, durch die magere, ameisenreiche Grasfluren verschwinden. In guten Jahren besiedelt der Ameisenfresser noch etwas mehr als 15 000 Reviere.

Die Stimme des Wendehalses (Jynx torquilla)


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Wiedehopf


Foto: www.fotex.de

Wiedehopf

Foto: www.fotex.de

A lle kennen die Vogelhochzeit, bei der der Wiedehopf der Braut „’nen Blumentopf“ bringt. Doch in Deutschland hört man heute kaum noch das weittragende „Huup huup huup“. Diesem Ruf verdankt Upupa epops seinen lateinischen Namen und auch den englischen: Eurasian Hoopoe. Spektakulär sieht es aus, wenn der Wiedehopf bei Erregung seinen Schopf auffächert und mit seinen schwarzweiß gemusterten Flügeln aufflattert. Die Männchen gleichen den Weibchen. Mit ihrem langen Schnabel bohren sie nach ihrer Lieblingsspeise, der Maulwurfsgrille. Damit pulen sie auch das Insekt, das unterirdisch Pflanzen anfrisst, geschickt aus seinem Panzer. Sie lieben warme Heidelandschaften, Streuobstwiesen, extensiv bewirtschaftete Weinberge und neuerdings Truppenübungsplätze. Zum Brüten brauchen sie Höhlen oder geräumige Nistkästen. Der Verlust an geeigneten Lebensräumen setzt dem bis vor hundert Jahren bei uns häufigen Vogel zu. 650 bis 800 Brutreviere gibt es heute noch in Deutschland, immerhin mit leichter Erholungstendenz.

Die Stimme des Wiedehopf (Upupa epops)

Weitere Folgen unserer Ornithologie-Serie:
Sag mir, wo die Vögel sind (1)
Die Drossel übt Mozart in g-Moll (2)
Was gibt’s denn da zu sehen? (3)
Ein Spatz kommt selten allein (4)

Literatur: „Atlas Deutscher Brutvogelarten“, herausgegeben durch die Stiftung Vogelwelt Deutschland und den Dachverband Deutscher Avifaunisten, 800 Seiten, 98,00 Euro, online www.dda-web.de

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 04.07.2017 13:09 Uhr